Gegen die WandDr. Gerhard Mersmann

Gegen die Wand

[von Dr. Gerhard Mersmann] Der Frühling kommt, der Himmel verdüstert sich. Ein Bild, das meteorologisch nicht so ganz passen will! Politisch trifft es im wahren Sinne des Wortes ins Schwarze. Es sieht so aus, als seien alle Optionen gezogen. Und die sind schlecht. Ob es das Management der Pandemie anbetrifft, ob es das Erscheinungsbild des politischen Systems ist, ob es die Verortung in einem sich ändernden internationalen Kontext geht, oder, was die innere Befindlichkeit umschreibt, ob es sich um die Kluft zwischen Arm und Reich handelt, der gesellschaftliche Konsens scheint zerbröselt. Die politische Administration hat alles getan, um sich das Ruder aus der Hand nehmen zu lassen und die gesellschaftliche Depression, die aus diesem Faktum entstanden ist, kann als ein Gemisch aus Apathie, vollen Zorndepots und Endzeitphantasien beschrieben werden. Und das entspricht, sieht man sich die mediale Vermittlung an, durchaus dem Phänomen der Erscheinung.

Mit der Realität, so wie sie sich weiter herauskristallisieren wird, hat das nicht viel zu tun. Nach den Angriffen des neuen us-amerikanischen Präsidenten und seiner hinter ihm stehenden Entourage gegen eine chinesische Delegation brachte es deren Sprecher auf den Punkt. Er gab zu Protokoll, dass weder die USA noch der hinter ihr stehende Block, der sich der Westen nennt, nicht die Welt repräsentieren. Das war, in Bezug auf den hegemonialen Anspruch der USA, ein herber Schlag. Rechnerisch, das sei bemerkt, hatte der gute Mann Recht. Denn das, was sich hinter dem alten Westen heute noch verbirgt, ist, freundlich gerechnet, ein Sechstel der Weltbevölkerung. Das Denken, das zu anderen Schlüssen führt, ist, spinnt man den historisch Roten Faden, das Festhalten an dem alten Konzept des Kolonialismus. Nach dessen Ende im 20. Jahrhundert wurde alles getan, um die Fakten der alten Weltbeherrschung wieder zu installieren. Staatsstreiche, Putsche, fingierte Revolten, alles, was dazu tauglich erschien, wurde benutzt, um die alten Abhängigkeiten wieder herzustellen. Das ist in vielen Fällen gelungen, bei mächtigen Blöcken wie China, Russland und Indien allerdings nicht. Da hilft auch nicht die stetige Kampagne, dass dort die westliche Moral missachtet wird.

Letzteres mag dazu geeignet sein, mental im Westen zu mobilisieren, den inneren Halt der angesprochenen Staaten wird es nicht gefährden. Die Koordinaten dieser Gesellschaftssysteme sind andere, ob einem das gefällt oder nicht. Daraus erwachsen zwei Optionen. Die eine ist die alte, klassische des Kolonialismus, nämlich Krieg und Eroberung. Die andere bezöge sich auf die Akzeptanz der Verhältnisse, so, wie sie sind. Dann wäre Phantasie vonnöten, die neue Formen der Kooperation ermöglichte, um einen Modus Vivendi zu erreichen, in dem die entstehende neue Ordnung nicht durch kriegerische Handlungen in Zweifel gezogen wird.

Die Satten, die sich an Milieudebatten delektieren, werden in der neuen Ordnung so wenig Bestand haben wie das Korps der antiquierten Bellizisten. Denn die Erosion der Legitimation im eigenen Lager hat längst begonnen. Der Dilettantismus von Karrierefiguren, die ihrerseits nichts anderes mehr repräsentieren als den Versuch, bei eigenem Wohlbefinden an einer Welt festzuhalten, die durch das Weltgeschehen längst falsifiziert ist, hat zu dem mentalen Zustand geführt, der eingangs beschrieben wurde.

Gesellschaften, in denen aufgrund der erlebten Faktizität kein Anlass mehr auf Hoffnung besteht, haben ihrerseits nur zwei Optionen. Sie können, sollten sie sich für ein „Weiter so!“ entscheiden, in hohem Tempo gegen die sprichwörtliche Wand fahren. Oder sie trauen es sich zu, sich fundamental zu verändern. Ohne Willen und ohne Vorstellung geht das nicht.

COMMENTS

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    Horst Beger 7 Monaten

    „Der Frühling kommt, der Himmel verdüstert sich“, mit dieser Osterbotschaft zeigt Dr. Gerhard Mersmann die Option des alten Europas und des Westens auf, „mit dem Festhalten an der alten Welt des bellizistischen Kolonialismus und des Weiter so, dieses vor die Wand zu fahren“. Denn der Wille, dies fundamental zu ändern, ist nicht erkennbar. Dabei „hätte gerade Deutschland auf Grund seiner Geschichte eine systemübergreifende Rolle spielen können, eine Rolle, die die Alliierten nicht leisten können. Woher das Gift kam, muss auch das Gegengift kommen;“ (so der britische Journalist P. Worsthorne im „The Sunday Telegraph“ vom 7. Mai 1989).

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