EUROPA ODER NICHT EUROPA? – Auf welchem Kontinent befindet sich Russland?

EUROPA ODER NICHT EUROPA? – Auf welchem Kontinent befindet sich Russland?

Wahrscheinlich werden Dispute darüber, ob Russland ein europäisches Land ist, nie enden. Sie begannen im 16. Jahrhundert, wie die Korrespondenz von Zar Iwan dem Schrecklichen mit seinem Hauptgegner zeigt, dem nach Litauen geflohenen Bojaren Andrej Kurbski. Im 19. Jahrhundert bildeten sich in Russland ganze politisch-philosophische Gemeinschaften der sogenannten „Westler“ und „Slawophilen“, die hoffnungslos darüber stritten, welchen Entwicklungsweg das Land wählen sollte – einen europäischen oder einen eigenen. Mit neuer Kraft brachen diese Streitigkeiten Ende des letzten Jahrhunderts, in den Jahren der Perestroika und der Auflösung der Sowjetunion aus. Und man muss klar sagen, dass diese Streitigkeiten zu nichts geführt haben. Vielleicht können das auch nicht.

Ehrlich gesagt habe ich selbst nie verstanden, was der europäische Entwicklungsweg bedeutet und was neben der Geographie die verschiedenen europäischen Länder verbindet. Natürlich werden eurozentrische Opponenten sagen, Europa, das seien Demokratie, Menschenrechte, Liberalismus und so weiter. Aber da möchte ich sie daran erinnern, dass Europa der 30er und 40er Jahre des letzten Jahrhunderts fast flächendeckend Faschismus und Nazismus ist. Und überhaupt, was haben Albanien und Norwegen, Schweden und Bulgarien, Serbien und England miteinander gemeinsam?

Seltsam genug brachen diese Dispute wieder aus, nachdem sich Präsident Vladimir Putin in Breganson an der französische Cote d’Azur zu einem Besuch des französischen Präsidenten Emmanuel Macron aufgehalten hatte. Tatsache ist allerdings, dass das Problem des europäischen Charakters Russlands diesmal nicht von Putin und überhaupt nicht von russischer Seite aufgeworfen wurde. Es wurde von Macron angesprochen, der auf seiner Facebook-Seite auf Russisch schrieb: „Russland ist ein tief europäisches Land. Wir glauben an Europa, das sich von Lissabon bis Wladiwostok erstreckt.“ Hier erinnerte an General de Gaulle, der oft sagte, dass sich Europa vom Atlantik bis zum Ural, von Svalbard bis Sizilien erstreckt. Dabei betonte er auch, dass die amerikanische Küste des Atlantik nicht Europa ist.

Ja, die amerikanische Atlantikküste ist nicht Europa. Und Russland ist auch nicht gerade Europa. Erstens liegt es auf zwei Kontinenten, nämlich Europa und Asien, und zweitens beherbergt es etwa zweihundert Völker, von denen jedes seine eigene Sprache, Kultur und Traditionen hat. Aber wenn wir von dem größten Volk, dem russischen Volk, sprechen, war mir immer klar, dass die russische Kultur ein Teil der gesamteuropäischen Kultur ist. Aber Politiker erinnern sich am wenigsten an Kultur, wenn sie das Thema Europazugehörigkeit oder Nicht-Europa von Russland ansprechen. Sie interessieren sich für etwas anderes: Geopolitik, Wirtschaft und Sicherheit.

Es ist klar, dass Macron, der nach dem Ausscheiden von Bundeskanzlerin Angela Merkel die Führung in der Europäischen Union und der europäischen Politik im Allgemeinen anstreben wird (und bereits anstrebt), versucht, die Annäherung Russlands an China zu verhindern. Obwohl es etwas seltsam aussieht: Europäische Länder haben Sanktionen gegen Russland verhängt, und China handelt aktiv mit Russland. Wem soll es da näher kommen?

Es ist klar, warum auch de Gaulle Russland aktiv als Europa betrachtete: Er wollte Europa von der amerikanischen Diktatur befreien und führte sein Land zu diesem Zweck aus dem NATO-Block heraus. Übrigens, selbst der erste Präsident der Tschechischen Republik, Vaclav Havel, sagte, dass mit dem Warschauer Pakt der NATO-Block hätte verschwinden sollen, und Europa hätte gemeinsam mit Russland über seine Sicherheit nachdenken sollen. Aber das ist natürlich Utopie. Denn um ihre Existenz zu rechtfertigen, braucht die NATO einen Feind. Und für diese Rolle eignet sich Russland am besten. Deshalb kann man heute nicht über die gemeinsame Sicherheit sprechen.

Dafür kann man aber über die Wirtschaft sprechen. Acht wissenschaftliche Wirtschaftsinstitutionen Europas, die die Daten zu Investitionen analysiert haben, haben sehr interessante Zahlen veröffentlicht. Es stellt sich heraus, dass russische Oligarchen und Unternehmer bereits mehr als dreihundert Milliarden Dollar in Westeuropa investiert haben! Zum Beispiel in Nizza, in der Nähe des Treffpunkts von Putin und Macron, gehören 80 Prozent der Villen und Restaurants russischen Staatsbürgern! Während Europa über die schreckliche Abhängigkeit von Russland diskutiert, wenn die neue Gaspipeline gebaut wird, haben russische Unternehmen längst andere Wege gefunden, um die europäische Wirtschaft zu beeinflussen. Und ich fürchte, Europa selbst hat es noch nicht geschafft darüber nachzudenken.

Was ist also Russland? Europa oder nicht Europa? Ich denke, wir sollten nicht einmal darüber diskutieren. Andernfalls müssen wir zum 14. Jahrhundert zurückkehren und die Übereinstimmung von Iwan dem Schrecklichen mit Andrej Kurbski neu analysieren.

Efim Berschin

Übersetzung: Kai Ehlers

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COMMENTS

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    Die NATO mag hundertmal in Russland als Feind apostrophieren – so wird dies NICHTS daran ändern, dass dieses militärische Konstrukt des Kalten Kriegs mausetot ist, da sich schlichtweg die Interessen der europäichen Bevölkerungen in keinem Punkt mit denen der US-amerikanischen Eliten decken.

    Das Nachkriegsmodell der US-Politik beruhte auf einer ökonomischen, militärischen und politischen Hegemonie, die nur durch den Petrodollar möglich wurde, der es der USA erlaubte, die Kosten des dafür notwendigen gigantischen Apparats, beruhend auf der Kontrolle des globalen Energiehandels, durch andere finanzieren zu lassen.

    Ihre Politik der letzten beiden Jahrzehnte, in denen US-Strategen voraussahen, auf Dauer den Handel zwischen Ostasien und dem Nahen Osten nicht durch klassische Imperialpolitik kontrollieren zu können, bestand in der Zerstörung des Nahen Osten und dem Ausbau einer ökologisch katastrophalen Fracking-Industrie, mit der sie den eigenen Energiebedarf zu decken vorhatten und die zudem die Europäer durch Kauf von US-Frackinggas bezahlen sollten. Dem lag offenbar die Kalkulation zugrunde, dass sie einzig die Energiezufuhr nach Europa glaubten, dauerhaft kontrollieren zu können.

    Das Modell ist eine Katastrophe für Europa – und auf Dauer werden sich keine Repräsentanten halten können, die weiter an der Abhängigkeit von den USA festhalten. Die Zerstörung des Nahen Osten und die Unfähigkeit, eine auf Stabilität und produktive Koexistenz zielenden Afrikapolitik sind ein Riesenproblem für Europa. Nimmt man die Klimaerwärmung dazu und die Migrationswellen, die da drohen – 2015 wird da kaum mehr sein als ein bisheriger Gipfel – sind ein unkalkulierbarer Faktor für die europäischen Nachkriegsregierungen und die von ihnen hervorgebrachten europäischen Strukturen.

    Ungebremste Migration ist hier auf Dauer genauso problematisch wie das demographische Verlöschen vieler europäischer Randstaaten. Unzweifelhaft erfordert Einwanderung für stabile Gesellschaften eines kraftaufwendigen Integrationsprozesses – der eine sozial stabile Grundbevölkerung voraussetzt. Die Fähigkeit hierfür nimmt in europäischen Gesellschaften ab – muss aber, damit sie funktionsfähige Gesellschaften bleiben oder wieder werden, gestärkt werden.

    Bleibt festzuhalten: Die USA benütigen zum Erhalt von Hegemonie die Schaffung von Chaos, obgleich auch diese ihnen nur eine beschränkte Kontrolle erlaubt. Das ist nicht tragbar für den Nahen Osten auf Dauer, nicht für den Balkan, nicht für EU-Europa.

    Für alle ist die Wiederherstellung von Stabilität essentiell, überlebensnotwendig.

    Welche Zukunft sollen da euro-atlantische Konstrukte überleben? Sie sind künstlich und in Wirklichkeit für Europa zerstörerisch.

    Russland aber braucht auch Stabilität – und Entwicklung. Dafür brauchen sie Stabilität in allen Regionen, die auch für den Rest Europas im chaotischen Zustand ein Riesenproblem sind: Im Kaukasus, auf dem Balkan, im Nahen Osten, in der Türkei.

    Was aber bindet die Europäer an eine für sie zerstörerische Allianz? Es sind die Interessen der europäischen Kapitaleliten, deren Geschäfte seit 1945 mit denen der USA völlig verwoben sind – so wie insgesamt, in Europa wie den USA wie global, die entfesselte kapitalistische Expansionslogik für unser Überleben als Menschheit destruktiv geworden ist.

    Auch hinsichtlich der Kultur.

    Das Selbstbild der europäischen Kultur wird immer noch von der des 19. Jahrhunderts geprägt, von der natürlichlich die russische ein unabdingbarer integraler Bestandteil war.

    Was gefährdet diese Kultur?
    Es ist der überbordende Kapitalismus, der auch kulturellen Selbstausdruck von Menschen nur als flüchtige Ware kennt. Es ist die rasche, flüchtige, die Sinne betäubende digitale Welt, die einen gigantischen Mangel an Konzentration und eine Sucht nach sinnlichem Rausch erzeugt, der kulturfeindlich ist.

    Kultur können wir alle nur retten, indem wir kulturell tätig sind, schöpferisch wieder werden und Kreativität auch wieder verstehen lernen: indem wir wieder kulturell kommunikationsfähig werden, was heißt, einander zuhören zu können.

    Die USA müssen sich auf dem amerikanischen Kontinent bewähren: Machen sie dort eine Politik wie bisher, nämlich auf Kosten ihrer Nachbarn, werden sie durch Elendseinwanderungen absorbiert, gegen die irgendwann keine Mauer mehr hilft.

    Das gleiche gilt für alle Europäer hier – einschließlich Russlands. Es steht mehr auf dem Spiel als der Verlust der Errungenschaften des 19 Jahrhunderts: Wir Menschen gefährden unsere Lebensgrundlagen.

    Wir werden alle miteinander darum ringen müssen, dass unsere Erde mit uns fertig wird und wir zivilisierte Antworten auf die drängensten Gefahren finden. Wenn wir dies ernsthaft tun und alle uns zur Verfügung stehenden menschenlichen Ressourcen sinnvoll nutzen, dann wird unser Tun auch eine hohe kulturelle Dimension haben.

    Wenn wir den Herausforderungen nicht gerecht werden, werden wir alle miteinandern in gigantische Barbarei abstürzen.

    So einfach ist das. Oder so schwer. Nur – mit einer durch das 19. Jahrhundert ideologisch gefilterten Brille werden wir noch nicht einmal die großen kulturellen Schöpfungen dieser Zeit bewahren kannst.

    Was sagte Goethe: „Was von den Vätern du ererbt, erwirb es, um es zu besitzen.“ Das aber können wir nur unter den Bedingungen und unter bewusster Annahme der Herausforderungen von heute tun. Warum packen wir es dann nicht einfach an?

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