AUSSTERBENDER OSTEN – Die demografische Krise in Osteuropa droht ihnen mit dem Verlust der Staatlichkeit

AUSSTERBENDER OSTEN – Die demografische Krise in Osteuropa droht ihnen mit dem Verlust der Staatlichkeit

Wenn ich zu unserem Markt in Chimki bei Moskau komme, sehe ich sofort, dass die Auflösung der Sowjetunion noch lange nicht vorbei ist. Denn die Vertreter fast aller ehemaligen Sowjetrepubliken stehen hinter den Verkaufsständen. Sie arbeiten hier.  Nicht nur auf dem Markt. In Russland kommen die meisten Hausmeister, Taxifahrer und Bauarbeiter – aus Tadschikistan, Aserbaidschan, Usbekistan, der Ukraine, Moldawien und anderen ehemaligen Sowjetrepubliken.

Viele Menschen auf unserem Markt kennen mich bereits, deshalb erzählen sie mir gerne, was in ihrem Heimatland vor sich geht. Und dort, in den ehemaligen Republiken, ist es in der Regel nicht gerade lustig. Nach Beginn der Ära des „wilden Kapitalismus“ wurde das System der sozialen Unterstützung der Bevölkerung vollständig zerstört, die medizinische Versorgung  abgebaut und Massenarbeitslosigkeit begann. Das Ergebnis: starker Anstieg der Sterblichkeit, starker Rückgang der Geburtenraten und massiver Abgang der arbeitsfähigsten Teile der Bevölkerung in andere Länder.  Kinder, ältere Menschen und Menschen, die im Ausland keine Arbeit finden, bleiben in der Regel zu Hause. Wenn ein Mann oder eine Frau jahrelang weggeht, trennen sich die Familien natürlich.

Und all dies betrifft nicht nur die ehemaligen Sowjetrepubliken. Laut der französischen Zeitung „Le Mond Diplomatique“ sind nach dem Zusammenbruch des sozialistischen Systems die meisten osteuropäischen Länder von einer echten demographischen Katastrophe betroffen. Erstens begannen die Menschen, ihre Länder in großer Zahl zu verlassen. Durch die neue Umsiedlung von Völkern haben die osteuropäischen Länder mehr Menschen verloren als in den beiden Weltkriegen des letzten Jahrhunderts. In den letzten 30 Jahren verließen 14% der Bevölkerung Rumänien, 16,9% Moldawien, 18% die Ukraine, 19,9% Bosnien, 20,8% Bulgarien und Litauen und 25,3% Lettland. Einzige Ausnahme ist die Tschechische Republik, wo es möglich war, die soziale Unterstützung der Bevölkerung von früher zu erhalten. Osteuropa ist nach Angaben der Vereinten Nationen die Heimat der „aussterbenden“ Länder der Welt. Dies sind vor allem Bulgarien, Rumänien, Polen, Ungarn, Estland, Lettland, Litauen, die Republiken des ehemaligen Jugoslawiens, Moldawien und die Ukraine. Laut Experten des Internationalen Demographischen Zentrums Wittgenstein in Wien „ist dies eine beispiellose Entvölkerung in friedlichen Zeiten“. Und es geht nicht nur um einen katastrophalen Bevölkerungsabfluss, sondern auch um die Tatsache, dass die besten Spezialisten diese Länder verlassen – sie werden oft einfach von westlichen Ländern angelockt.

Nach Ansicht der gleichen Experten hat die Ukraine die tragischsten Veränderungen durchgemacht. Anfang der 90er Jahre lebten dort 52 Millionen Menschen, heute gut 40 Millionen. Allein in den letzten Jahren haben acht Millionen Menschen das Land verlassen, um in der Europäischen Union und in Russland zu arbeiten. Und nach soziologischen Umfragen träumen weitere 35 Prozent der Bevölkerung davon, zum frühestmöglichen Zeitpunkt zu gehen. Litauen ist nicht weit davon. In den letzten Jahren haben 300.000 Menschen das Land verlassen – ein Zehntel der Bevölkerung.

Es stellt sich die Frage: Wie lange kann die demografische Krise andauern? Ganz sicher nicht sehr lange. Denn die sozialen und medizinischen Versorgungssysteme können nicht funktionieren, wenn die Mehrheit der Bevölkerung Rentner und Kinder sind. Daher wird die Staatlichkeit irgendwann definitiv zusammenbrechen. Und wofür  wurde unter diesen Umständen die Staatlichkeit gebraucht? Damit sie sich selber zerstört?

Natürlich sterben und emigrieren die Menschen nicht freiwillig. Sie wurden durch die Umstände dazu gezwungen. Und natürlich,  denke ich, vermissen sie in einem fremden Land noch immer ihre Heimat. Wenn ich also auf den Markt gehe, versuche ich, den Anbietern in ihren Sprachen ‚Hallo‘ zu sagen. Da musst du sehen, wie dankbar ihre Augen sind.

Efim Bershin

Übersetzung: Kai Ehlers

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COMMENTS

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    Der ehemalige Staatssekretär im Verteidigungsministerium in der Kanzlerschaft Helmut Kohls (unter Volker Rühe)erzählte mal in einem langen Interview, dass Kohl kurz nach der deutschen Wiedervereinigung in einem internen Gespräch alarmiert geäußert haben soll (soviel Empathie hätte ich ihm nicht zugetraut), die USA würden fatalerweise den Kalten Krieg als „Dritten Weltkrieg“ betrachten, aus dem sie als Sieger hervorgegangen seien.

    Nun, offenbar ist in den Augen der Zyniker im Pentagon erst 1989 der Dritte Weltkrieg ins eine entscheidende Phase getreten, den sie nach der Devise von Catho dem Älteren mit der endgültigen Zerstörung der Staatlichkeit in Russland als abgeschlossen betrachten. Vollmundig haben hohe Militärs und Politiker im Pentagon ja bereits verkünden lassen, dass falls Containment und wirtschaftliche Strangulation nicht reichen würden, auch ein Nuklearkrieg in Betracht gezogen werden müsse.

    Dessen Vorbereitung sehen wir durch die derzeitige Aufrüstung und die Zerstörung des ABM, INF und demnächst des START-Vertrags seit der Ära Bush.

    Dass die weitere Demontage des Ostens von Anfang an geplant war und in der Marginalisierung und Erosin des deutschen Ostens eine innerdeutsche „Front“ implizierte, zeigt ein aufschlussreiches Dokument von 1989, eine Videoaufzeichnung mit ehemaligen und späteren US-Verteidigungsministeriums in ihrem öffentlich ausgestrahlten Third Annual Report.
    https://www.youtube.com/watch?v=9fPzvG7qFRI

    Hier wird sehr deutlich: Es wurde systeamtisch verhindert, dass 45 Jahre Erfahrungen der osteuropäischen Gesellschaften aus der gemeinsamen europäischen Geschichte getilgt und nur Versatzstücke davon in einem US-orchestrierten Narrativ „geframed“werden sollte. Die solchermaßen ihrer eigenen Geschichte beraubten Länder (inklusive der DDR und Russlands) wurden somit der Möglichkeit beraubt, ihre Sichtweisen und Erfahrungen in ein gemeinsames neues Europa, das als souveräne Größe ja gar nicht existieren sollte, einnzubringen. Sie sollten nur materielle und humane Verfügungsmasse und Ressourcenlager werden.

    Und diese unter Stichwörtern wie „Reformen“ durchgeführte Liqudierung wird jetzt gegenüber dem europäischen Kontinent als Ganzem versucht.

    Wenn Europa sich nicht besinnt und die US-Tyrannei nicht abschüttelt, wird es in Gänze zerstört werden. Wir haben es mit einer eliminatorischen Tyrannei zu tun, die sich demagogisch unter dem Mäntelchen der „Freiheit“ feilbietet. Und sie verfügt über eine schier endlose Reservearmee an Lakaien.

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    Horst Beger 5 Monaten

    Und durch den Druck der USA wird „der aussterbende Osten“ in die NATO getrieben und von den Nettozahlern der EU finanziert. Damit „wird Amerika in Europa gehalten, Russland draußen gehalten und Deutschland klein gehalten“, wie der erste NATO-Generalsekretär die Ziele der NATO formuliert hat. Und Deutschland hat sich diesen Zielen von Anfang an masochistisch unterworfen und unterstützt die geostrategischen Ziele der USA.