Generaloberst fordert Putins RücktrittSchneider, Dr. Lic. Eberhard © Schneider

Generaloberst fordert Putins Rücktritt

[Eberhard Schneider] Der Vorsitzende der Allrussischen Offiziersversammlung, Generaloberst i.R. Leonid Iwaschow, forderte am 6. Februar 2022 in einem offenen Brief „an den Präsidenten und die Bürger der Russischen Föderation“ den Rücktritt von Wladimir Putin.[1] Iwaschow, „berüchtigt für seine nationalistischen Ansichten“[2], ist seit 2005 Präsident der Akademie für geopolitische Probleme, Professor am „Moskauer Institut für internationale Beziehungen“ (MGIMO) des russischen Außenministeriums für die Diplomatenausbildung und leitete von 1996 bis 2001 die „Hauptverwaltung für internationale militärische Zusammenarbeit“ des russischen Verteidigungsministeriums.

Iwaschow warnt vor einem Krieg: „Heute lebt die Menschheit in Erwartung eines Krieges…Ein großer Krieg ist eine große Tragödie, ein schweres Verbrechen. So ergab es sich, dass im Mittelpunkt dieser drohenden Katastrophe Russland steht. Und vielleicht das erste Mal in seiner Geschichte.“ Die Sowjetunion sah sich gezwungen, Kriege zu führen „und zwar in der Regel, wenn es keinen anderen Ausweg gab, wenn die lebenswichtigen Interessen des Staates und der Gesellschaft bedroht waren“.

Iwaschow fragt, was heute die Existenz Russlands bedrohe. „Alle lebenswichtigen Bereiche, einschließlich der Demografie, verschlechtern sich stetig, das Tempo des Bevölkerungssterbens bricht Weltrekorde. Der Abbau hat systemische Natur, und in jedem komplexen System kann die Zerstörung eines der Elemente zum Zusammenbruch des gesamten Systems führen. Und das ist unserer Meinung nach die größte Bedrohung der Russischen Föderation. Aber das ist eine Bedrohung innerer Art, die vom Staatsmodell, von der Qualität der Macht und dem Zustand der Gesellschaft ausgeht. Und die Gründe für ihre Formierung sind innere: die Unrentabilität des Staatsmodels, die völlige Unfähigkeit und der Mangel an Professionalität des Macht- und Verwaltungssystems, die Passivität und Desorganisation der Gesellschaft. In diesem Zustand lebt kein Land lange.“

Laut Iwaschow gebe es „sicherlich“ externe Bedrohungen. „Aber nach unseren Experteneinschätzungen sind sie derzeit nicht kritisch.“ Insgesamt sei die strategische Stabilität gewahrt, Atomwaffen seien zuverlässig unter Kontrolle, „NATO-Streitkräfteverbände bauen sich nicht auf und zeigen keine bedrohliche Aktivität“. Daher sei die Situation, die um die Ukraine heraufbeschworen werde, „künstlich für einige inneren Kräfte, einschließlich der Russischen Föderation.“

Nun wird Iwaschow konkreter: „Der Einsatz militärischer Gewalt gegen die Ukraine wird erstens die Existenz Russlands selbst als Staat in Frage stellen; zweitens wird es Russen und Ukrainer für immer zu Todfeinden machen. Drittens wird es Tausende (Zehntausende) tote junge gesunde Jungen auf der einen und der anderen Seite geben…In diesem Fall werden die russischen Truppen auf dem Schlachtfeld nicht nur ukrainischem Militärpotential gegenüberstehen, unter denen viele Russen sein werden, sondern auch Militärpotential und Ausrüstung aus vielen NATO-Ländern, und die Mitgliedsstaaten des Bündnisses werden verpflichtet sein, Russland den Krieg zu erklären.“ Russland werde dann zu einem „Paria der Weltgemeinschaft“ werden.

Die innenpolitischen Folgen: „Unserer Meinung nach erkennt die Führung des Landes, dass sie nicht in der Lage ist, das Land aus der Systemkrise herauszuführen, und dies kann zu einem Aufstand des Volkes und zu einem Machtwechsel im Lande führen.“ Iwaschow fordert vom Präsidenten, die „kriminelle Politik aufzugeben, einen Krieg zu provozieren, in dem sich die Russische Föderation allein gegen die vereinten Kräfte des Westens wiederfinden wird…und zurückzutreten“. Er ruft die Bürger Russlands auf, sich „aktiv gegen die Propaganda und die Entfesselung eines Krieges zu stellen und einen inneren zivilen Konflikt mit militärischer Gewalt zu verhindern.Am 30. Januar 2022 hatten 2.000 russische Intellektuelle in einem Appell den Kreml aufgefordert, einen „unmoralischen Krieg“ zu vermeiden.[3] Gefährlich sei, dass „Krieg als eine akzeptable und unvermeidlicher Entwicklung von Ereignissen“ dargestellt werde. „Es wird versucht, Menschen zu täuschen, zu korrumpieren, ihnen die Idee eines heiligen Krieges mit dem Westen aufzudrängen, anstatt das Land zu entwickeln und den Lebensstandard seiner Bürger zu verbessern.“ Die Frage des Preises werde nicht diskutiert, aber es seien „gewöhnliche Menschen, die diesen Preis zahlen müssen – einen riesigen und blutigen Preis“.Russland brauche keinen Krieg mit der Ukraine und dem Westen. „Niemand bedroht uns, niemand greift uns an. Eine Politik, die auf der Förderung der Idee eines solchen Krieges beruht, ist unmoralisch, unverantwortlich und kriminell und kann nicht im Namen der Völker Russlands durchgeführt werden…Der Krieg entspricht nicht nur nicht den Interessen Russlands, sondern stellt auch eine Bedrohung für seine Existenz dar.“

[1]              https://echo..ru/blog/echomsk/2976084-echo/

[2]              https://www.bbc.com/russian/features-43105617

[3]              https://echo.msk.ru/blog/echomsk/2972500-echo/

COMMENTS

WORDPRESS: 8
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    Geraldo 6 Monaten

    Eine Politik, die zu einer Zuspitzung der inneren und äußeren Lage in Russland führt, bedingt fast zwangsläufig einen Neuanfang. Insoweit kann ich Generaloberst i.R. Leonid Iwaschow verstehen.

    Allerdings sehe ich wenigstens 2 Probleme:
    Zum Ersten wird eine Alternative zu Wladimir Putin benötigt, ohne dass das Land in eine Militärdiktatur abrutscht oder ein neuer Jelzin wieder für westliche Wirtschaftsexperimente das Land öffnet.

    Zum Zweiten wird nach einem Regierungswechsel, und erst recht nach einem eventuellen Erstarken der russischen Wirtschaft, das neue Russland eine noch größere Gefahr für die USA. Somit muss weiterhin von Seiten des transatlantischen Bündnisses ein Feindbild und die Konfrontation aufrechterhalten werden, um mit einem geeinten Europa keinen ebenbürtigen Konkurrenten entstehen zu lassen.

    Wer hier keine Strategie hat, verhilft nur dem nächsten Oligarchenclan zur Macht.

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    Hans Klatt 6 Monaten

    Das Säbelrassen was in der UA ist, da hat der Altkanzler Schröder Recht. Man schaut nur immer auf Russland, aber was die anderen machen / NATO / EU ). das stört keinem.
    Ist man denn so blind im WESTEN, dass man glaubt Russland würde umgehend die UA angreifen und warten bis die Olympischen Spiele vorbei sind?
    Nein, wenn Russland die Absicht hätte, dann wäre dies schon geschehen. Man muss die Geografische Karte sehen, dann kommt man zu dem Entschluß, dass sollte Russland die UA übernehmen, dann wären sie vor Polen( EU / Nato) und die Absicht besteht bestimmt nicht.
    Man möchte die UA als “ Pufferzone“ nehmen, damit sich die Nato nicht weiter ausbreiten kann. Alles andere wäre und ist sinnlos. Diese Waffenlieferungen ist für mich nicht nachvollziehbar, denn die Millionen Euro die die UA aus der BRD und Mill. Dollar aus den USA erhalten hat, sind verschwunden, denn das Volk hungert und hungert und die da “ OBEN“ stecken sich die Taschen voll und bringen das Geld ins Ausland, Silenski und sein Vorgänger haben die UA in den Ruin getrieben, zweifellos.
    Sowie die täglichen Meldungen jetzt sind, forciert die Nato einen möglichen Überfall auf die UA, was kompletter Blödsinn ist. Was keiner versteht ist, das der Bundeskanzler erst die UA besucht und dann Moskau. Umgekehrt wäre es mit Sicherheit sinnvoll ,erst nach Moskau zu fliegen- Besprechung mit Herrn Putin- und wenn man ein Ergebnis hätte, dann in die UA fliegen. Dieser jetzige Weg schürt noch mehr Unbehagen und führt ins uferlose. Frau Merkel hätte dies anders gemacht. Zu den Aussagen von den Grünen ( Aussenministerin und Wirtschaftsminister) kann man nur mit dem Kopf schütteln. aber diese Ampel wird es schon richten und die vier Jahre werden diese nicht zusammenhalten, denn ich wünsche mir, das es dann „Neuwahlen“ geben wird und eine andere Konstellation dann Deutschland führen wird z.B. CDU/ CSU / FDP.

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    Werner 6 Monaten

    Vielen Dank für diesen aufschlussreichen Beitrag.

    Es ist gut, das es auch in Russland noch Menschen gibt, die ohne Angst sprechen – auch wenn sie damit ein enormes persönliches Risiko eingehen.

    Für mich ist die Situation durchaus in Teilen vergleichbar mit 1938 – Putin will mit aller Gewalt seine imperialen Gelüste durchsetzen und setzt dabei seine Hoffnungen auf eine unselige Appeasement-Politik der westlichen Welt.

    Und wie man sieht, ist er durchaus erfolgreich damit. Menschen glauben sein Gefasel vom Willen zu Frieden – dabei ist er es, der seit Jahren Russland militarisiert und Nachbarn terrorisiert, annektiert und versucht, ein imperiales Russland – um jeden Preis – zu restaurieren.

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    Rolf Finger 6 Monaten

    Den Schwachsinn den dieser GO loslässt stimmt haargenau mit seiner Rolle währen seiner Dienstzeit überein….ein Parkettoffizier von denen es in der SU und auslaufende noch Roten Armee absolut zuviel gab und die sich den Amis und der NATO regelrecht angebiedert haben….nun ja und was der FSB General zum besten gab ist seine persönliche Meinung und das wars aber auch schon…es gibt genug Meinungen und Experten, die die Äußerungen zwar zK nehmen, aber man darf sich schon wundern welch Meinungsfreiheit diese liberalen Restbestände der 5ten Kolonne in der RF noch geniesst…es dürfte langsam aber sich die Zeit reif sein, diese Wurmfortsätze aus den 90ziger Jahren endlich abzuschneiden…das trifft vor allem auch für die Wirtschaft zu….Nun es ist nicht nur außenpolitisch neue Richtlinien erarbeitet, sondern dieses ist auch innenpolitisch, insbesondere Wirtschaft betreffend unter absoluten Beachtung der Nationalen Sicherheit der russischen Föderation zu erwarten sein….dann werden einige Dinge wesentlich klarer werden…wobei es jetzt schon entsprechende Schritte gibt…die Gesetze die in Vorbereitung insbesondere die Offshore Konten der Reichsten und der Industriebosse betrifft, sind nur erste Schritte…

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    Horst Beger 6 Monaten

    Mit dem unkritischen Bericht über die militärstrategischen Äußerungen des russischen Generaloberst a.D. identifiziert sich der Berichterstatter offenbar mit diesem. Russland hat noch jeden Angriff von außen mit der Verteidigung der „Russischen Erde“ und des russischen Christentums überstanden, auch wenn das von denjenigen, „die dem Geist in der Wüste, d.h. dem Antichrist dienen“, wie der Dichterphilosoph Fjodor Michailowitsch Dostojewskij das in seiner Erzählung „Der Großinquisitor“ literarisch ausgedrückt hat, geleugnet und von den Atheisten nicht verstanden wird.

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    Gerd 6 Monaten

    Ich wiederhole mich.
    Ich wünsche dem russischen Präsidenten starke Nerven zum Wohle seines Volkes.
    Unsere Wertemedien warten auf den russischen Einmarsch in die Ukraine.
    Diese Wertejournalisten werden sich dann der neuen Heeresgruppe Mitte
    anschliessen und die Beine verlieren wie mein Onkel 1941 vor Moskau.
    Dem ehem. Russ. Offizier empfehle ich lieber mit Boris Jelzin eine Flasche Wodka zu trinken als dummes Zeug zu labern.

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    H.U. Berger 6 Monaten

    FSB-General a.D. Jewgeni Sawostjanow hat sich hinter Generaloberst a.D. Leonid Iwaschow, den Vorsitzenden der Allrussischen Offiziersversammlung (AOA), gestellt, der sich gegen den Krieg zwischen Russland und der Ukraine ausgesprochen und im Namen der russischen Offiziere den Rücktritt des russischen Präsidenten Wladimir Putin gefordert hatte.

    „Iwaschows Appell beweist: Die Patrioten Russlands sind nicht diejenigen, die geifernd die Kriegstrommel rühren und die militärische Bedrohung mit Truppenkonzentration und Drohgebärden aufbauschen, sondern diejenigen, denen die friedliche und gedeihliche Entwicklung der Städte und Dörfer unseres Landes am Herzen liegt“, schrieb der ehemalige Tschekist auf Facebook. „Frieden und Wohlstand für das russische Volk, nicht die Befriedigung der imperialen Gelüste seiner Anführer – das ist die wahre patriotische Forderung, die ehrliche und verantwortungsbewusste Menschen vereint, auch wenn sie unterschiedliche Ansichten haben!“

    Sawostjanow fügte hinzu, Iwaschow sei früher „kriegerisch und aggressiv gewesen, aber jetzt hat er verstanden, dass der Frieden im Interesse des Volkes ist“, und seine Position sollte in der Gesellschaft ein Echo finden.

    Dem Generaloberst a.D. zufolge handelt es sich um eine „innere Bedrohung, die vom Staatsmodell, der Qualität der Behörden und dem Zustand der Gesellschaft ausgeht“: Das Verwaltungssystem und die Behörden seien inkompetent und unprofessionell und die Menschen passiv.

    Der pensionierte Offizier leugnet die Bedrohungen von außen nicht, aber sie seien „im Moment nicht kritisch“. Ihm zufolge ist die Situation um die Ukraine „künstlich und dient einigen internen Kräften“ in Russland zum eigenen Vorteil. Versuche, sie durch Ultimaten und Drohungen mit Gewalt dazu zu bringen, Russland und seine Führung zu „lieben“, sind sinnlos und äußerst gefährlich“, so Iwaschow.

    Die Anwendung von Gewalt gegen die Ukraine würde „die Existenz Russlands selbst als Staat in Frage stellen“, „Russen und Ukrainer für immer zu Todfeinden machen“, zu schweren Verlusten auf beiden Seiten und zum Eintritt von NATO-Ländern in den Konflikt führen. Russland würde dabei mit schwersten Sanktionen konfrontiert, würde zum „Außenseiter der Weltgemeinschaft“ und könnte letztendlich seine Unabhängigkeit verlieren.

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    Theil 6 Monaten

    Hat den Putin je etwas anderes gesagt als dass er keinen Krieg möchte? Denkt Generaloberst i.R. Leonid Iwaschow die NATO an den Grenzen zu Russland möchte nur mit dem russischen Volk friedlich miteinander spielen? Er sollte das russische Volk und die mit Russland verbündeten Völker und friedliebenden Menschen in der Welt aufrufen sich gegen die Kriegstreiber der NATO entgegen zustellen als Ihnen in die Arme zu arbeiten.
    Говорил ли Путин когда-нибудь что-нибудь, кроме того, что он не хочет войны? Считает генерал-полковника в отставке Леонид Ивашов НАТО на границе с Россией просто хочет мирно поиграть с русским народом? Он должен призвать русский народ и союзные с Россией народы, а также миролюбивые народы мира противостоять поджигателям войны НАТО, а не работать у них на руку.

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