Worüber können Deutsche und Russen heute, mitten in Kriegszeiten, einen Dialog der Zivilgesellschaften überhaupt führen? Die Meinungen gehen weit auseinander. Soll man sich gegenseitig die Vorwürfe um die Ohren hauen? In etwa, dass Russland mit dem Abgriff auf die Ukraine einen Zivilisationsbruch begangen hat und deshalb hart bestraft werden muss? Im Gegenzug kommt die Retourkutsche, Deutschland wolle Russland eine strategische Niederlage zufügen – und dies nicht erst seit dem Kriegsausbruch 2022. Auch der Verdacht, in Deutschland breite sich ein gefährlicher Revanchismus hinsichtlich des verlorenen Krieges 1945 aus, stand während des Meinungsaustausches plötzlich im Raum.
Der Petersburger Dialog existiert als Gesprächsplattform nicht mehr, die deutsche Seite hat ihn ihrerseits aufgelöst. Das offizielle Deutschland wünscht sich momentan keinen Austausch mit Russland, der als Annäherung an den Feind verstanden werden könnte.
Die Russen dagegen wollen den Dialog mit Deutschland, obwohl in Russland eine mentale Distanzierung zu den Deutschen spürbarer wird. Aber das Letzte, was Russland möchte, ist eine Isolation oder gar ein Krieg mit Deutschland. Die Grenzen nach Russland sind offen, weder bei der Einreise noch beim Nutzen des deutschen Mobiltelefon hat es diesmal Restriktionen gegeben.
Der Austausch am 29. April im Petersburger Dialogs zu aktuellen politischen Themen in Moskau war zumindest heilsam. Ein halbes Dutzend deutscher Teilnehmer war dafür extra aus dem frühlingshaften Berlin in das verschneite, kalte Moskau eingereist. Viele Deutsche kombinierten die Tagung mit der Fortsetzung von privaten Gesprächen mit langjährigen Freunden.
Es entsprach den heutigen so unterschiedlichen Weltanschauungen und Narrativen der Deutschen und Russen, dass der Petersburger Dialog
kaum harmonisch verlief. Glückseligkeit hatte auch keiner erwartet.
Die russische Seite zeigte sich irritiert über die europäische Hochrüstung, die vor allem von Deutschland betrieben wird. Offenkundig hat die russische Führung von Kriegsbeginn an das Gross an kriegerischer westlicher Unterstützung an die Ukraine unterschätzt und versteht bis heute nicht, warum sich der Westen in den ukrainischen Konflikt eingemischt hat. In Russland sieht man sich jetzt aber in einem Krieg mit dem Westen, den man sich so nicht vorgestellt hat. Dass der Ukraine-Krieg letztendlich Russland als Grossmacht stärker, und den Westen schwächer machen soll – an diese Mär glaubte man noch vergangenes Jahr, heute auf dem Petersburger Dialog nicht mehr. Aber man sieht, wie Russland und Deutschland sich gegensätzlich wirtschaftlich beschädigen.
Die deutschen Gäste äusserten sich äusserst kritisch über die eigenen Kriegsvorbereitungen gegen Russland in der EU, sparten aber auch nicht an Aufrufen an die Adresse ihrer russischen Counterparts, den Krieg in der Ukraine zu beenden; das sei die alternativlose Bedingung für eine mögliche schrittweise Normalisierung der Beziehungen in der Zukunft.
Einige russische Teilnehmer sagten, die frühere Idee eines gemeinsamen Europas vom Atlantik bis zum Ural sei tot- möglicherweise für immer. Deutsche Teilnehmer setzten andere Akzente: die kulturellen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland seien über Jahrhunderte gewachsen und könnten nach einem Friedensabschluss in der Ukraine noch „gerettet“ werden, wenn der Dialog wieder aufgenommen werden würde.
Sowohl die russische, als auch die deutsche Seite schlossen einen Krieg zwischen Russland und der NATO aus. Das war das Beruhigende an den Gesprächen. Die Hardliner, die hier und da mit Atombomben drohten, seien marginal, hiess es seitens der Gastgeber. Doch viele Aussagen des heutigen Bundeskanzlers, beispielsweise, dass Russland den Krieg verlieren muss, führten zu unangenehmen Nachfragen an die deutsche Seite.
Andererseits herrschte auf der Konferenz eine spürbare Verunsicherung und Ohnmacht. Eine wachsende Kriegsmüdigkeit war nicht zu übersehen. Man hatte den Anschein, als suchten die Russen nach einer „gesichtswahrenden Lösung“ um die Kämpfe in der Ukraine zu beenden. Die eigenen Schwächen wurden thematisiert und nicht unter den Tisch gekehrt.
Deutsche Teilnehmer meinten, der Iran-Krieg trage die Gefahr eines dauerhaften Nord-Süd-Konfliktes, der den Ost-West-Konflikt in der Ukraine mit der Zeit überlagere. Dadurch häuften sich Eskalation und Spannungen in der gesamten Welt. Man stürze die Weltordnung in Chaos und Gesetzlosigkeit und benötige deshalb vor allem eine starke nationale Souveränität.
Der momentane Eindruck im Westen, dass die russische Wirtschaft immer schwächer werde, Putins Rating dramatisch fiele und Russland die Waffen, Soldaten und Finanzen ausgehe, wurde auf dem Petersburger Dialog so nicht bestätigt.
Das Problem stark verengter Meinungskorridore und der Gesinnungspolizei wurden auf beiden Seiten festgestellt.
Gemeinsame Projekte standen nicht auf der Tagesordnung des Petersburger Dialogs. Das geht nicht unter Sanktionen. Der Petersburger Dialog ist aber auch seit 2024 nach China und andere BRICS Staaten ausgerichtet, und dort – so die Organisatoren des Dialogs – spiele die wahre Musik.
Als Fazit gesehen, überwog auf dem Petersburger Dialog der Informationsaustausch und die Suche nach diplomatischen Friedenslösungen. Und es hagelte nicht gegenseitige Vorwürfe. Wohltuend war die rege Teilnahme jüngerer russischer Germanisten am Dialog. Aus Sicht der akademischen Nachwuchskräfte, dürfen die jahrelang aufgebauten Netzwerke nicht kaputtgehen, sonst gehen die Jahre der Verständigung zwischen Deutschland und Russland völlig verloren.
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