Der Fall ins Bodenlose – FAZ-Journalist Michael Martens

„In früheren Jahren bediente man sich der Folter, jetzt bedient man sich der Presse. Das ist sicherlich ein Fortschritt. Aber es ist auch ein großes Übel, es schädigt und demoralisiert uns.“ So, als hätte Oscar Wilde mitbekommen, was sich im deutschen Pressewesen seit dem proklamierten Ende der Geschichte ereignet hat. Und es ist anzunehmen, dass er sich noch drastischer geäußert hätte, wäre er Zeuge von Aussagen wie der der Kanaille geworden, die sich im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung auf dem Balkan herumtreibt. Seine Frage an den ukrainischen Präsidenten,  was „wir“ tun könnten, um noch mehr Russen zu töten, ist leider keine Ausnahme. Sie dokumentiert jedoch, dass sich hinter diesem, wie bei den meisten der selbst ernannten Qualitätsblätter, längst nicht mehr ein kluger, sondern ein roher Kopf verbirgt.  Die Zeiten, in denen man zumindest vorgab, so etwas wie eine Zivilisation zu repräsentieren, sind vorbei. Bei der Lektüre dieser Blätter dominiert die Produktion von Feindbildern und das Kriegsgeschrei. Hinzu kommen die bis zum Erbrechen gesendeten Talk Shows, in denen auch preisgekrönte Barbie-Puppen die Renaissance des Rassismus zelebrieren dürfen, ohne dass irgend jemand von den geleasten Entertainern auch nur die Courage hätte, solche Hetzer und Demagogen aus dem Studio zu weisen.

Das Kuriose bei diesem Fall ins Bodenlose ist die Chuzpe, mit der genau diese Protagonisten es sich erlauben, vor einer Gefahr für die Demokratie zu warnen. seit wann sind Hetzer und Kriegspropagandisten, Rassisten und Waffendealer die Wächter der Demokratie? Sie können dieses Manöver nur durchführen, weil sie glauben, es fiele dem Mob nicht mehr auf, was sie dort treiben. Der bei der denkwürdigen Belgrader Pressekonferenz befragte Selenskij hatte sich noch jüngst dagegen gewehrt, dass sich die Polacken erlaubten, gegen die Auszeichnung von ukrainischen Militärverbänden zu protestieren, die sich ihrer Historie rühmen, in Polen Pogrome gegen Juden und die Zivilbevölkerung durchgeführt zu haben. In der hiesigen Presse hieß es dazu lediglich, es bestünde eine Meinungsverschiedenheit zwischen Polen und der Ukraine in der Bewertung der Historie. Auch diejenigen, die diesen demagogischen Mist absondern, gehören zu der Kanaille, die die Hegemonie über den öffentlichen Diskurs nutzen, um alles an die Wand zu fahren, was als europäische Zivilisation einmal existiert hat.

Die Kriminellen, die das zu verantworten haben, sind die Besitzer dieser Blätter. Und die Knechte aus einer komplett untergegangen Politikerklasse, die auch noch nach diesen Kriegstrommeln tanzen, sind die Werbeträger für die Abkehr von allem, was sie als Demokratie reklamieren. Das für sie Diabolische dabei ist, dass die sich als Alternative anbietende Fraktion nichts, aber auch gar nichts machen muss, um Zulauf zu bekommen. Mit jedem Unsinn, den das ferngesteuerte oder überforderte Konsortium veranstaltet, wächst der eigene Stimmenanteil. Und je mehr sich dieser Alternative zuwenden, desto größer wird die Evidenz, dass die Verantwortlichen es nicht können und/oder nicht wollen.

Da kann man nur, um bei dem unappetitlichen Genre des Journalismus zu bleiben, auf die historische Wellenbewegung hoffen. Auch zu Oscar Wildes Zeiten folgte der Dominanz einmal der Abstieg. „Man amüsiert sich (…) über den Journalismus oder wendet sich mit Ekel von ihm ab, je nach dem Temperament. Aber er ist nicht mehr die Macht, die er vordem war. Man nimmt ihn nicht mehr ernst.“

Bleibt zu hoffen, dass die vermeintlichen Intellektuellen in diesem Land als Letzte dieser Erkenntnis folgen.

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