„Ethische Desorientierung“ – Politologin Ekaterina Schulmann über die Folgen der Vergiftung von Alexej Nawalny

„Ethische Desorientierung“ – Politologin Ekaterina Schulmann über die Folgen der Vergiftung von Alexej Nawalny

[von Ekaterina Schulmann] Die gesamte Reaktion auf die Vergiftung von Alexej Nawalny von russischer Seite steht unter dem Motto „Das ist für uns nicht profitabel“. Als Bürgerin der Russischen Föderation vermisse ich sehr einen Politiker, der herauskommen und einen einfachen Gedanken formulieren würde: „Wir töten oder vergiften keine Menschen. Russland tut oder fördert solche Dinge nicht. Wir sind keine Bande, wir sind ein Staat. Deshalb sind Anschuldigungen dieser Art unbegründet, nicht weil es für uns unrentabel wäre, sondern weil wir, selbst wenn wir jemanden politisch verfolgen sollten, genügend rechtliche Instrumente dafür haben“. Dies sind einfache Worte. Aber niemand hat sie ausgesprochen.

Vielleicht aus Überlegungen, dass das sowieso niemand glauben würde. Allerdings glaubt auch niemand den Argumenten „wir profitieren nicht davon“. Oder vielleicht, weil der Sinn für moralische Pole verloren gegangen ist: Diese Menschen „schmoren“ so lange in ihrem eigenen Diskurs, dass sie elementare Dinge vergessen haben – wo Gut und Böse sind, was getan werden darf und was nicht.

Eine ethische Desorientierung ist im Gange. Menschen, die sich so verhalten, verstehen nicht, wie sie von außen aussehen. Und um die richtigen Dinge zu sagen, ist es wichtig, die moralischen Richtlinien nicht aus den Augen zu verlieren, sonst beraubt es jede Ihrer anderen Aussagen ihrer Gültigkeit.

Was wir also für Heuchelei halten, ist in Wirklichkeit ein mächtiger Faktor für die Aufrechterhaltung sozialer Normen. Nur Gott schaut in Ihre Seele, aber wie Sie sich verhalten, wird von allen gesehen. Vielleicht hätte man den Worten, dass wir solche Dinge nicht tun, nicht geglaubt, aber wenigstens hätte man dabei eine vertraute Note rausgehört. Es hätte bedeutet, dass Sie zumindest einige Regeln kennen: zum Beispiel, dass man keine Menschen essen sollte (und zwar nicht, weil es unrentabel sei, nicht schmeckt oder weil „Sie haben doch selbst gerade drei davon verspeist“).

Wenn wir diese Art von Argumenten hören, fallen wir auch unter ihren Einfluss und beginnen wirklich zu denken: Wer profitiert eigentlich tatsächlich davon? Auch wir Politikwissenschaftler sind dafür anfällig. Dabei ist es für einen Zoologen gefährlich, wie ein Wolf zu heulen, nur weil er über Wölfe forscht.

In der Tat gibt es in Russland eine Reihe von Akteuren, die von ihrer garantierten Straflosigkeit überzeugt sind. Folglich könnte einer von ihnen im Rahmen seiner Gefängnisethik, wo Worte strafbar sind und nichts vergeben werden darf, eine Vergiftung arrangieren, in dem Wissen, dass sie gedeckt wäre.

Auf der anderen Seite ist Alexei Nawalny sozusagen ein Mann von der „Präsidentenliste“, und solche Menschen können ohne eine entsprechende Anordnung nicht berührt werden. Dies ermöglicht es jedoch, dass die umgekehrte Logik in Aktion tritt: Egal, was mit ihm passiert, alles wird so interpretiert, als ob das auf Befehl geschehen sei. Wenn man dies weiß, kann man der ersten Person des Staates rückwirkend eine Zustimmung unterschieben, die es in Wirklichkeit gar nicht gab. Dies sind alles sehr gefährliche Spiele.

Wenn wir über die möglichen politischen Konsequenzen dessen sprechen, was geschieht, dürfen wir nie die Möglichkeit aus den Augen verlieren, dass es keine Konsequenzen geben wird. Wir gehen oft davon aus, dass jedes Ereignis mit etwas endet. Doch das Leben ist keine Serie, und eine extrem große Zahl von Vorfällen, die einst die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft auf sich zogen, sind in absolute Vergessenheit geraten, ohne jemanden außer ihren direkten Beteiligten zu betreffen. Dies gilt für Aufsehen erregende Publikationen, politische Attentate und Wahlergebnisse. Das Leben geht weiter, neue Nachrichten erscheinen, und die Aufmerksamkeit wird auf sie gelenkt.

Dieser Gedanke beleidigt unser moralisches Empfinden: War das alles umsonst? Aber wir können darin auch die alles erobernde Kraft des Lebens sehen. Stellen wir uns also vor, Alexej Navalny wird sich erholen, nach Russland zurückkehren und seine politischen Aktivitäten fortsetzen. Es gibt solche Beispiele. Nach der Vergiftung kehrte Pjotr Verzilov zum Aktivismus zurück. Seine Vergiftung selbst führte jedoch zu keinen politischen Konsequenzen.

Aber der Fall Magnitski wurde zu einem Skandal, zog die ersten Sanktionen nach sich, Vergeltungssanktionen und so weiter. Heißt das, dass Magnitski ein wertvollerer Bürger war als zum Beispiel Anna Politkowskaja? Natürlich nicht, aber die politische Situation und die internationale politische Konfiguration waren damals anders.

Politikwissenschaft, wie andere Sozialwissenschaften auch, erforscht endlose Prozesse. Wie Balzac schrieb, „Völker sterben nicht: Sie sind entweder versklavt oder frei, das ist alles“. Einige Politiker gehen, andere kommen. Doch gesellschaftliche Stimmungen sind langfristig.

Ekaterina Schulmann ist die bekannteste Politikwissenschaftlerin Russlands. Sie ist Dozentin am Institut für Sozialwissenschaften der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Öffentlichen Dienst beim Präsidenten der Russischen Föderation (RANEPA) und hat ihre eigene Sendung beim unabhängigen Radiosender Echo Moskwy. Ihrem YouTube-Kanal folgen fast 340.000 Abonnenten.

COMMENTS

WORDPRESS: 3
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    Feist 1 Woche

    Werter Th.bund
    Mir ist nicht gabz klar was Sie mit der Rafaello Fraktion meinen aber selbst Ihr kurzer Diskurs zeugt davon das Sie Russaland nicht kennen und in das Horn derer stoßen die das Land und seine Regierung immer gern in Mißkredit bringen.
    Sie sollten sich einmal mehr mit der Historie des Landes und auch dem Zusammenbruch der Sowjetunion beschäftigen .Vor allem mit der Zeit Jelzin und was Putin danach bei allen Schwierigkeiten geschafft hat und er heute weiter schafft trotz dummer Sanktionen. Europa wäre gut beraten eine gute Zusammenarbeit mit Russland zu gestalten,das fördert den Frieden und die

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      Th. Bund 2 Tagen

      „..zeugt davon, dass Sie Russland nicht kennen…“! Aha.
      Damit geben Sie vor, die Geschichte des Landes zu kennen, die mangelnde Aufarbeitung der Geschehen während der Regierungszeit eines schnauzbärtigen Herren Ihnen also bekannt ist(wenn Sie die Geschichte doch so gut kennen), und dessen Andenken von der herrschenden Silowiki-Fraktion so „furchtbar“ und gerne aus den Kellern der geistig erneuerten Lubjanka hervorgeholt wird.

      Was hat die von Ihnen angeführte (anscheinend mangelnde) Kenntnis der Landesgeografie und -geschichte meiner Person zu tun mit dem Wunsch Schulmanns:
      „…vermisse ich sehr einen Politiker, der herauskommen und einen einfachen Gedanken formulieren würde:„Wir töten oder vergiften keine Menschen. Russland tut oder fördert solche Dinge nicht. Wir sind keine Bande, wir sind ein Staat. Deshalb sind Anschuldigungen dieser Art unbegründet, nicht weil es für uns unrentabel wäre, sondern weil wir, selbst wenn wir jemanden politisch verfolgen sollten, genügend rechtliche Instrumente dafür haben“. Dies sind einfache Worte. Aber niemand hat sie ausgesprochen.“

      Mit keinem Wort gehen Sie auf den Inhalt von Schulmanns Ausführungen ein – oder ist Inhaltliches nicht Ihr Ding?

      Ihre Antwort spricht für sich.

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    Tja, mit einfachen Worten einfach ausgedrückt und diesen „cui bono-Apologeten“ ihren Standort aufgezeigt: „…im Rahmen (ihrer) Gefängnisethik…“!
    Und so lange die „Rafaello_Fraktion“ den russischen Diskurs beherschen will (und es offensichtlich zu tun scheint), verbleibt es beim jammervollen Opfergehabe, dem sich ständigen „Erheben von den Knien“ (wie lange ist der Regierende Geheimdienstler schon dran?).

    Es gibt noch eine ähnliche Stimme wie die Ekaterina Schulmanns:
    „…Ich sende dir herzliche Grüße, wünsche Gesundheit und Kraft, wünsche dir, dass du in einem Land lebst, das frei ist von einem dummen und ekelerregenden Regime. Und mir, meine Liebe, wünsche ich dasselbe.
    Ich umarme dich,
    Ljusja Ulitzkaja…“

    So, und jetzt kann geschäumt werden….

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