„Die Waffen Gottes nutzen …“ – Das obszöne Plädoyer des Sergej Karaganov für „präventive atomare Vergeltungsschläge“

„Die Waffen Gottes nutzen …“ – Das obszöne Plädoyer des Sergej Karaganov für „präventive atomare Vergeltungsschläge“

[von Leo Ensel] Mit einer bizarren Geschichtstheologie plädiert der prominente russische Politikberater Sergej Karaganov für einen Ersteinsatz von Atomwaffen gegen westeuropäisches Terrain. Und will damit „die Menschheit vor einer globalen Katastrophe retten.“ 

Kriegszeiten sind, je länger sie dauern, Zeiten der kumulativen Radikalisierung. Früher oder später versteigen sich alle Seiten in die hemmungslosesten Drohungen. Und in die absurdesten Rechtfertigungen. And sooner or later ist es dann soweit, dass niemand Geringeres als Gott persönlich zur Rechtfertigung der eigenen immer verbrecherischer werdenden Ziele in Anspruch genommen wird.

So auch heute wieder.

„Eine schwierige, aber notwendige Entscheidung – Der Einsatz von Atomwaffen kann die Menschheit vor einer globalen Katastrophe retten“ lautet im russischen Original der bemerkenswerte Titel eines Essays, den der prominente Ehrenvorsitzende des russischen „Rats für Außen- und Verteidigungspolitik“ („Совет по внешней и оборонной политике“) und Doktor der Geschichte, Sergej Karaganov, Mitte Juni in der angesehenen Zeitschrift „Russia in Global Affairs“ veröffentlichte.

Der ausgewiesene Fachmann, dem auch immer wieder engere Kontakte zum Kreml nachgesagt werden, stellt also – siehe Untertitel, der, ein Zufall?, in der offiziellen englischen Übersetzung auf derselben Homepage fehlt – die atemberaubende These auf, dass ausgerechnet der Einsatz von Atomwaffen, die Menschheit retten könne! Und in der Tat, Karaganovs Essay ist ein unverhohlen (soll man schreiben „bizarres“ oder „zynisches“?) Plädoyer dafür, mit einem Atomkrieg – genauer: mit gezielten präventiven Atomschlägen auf das Territorium der EU, Posen wird hier explizit erwähnt, – angeblich einen (weltweiten) Atomkrieg, vor dem der heruntergekommene ‚kollektive Westen‘ überhaupt keine Angst mehr zu haben scheint, zu verhindern. O-Ton Karaganov: „Der Feind muss wissen, dass wir bereit sind, einen präventiven Vergeltungsschlag für alle seine aktuellen und vergangenen Aggressionen zu führen, um ein Abgleiten in einen globalen thermonuklearen Krieg zu verhindern.“ Ein wahrer Salto Mortale, der in der gesamten jahrzehntelangen Diskussion zur Strategie der nuklearen Abschreckung selten so dreist postuliert wurde.

Der Widerwille des Autors dieser Zeilen, sich mit diesem Elaborat überhaupt (und sei es polemisch) auseinanderzusetzen, ist immens – Karaganovs Text gehört zu jener Sorte, bei der man nach der Lektüre geduldig abwarten muss, bis der entleerte Magen auch den Kopf wieder abkühlt –, aber es muss sein! Nicht zuletzt aus hygienischen Gründen.

Die Atombombe – die „Waffe Gottes“

Bereits Karaganovs (gar nicht schamhaft versteckte) Geschichtsphilosophie, nein: -theologie, katapultiert den aufmerksamen Leser immer wieder in die prekäre Lage, seinen Augen nicht mehr trauen zu können. Zur Entwicklung der Atombombe schreibt der einflussreiche Politikberater in der seriösen Fachzeitschrift nämlich folgendes:

„Das Auftauchen von Atomwaffen ist das Ergebnis der Intervention des Allmächtigen, der entsetzt war, als er sah, dass Menschen, Europäer und Japaner, die sich ihnen anschlossen, im Laufe einer Generation zwei Weltkriege entfesselten, die Dutzende Millionen Menschenleben forderten, und er übergab der Menschheit die Waffe von Armageddon und zeigte denen, die ihre Angst vor der Hölle verloren hatten, dass er existierte. Auf dieser Angst beruhte der relative Frieden des letzten Dreivierteljahrhunderts.“

Der Allmächtige höchstpersönlich. Ausgerechnet. Darunter macht es der russische Neugläubige nicht. Technikfetischismus und Frömmelei gehen offenbar nicht nur in den USA Hand in Hand. Karaganovs origineller Gottesbeweis lautet demnach: „Es gibt die Atombombe, also ist ER!“[1] Die Atombombe ist also Gottes- und nicht etwa ‚Teufelswerk‘. Da war weiland der Kommunist Erich Honecker, der 1984 die atomaren Kurzstreckenraketen, die er als Reaktion auf die Pershing II und Cruise Missiles in der Bundesrepublik auf DDR-Territorium stationieren musste, als „Teufelszeug“ bezeichnete, erheblich weiter!

Aber die vergleichsweise idyllischen Zeiten des ‚relativen Friedens‘ sind nun definitiv vorbei. Der immer rasanter in die Dekadenz abgleitende Westen hat nämlich zusammen mit seinem Selbsterhaltungstrieb auch die „Angst vor der Hölle“, sprich: vor einem globalen thermo-nuklearen Armageddon, verloren. Weshalb ihm, zur Verhinderung des Äußersten, diese Angst tunlichst wieder eingebleut werden muss – ein Rezept, das neulich auch Karaganovs Kollegen Lukjanov und Trenin unter dem Motto „Bringt die Angst zurück!“ in derselben Zeitschrift propagierten. Und Karaganov will den Westen Mores lehren.

„Eine moralisch schreckliche Entscheidung“

„Wir müssen die Glaubwürdigkeit der nuklearen Abschreckung wiederherstellen, indem wir die inakzeptabel hohe Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen senken und umsichtig, aber schnell die Abschreckungs-Eskalationsleiter hinaufsteigen.“ Diesen – sicher bewusst sehr verklausuliert formulierten – Satz sollte man sich sehr genau auf der Zunge zergehen lassen. Denn er ist an Obszönität nicht zu überbieten.

Auf Deutsch bedeutet er: ‚Wenn es – und zwar nicht irgendwann, sondern im aktuellen Ukrainekrieg – aus russischer Perspektive Spitz auf Knauf stehen sollte, werden wir dem Westen nur dann die berechtigte Angst vor der atomaren Apokalypse wieder einjagen, wenn wir schnellstmöglich gezielte taktische Atomwaffenschläge auf das Territorium der europäischen US-Verbündeten starten.‘ Wie zum Beispiel auf Posen. – Wenige Zeilen später wird Karaganov noch präziser:

„Was aber, wenn sie nicht nachgeben? Haben Sie Ihr Selbsterhaltungsgefühl völlig verloren? Dann müssen Sie eine Gruppe von Zielen in mehreren Ländern treffen, um die Verrückten wiederzubeleben. Dies ist eine moralisch schreckliche Entscheidung – wir nutzen die Waffen Gottes und verurteilen uns selbst zu schweren spirituellen Verlusten. Wenn dies jedoch nicht geschieht, könnte nicht nur Russland zugrunde gehen, sondern höchstwahrscheinlich wird die gesamte menschliche Zivilisation untergehen.“

Die „Verrückten“ durch geziele Atomschläge „wiederbeleben“. Durch diese „Katharsis“ will Karaganov den Westen zur Vernunft zurückbomben. Kurz: Karaganov spielt hier zynisch mit dem Leben, genauer: mit dem Mord, Hunderttausender, gar Millionen unschuldiger Zivilisten – und inszeniert sich dabei auch noch als in einem schrecklichen moralischen Dilemma verstrickten Verantwortungsethiker! Fast ist man versucht, Mitleid mit dem arrivierten Politikberater zu entwickeln …

Hiroshima

Kommen wir von der Mythologie zur trockenen Prosa und schauen wir uns anhand der – aus heutiger Sicht vergleichsweise ‚kleinen‘ – Atombombe von Hiroshima an, was konkret gemeint ist, wenn Karaganov ominös orakelt, die „Waffen Gottes“ zu nutzen.

Mehr als 70.000 Menschen waren sofort tot. Die Bombe tötete 90 Prozent der Bevölkerung in einem Radius von 500 Metern um den Ground Zero. Die meisten Menschen verdampften oder verglühten. Innerhalb einer Sekunde zerstörte die Druckwelle 80 Prozent der Innenstadt. Ein Feuersturm vernichtete elf Quadratkilometer der Großstadt und trieb den für Atombomben charakteristischen Atompilz bis in 13 Kilometer Höhe, der zwanzig Minuten später als hochkontaminierter radioaktiver Fallout auf die Umgebung niederging.

Tote: 282.000. Davon 50 % am Tag des Bombenabwurfes, 35% in den folgenden drei Monaten, 15% seit November 1945. (Die Zahlen variieren. Aber auch wenn die niedrigste Variante, 170.000 Opfer, unterstellt wird, bleibt sich im Prinzip alles gleich.) Krankheiten der Überlebenden (u.a.): Blutkrankheiten (Perniziöse Anämie, Leukämie), durch Verbrennungen verursachte Hautwucherungen (Keloide), Lebererkrankungen, Katarakte, Posttraumatische Belastungsstörungen. Bis heute sterben Menschen an durch den Bombenabwurf verursachten Krebserkrankungen.

Dies also ist das Rezept, mit dem – nicht nur einmal, sondern wiederholt angewendet – Sergej Karaganov „die gesamte menschliche Zivilisation vor einer globalen Katastrophe retten“ will.

Apokalypse und Happyend

Aber diese „moralisch schreckliche Entscheidung“, mit der er nicht zuletzt auch sich selbst „zu schweren spirituellen Verlusten verurteilt“, dieses Kreuz nimmt Karaganov – der adrette, stets perfekt gekleidete Hobbytheologe ist schließlich kein Massenmörder! – nur um des Guten willen auf sich.

„Indem wir den Willen des Westens zur Aggression brechen, werden wir nicht nur uns selbst retten und die Welt endlich von dem westlichen Joch befreien, das fünf Jahrhunderte gedauert hat, sondern wir werden auch die gesamte Menschheit retten. Die Menschheit wird eine neue Chance zur Entwicklung bekommen.“

Dies erinnert frappant an den Satz eines anderen bekannten Mannes:

„So glaube ich heute im Sinne des allmächtigen Schöpfers zu handeln: Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn.“

Und so folgt auch Karaganovs (mittels Atomwaffeneinsatz gerade noch verhinderter) Apokalypse, analog zur Bibel, ein – wenn auch etwas kleinformatigeres – ‚Tausendjähriges Reich‘. Dieses Mal unter russischer Ägide!

PS:

Einige Kommentatoren haben versucht Karaganovs Essay zu entschärfen, indem sie von einer ‚heilsamen Provokation‘ unkten, ihn als eitlen Fatzke oder mediengeilen Außenseiter abtaten, einen Einfluss auf Putin in Zweifel zogen oder auf andere russische Politologen verwiesen, die ihm in derselben Zeitschrift prompt widersprachen. Alle diese Abwiegelungsversuche gehen jedoch, selbst wenn sie stimmen sollten, am Kern der Sache haarscharf vorbei. Denn Karaganovs Essay ist Ausdruck einer rasanten – fast hätte ich geschrieben: blockübergreifenden (die analogen westlichen Essays kennen wir nur noch nicht) – Radikalisierung. So wie er heute ‚argumentiert‘, werden morgen Andere in Ost und West, natürlich noch einen Takt hemmungsloser, loslegen.

Bis übermorgen ‚Sachzwänge‘ im Raum stehen, die auch die zurückhaltendsten Machthaber zu ignorieren sich nicht mehr werden leisten können …

PPS:

Vor knapp zwei Jahren erschien übrigens in derselben Zeitschrift – „Russia in Global Affairs“ – ein sehr langer Essay, dessen zentrale (prophetische?) These lautete: „Solange es Atomwaffen gibt, besteht die Gefahr eines Atomkriegs“. Der Autor: Ein gewisser Michail Sergejewitsch Gorbatschow!

[1] Das einzige, was in diesem Zusammenhang stimmt, vom mythenverliebten Karaganov aber nicht erkannt wird, ist, dass wir Menschen mit der Atombombe in der Tat göttliche Allmacht erlangt haben. Modo negativo, versteht sich! Mit dieser destruktiven Allmacht sind wir allerdings auch zugleich, wie der Philosoph Günther Anders bereits vor über 60 Jahren scharfsinnig herausgearbeitet hat, total ohnmächtig geworden, weil wir – und unser gesamter Planet – jederzeit und überall vernichtet werden können.

Erstveröffentlichung bei Globalbridge

COMMENTS

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    Horst Beger 1 Jahr

    Alexander Puschkin hat in einer Rezension über die historische Stellung des Christentums von 1830 geschrieben: „Das Christusereignis, die Tatsache, dass sich die trinitarische Gottheit an der Zeitenwende mit der Menschheit und der Erde verbunden hat, ist der größte geistige und politische Umbruch unseres Planeten. Mit dieser heiligen Elementarkraft verschwand eine Welt und erneuerte sich.“ (Zitiert aus „Christus in der russischen Literatur“ von Wolfgang Kasack, 1999). Und Herman von Skerst schreibt in seiner „Frühgeschichte und christliche Berufung Russlands“ von 1961: „Russland und das russische Volk empfingen die Berufung und Befähigung, die Christusoffenbarung in die künftigen Jahrhunderte hineinzutragen“.

    Da das westliche(römische) Christentum, das „dem Geist in der Wüste, das heißt dem Antichristen dient“, wie der Dichterphilosoph Fjodor Dostojewskij das in seiner Erzählung „Der Großinquisitor“, einer Philosophie der Freiheit literarisch ausgedrückt hat, die Berufung, das Christentum in die Zukunft zu tragen für sich in Anspruch nimmt, bekämpft dieses das östliche(russische) Christentum seit dessen Bestehen, wie der amerikanische Politologe Samuel Huntington das in seinem Buch „Kampf der Kulturen“ von 1996 aufgezeigt hat, ohne auf den substanziellen Unterschied näher einzugehen. Und er hat darauf hingewiesen, dass diese „Kulturgrenze“ auch die Ukraine in eine vom russischen Christentum geprägte Ostukraine und eine vom römischen Christentum beeinflusste Ostukraine teilt, also ganz aktuell ist.

    Bezogen darauf sind die alttestamentarischen Reaktionen des „neugläubigen“ Sergei Karaganov und dessen „eurasischen Visionen“ auch eine Antwort auf den „Verrat des Westens“, gegen den sich der Osten verteidigen müsse. Das gilt auch für Deutschland, das historisch eine Vermittlerrolle zwischen Ost und West hätte einnehmen können und müssen. Statt dessen hat es sich masochistisch den USA und deren NATO-Vasallen angeschlossen, die einen Stellvertreterkrieg gegen Russland in der Ukraine führen. Und wenn der bigotte amerikanische Präsident Jo Biden, der „dem Geist in der Wüste dient“ faucht und Russland vor einem Atomkrieg warnt, ist das noch obszöner als Sergei Karaganovs Plädoyer für „präventive atomare Vergeltungsschläge“, den Amerika ist bis jetzt das einzige Land der Welt, das Atomwaffen eingesetzt hat.

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