Auf der Suche nach Robespierre – Blick von Moskau auf die Ereignisse in Paris

Auf der Suche nach Robespierre – Blick von Moskau auf die Ereignisse in Paris

Die farbigen Revolutionen haben eine weitere Farbe gefunden: Gelb. Die Farbe der Geldwesten. Viele andere Farben in verschiedenen Ländern gab es bereits. Und wenn wir bedenken, dass der Regenbogen nur sieben Farben hat, dann könnte es bald zu Ende sein mit den farbigen Revolutionen.  Obwohl ich selbst das nicht glaube.

Ich habe mir die Ereignisse in Frankreich von  Moskau aus angesehen. Daher war es nicht leicht zu verstehen, was geschah. Zunächst schien es, als hätten die jungen Franzosen beschlossen, den 50. Geburtstag der Ereignisse von 1968 zu feiern. Aus diesem Anlass habe ich sogar den berühmten Film „Dreamers“ von Bernardo Bertolucci hastig noch einmal angesehen. Ich begriff jedoch schnell, dass die Ereignisse dieser Zeit bei näherer Betrachtung für den modernen Menschen paradox erscheinen könnten, vergiftet durch Konsumentenpsychologie und Ideologie. War der Krieg damals doch längst beendet, und das Wirtschaftswachstum in den Ländern Westeuropas wuchs sehr schnell. Auch die Arbeitslosigkeit fiel auf ein Rekordtief. Im Allgemeinen wuchsen die jungen Leute, wuchs die neue Nachkriegsgeneration unter ziemlich bequemen Bedingungen heran. Aber es zeigte sich, dass dies nicht genug war. Nicht zufällig wurde direkt ans Gebäude der Sorbonne geschrieben: „Man kann sich nicht in die Zunahme der Industrieproduktion verlieben.“ In der Tat, das ist unmöglich. Die Jugendlichen waren gegen den Kapitalismus und gegen den Sozialismus im sowjetischen Stil. Im Ganzen gab es, wie ich es sehe, keine klaren und klugen Ideen.  Aber es gab eine helle unangepasste Kunst.

Und was ist jetzt? Natürlich ist mit der Wirtschaft bei Weitem nicht alles in Ordnung. In den letzten zehn Jahren ging die Bruttosozialproduktion um acht Prozent zurück, was für einen Staat wie Frankreich ziemlich viel ist. Aber die Läden sind voll, niemand stirbt an Hunger. Überhaupt sollte man sich erinnern, dass de Gaulle sich einmal gefragt hat, wie man ein Land regieren kann, in dem es 242 Käsesorten gibt. Doch Käse ist Käse – die Verschlechterung des Lebensstandards offensichtlich.

In Russland behaupten einige Analysten, Frankreich sei ein fast sozialistisches Land. In dem Sinne, dass es mehr ausgibt, als es einnimmt. Jetzt will Präsident Macron es das Lebensniveau anheben. Vielleicht ist das so. Aber wie bekannt, ist Macron der Präsident der Reichen. Und das hat ihn folgende Worte sagen lassen: „Es gibt Erfolgreiche und es gibt Nieten.“ Diese Worte können ihm viele, die jetzt auf den Pariser Straßen gingen, nicht vergeben. Natürlich waren der Anstieg der Benzinpreise und die Erhöhung der Steuern der Anlass. Aber nur Anlass. Die wahren Gründe sind wahrscheinlich andere: sie liegen in der Krise des Systems selbst. Aber wenn eine Krise des Systems auftritt, fällt es vielen gewöhnlichen Bürgern schwer, ihre Klagen über das Geschehen zu formulieren. In den vergangenen Tagen habe ich mit vielen meiner Pariser Freunde gesprochen. Alle sind sich einig, dass in Paris und in anderen französischen Städten alles spontan geschah, es gab keine offensichtlichen Organisatoren. Vielleicht ist das so, obwohl es schwer ist, das zu glauben. Aber als Ursache der „Revolution der Gelbwesten“ werden verschiedene Gründe angegeben. Die einen sagen, dies sei ein Aufstand gegen die Europäische Union und Brüssel, gegen das Eurokapital. Andere sind mit ihrer eigenen Regierung und dem Scheitern der Politik des Multikulturalismus nicht einverstanden. Wieder andere glauben, dass dies eine Revolution gegen den Kapitalismus überhaupt sei. Aber die Ereignisse können zurzeit weder neue Ideen hervorbringen, noch einen echten Anführer. Es gibt weder einen neuen Robespierre noch den alten de Gaulle.

Russen hatten schon immer eine besondere Beziehung zu Frankreich. Daher waren viele überrascht von der Brutalität, mit der insgesamt 70.000 Polizisten die Demonstrationen zerstreuten. Vier Tote, hunderte von Verwundeten und Verhafteten. Und überrascht sind alle, dass einige Leute in Frankreich und nicht nur in Frankreich wieder nach der berüchtigten „Hand des Kreml“ suchen. Einige fragen sich sogar, ob angesichts solcher Brutalitäten bei der Zerschlagung der Demonstrationen  wirtschaftliche Sanktionen verhängt werden. Aber das ist schon so ein Humor bei den Russen.

Obwohl alles, was passiert ist, schon nicht mehr lustig ist. Es könnte eher zum Weinen sein.

P.S. Während ich diese Zeilen schrieb, kam es in Katalonien zu Ausschreitungen. Das ist in der Tat nicht mehr lustig.

Efim Bershin

Übersetzung: Kai Ehlers

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