GENOZID oder: „Euch wird es nie gegeben haben!“ – Die Schande von Berg-Karabach

GENOZID oder: „Euch wird es nie gegeben haben!“ – Die Schande von Berg-Karabach

[von Leo Ensel] Dreitausend Jahre armenische Besiedlungsgeschichte in der südkaukasischen Region Berg-Karabach (armenisch: Arzach) wurden an einem Tag brutalst beendet. Armeniens „Schutzmacht“ Russland wechselte die Fronten, der werteorientierte Westen schaute zu und der Rest der Welt hatte wichtigere Sorgen. – Die Armenier aber sind von allen verraten und verlassen. Wie vor über hundert Jahren.

Innerhalb eines Tages war alles erledigt. Weniger als 24 Stunden brauchte der aserbaidschanische Diktator Ilham Alijew, sämtliche Vereinbarungen des trilateralen Waffenstillstandsabkommens vom 9. November 2020 brechend, um sich im Handstreich unter den Nagel zu reißen, was nach dem Sechs-Wochen-Krieg vom Herbst 2020 von der „Republik Arzach“, sprich: Restkarabach, noch übrig geblieben war. „Anti-Terror“-Operation gegen „bewaffnete armenische Separatisten“ lautete das aserbaidschanische Wording, das viele westliche Nachrichtenagenturen prompt übernahmen. Die russischen Friedenstruppen, deren Aufgabe es gewesen wäre, die Einhaltung des Waffenstillstandsabkommens zu garantieren, waren, durch Aserbaidschan vorgewarnt, weitestgehend abgetaucht. Statt die armenische Bevölkerung zu schützen, schlugen sie sich de facto auf die Seite Aserbaidschans und helfen nun ihrem neuen petrodollar-schweren Verbündeten, einen demokratisch verfassten – wenn auch nirgends in der Welt anerkannten – Staat abzuwickeln.

Aushungern, überfallen, für Vogelfrei erklären

Im Nachhinein wird die Strategie Bakus erkennbar: Die Bevölkerung Karabachs durch eine Blockade auszuhungern, um – wie vor drei Jahren – in einem günstigen Augenblick im Windschatten der durch andere aktuelle Krisen und Konflikte abgelenkten Weltöffentlichkeit den seit über neun Monaten durch Unterernährung, Hunger, Medikamentenmangel und fehlende Energieversorgung extrem geschwächten Armeniern den finalen Schlag zu versetzen. Die infernalische Rechnung ging auf: Ab dem 1. Januar 2024 wird die „Republik Arzach“ Geschichte sein.

Und die gesamte Region Berg-Karabach nach einer 3.000-jährigen Besiedlungsgeschichte von Armeniern entleert.

Jetzt, in diesem Moment, wälzen sich die letzten der 120.000 Armenier (unter ihnen 30.000 Kinder), die nach dem Krieg vom Herbst 2020 noch in Arzach verblieben waren, im Schritt-Tempo durch die einzige Landverbindung, den Latschin-Korridor, in Richtung Armenien. Diese Menschen müssen gar nicht mehr von den Aseris mühsam aus ihrem Land vertrieben werden. Sie fliehen „freiwillig“, denn sie wissen, was ihnen blüht. Das haben der Despot von Baku und seine bewaffneten Schergen bereits vor drei Jahren beim Angriff auf Karabach und vor zwölf Monaten bei den Attacken auf zentralarmenisches Gebiet unmissverständlich vorexerziert.

Damals setzten sie international geächtete weiße Phosphorbomben gegen die in die Wälder geflüchtete Zivilbevölkerung der von ihnen beanspruchten Region ein. Gefangengenommene armenische Soldaten und Soldatinnen wurden gefoltert, vor laufender Kamera gedemütigt, die Filme ins Netz gestellt. Nicht wenigen hackte man die Köpfe und andere Gliedmaßen ab, die Angreifer posierten mit ihnen, begingen Leichenschändungen und schickten die entsprechenden Fotos und Videoclips via Facebook an die Verwandten ihrer Opfer.

Nun flieht die armenische Bevölkerung Arzachs nahezu vollständig aus dem Gebiet, das ihnen Jahrtausende lang Heimat war, denn sie ist zur Enthauptung, zur Schändung, zum Verkauf – Anzeigen: Angebote, Nachfragen und Preise bezüglich junger Armenierinnen inclusive Fotos kursieren bereits in aserbaidschanischen sozialen Netzwerken – kurz: zur Austilgung freigegeben! Und eine schandhafte ‚Internationale der Ignoranz, Indolenz und Bequemlichkeit‘ – von Moskau über Berlin, Brüssel bis New York – ließ und lässt es geschehen. Armeniens „Schutzmacht“ Russland – die von den Armeniern nun verächtlich-bitter genannten ‚weißen Türken‘ – verriet seinen Verbündeten, der wertefreudige Westen widmet sich lieber dem gerade, angeblich oder tatsächlich, durch Serbien bedrohten Kosovo, und der Rest der Welt schaut, wie vor über hundert Jahren, weg.

Ein „Open Air-Konzentrationslager“ – Das aktuelle Drama

Es liegt in der Natur der ‚Sache‘, dass es im Moment noch sehr schwierig ist, belastbare Fakten über die Dramen, die sich in den letzten beiden Wochen in Berg-Karabach abgespielt haben, zu präsentieren. Wir sind auf die Augenzeugenberichte der Geflüchteten und der sie betreuenden Helfer auf der armenischen Seite angewiesen. Unter diesen Vorzeichen gebe ich hier wieder, was der mir persönlich bekannte Leiter der deutsch-schweizerischen NGO „Diaconia Charitable Fund“, die sich seit mehr als drei Jahrzehnten um armenische Kinder aus armen Familien kümmert, Baru Jambazian, am 29. September in einem Interview berichtet hat.

„Es ist apokalyptisch – für die geflüchteten Menschen, aber auch für die Armenier grundsätzlich weltweit! Wir verlieren zur Zeit eine unserer Ursprungsregionen und so wie es jetzt aussieht wird nach 3.000 Jahren zum ersten Mal kein Armenier mehr in Arzach verbleiben. 3.000 Jahre Geschichte von Armeniern in Arzach gehen gerade zuende.

In Arzach selbst ist die Lage katastrophal. Im Moment kann niemand von Armenien aus nach Arzach hinein; nur Krankenwagen kommen durch. Die Leute, die von dort kommen, beschreiben es als ein ‚Open Air-Konzentrationslager‘. Es ist ein Stau von der Hauptstadt Stepanakert bis zur Grenze – das sind etwa 65 Kilometer –, wo die Autos, drei bis vier nebeneinander, in einer langen Reihe stehen. Es braucht zur Zeit zwischen 35 und 72 Stunden, um in einem Stop-and-Go überhaupt an die Grenze zu kommen! Dort werden die Menschen von aserischen Grenzposten kurz gescreent. Die Männer müssen alle unterschreiben, dass sie Mitglieder der armenischen Streitkräfte waren, auch wenn das nicht der Fall ist, bevor sie die Grenze verlassen dürfen. Es gibt eine Liste von etwa 400 Personen, die das Land nicht verlassen sollen und an der Grenze verhaftet werden, falls sie versuchen auszureisen.

Dies ist im Prinzip eine indirekte ethnische Säuberung. Die Menschen verlassen Arzach aus verschiedenen Gründen: Zum einen, weil sie vom aserbaidschanischen Militär angegriffen werden. Weil ihre Dörfer und Städte von der Armee eingenommen sind. Weil sie keinerlei Rechte und keinerlei Sicherheit dort mehr haben. Weil sie ausgehungert sind. Aus Angst vor dem, was in der Zukunft kommt. Weil sie wissen, dass sie als Armenier in Arzach selbst nicht mehr leben können.

Inzwischen häufen sich mit der Anzahl der angekommenen Flüchtlinge die Berichte über die gerade verübten Greueltaten. Es gibt Berichte von Massakern, von Enthauptungen – sogar Kinder wurden enthauptet, vor den Augen ihrer Eltern!

Diesmal räumen die Aserbaidschaner direkt hinter sich auf. Es werden weder internationale Beobachter noch die dort stationierten russischen Truppen durchgelassen. Es ist zur Zeit also – bis auf wenige Ausnahmen – nicht möglich, diese Angaben zu belegen. Die Leichen werden in Massengräbern begraben und sobald internationale Beobachter kommen, ist von diesen Spuren nichts mehr zu sehen. Diese Menschen werden dann später als ‚Vermisste‘ geführt.

Unsere Gesellschaft in Armenien, das armenische Volk ist im Schockzustand über das, was gerade passiert. Dass so etwas in unserer heutigen Zeit immer noch möglich ist, ohne dass energisch von der Weltgemeinschaft eingegriffen wird!“ 

Phrasen, Häme, Letzte Hilfe – Die Reaktionen der Welt

Und so sahen die Reaktionen der relevanten Player der Weltgemeinschaft bislang aus:

Am 21. September, also zwei Tage nach dem Überfall Aserbaidschans und einen Tag nach der Totalkapitulation der „Republik Arzach“, als bereits alles zu spät war, weil Alijew irreversible Fakten geschaffen hatte, forderte die junge grüne Außenministerin Deutschlands auf der Sitzung des UN-Sicherheitsrates in New York in blumigen Worten einen „dauerhaften Frieden“, der „nur am Verhandlungstisch herbeigeführt werden“ könne. (Sie vergaß nicht hinzuzufügen, „die territoriale Unversehrtheit und Souveränität sowohl Armeniens als auch Aserbaidschans“ dürfe „nicht in Frage gestellt werden“ – was immer das genau bedeuten mochte.) Pikanterweise hatte bereits am Tag des Überfalls ausgerechnet die russische Außenamtssprecherin Maria Sacharowa ebenfalls „für die Beendigung des Blutvergießens und eine Wiederaufnahme diplomatischer Gespräche“ plädiert. Sie sei „tief besorgt wegen der scharfen Eskalation der Lage in Berg-Karabach“, so Sacharowa in seltener Eintracht mit Baerbock. Überflüssig zu betonen, dass beide nebulösen Plädoyers völlig wirkungslos verpufften.

Nach der Totalkapitulation wurde der Ton von russischer Seite deutlich hämischer: Am weitesten hängten sich Margarita Simonjan, Chefin von Russia Today, selbst ethnische Armenierin – „und zwar eine reinrassige“ –, und ihr Mann Tigran Keossajan, ebenfalls ethnischer Armenier, aus dem Fenster. Die Armenier seien an ihrem Schicksal selbst schuld, schließlich hätten sie ja den „Verräter Paschinjan, diesen Judas“ selbst gewählt, tönte es aus Moskau. Statt dessen sollten sie sich tief „vor Mütterchen Russland dafür verbeugen, dass das armenische Volk seinerzeit überhaupt in seiner Existenz gerettet wurde. Ohne Russland wäre die gesamte Nation längst vernichtet worden.“

Ähnlich zynisch müssen allerdings auch viele westliche Reaktionen in armenischen Ohren geklungen haben. So war in deutschen Leitmedien in den letzten Tagen nicht nur von „armenischen Separatisten“, sondern auffallend oft von der „selbsternannten Republik Karabach“ die Rede. Als ob es irgendwo auf diesem Planeten eine „fremdernannte Republik“ gäbe! (Gar nicht so viele dieser „selbsternannten Republiken“ verdanken übrigens ihre Geburtsstunde einem ‚Akt des Ungehorsams‘ – nämlich der Abspaltung vom ursprünglichen „Mutterland“. Wie zum Beispiel Deutschlands engster Verbündeter oder Armeniens ärgster Feind, die „selbsternannte Republik Aserbaidschan“.)

Als Letzte Hilfe trudelte dann, als alles definitiv vorbei war – nicht zuletzt auf Anregung von Frau Baerbock –, für einen Tag noch eine UN-Beobachter-Mission hinterdrein. Und wie kaum anders zu erwarten, stellten sie in der nun menschengeleerten Region weder Schäden an der „öffentlichen zivilen und landwirtschaftlichen Infrastruktur“ noch an „kulturellen und religiösen Einrichtungen“ fest. Besonders bemerkenswert: „Zudem habe man keine Hinweise auf Gewalt gegen Zivilisten erhalten.“ Wahrscheinlich waren die 120.000 Armenier in Arzach mit einem Male gleichzeitig vom kollektiven Urlaubsfieber gepackt worden… Durchaus denkbar, dass die Armenier die Buchstaben UN künftig genauso lesen werden wie heute die Bosniaken in Bosnien-Herzegowina: United Nothing!

„Euch hat es nie gegeben!“ – Der kulturelle Genozid

Auch wenn die zahlreichen uralten armenischen Kulturgüter im Moment wohl tatsächlich noch unversehrt sind – so rasant kann man nicht alle Klöster, Kirchen, Kreuzsteine und Friedhöfe in Arzach demolieren –, besagt das rein gar nichts.

Denn die Aseris haben nun Zeit. Sehr viel Zeit.

Und Alijews Ehefrau ist nicht nur Vizepräsidentin Aserbaidschans, sondern auch UNESCO-Botschafterin des guten Willens. (Ehrenmitglied der Union der Architekten von Aserbaidschan ist sie sowieso.)

Wer zumindest indirekt noch etwas über die jetzt brutalst zuende gegangene jahrhunderte-, nein: jahrtausendealte armenische Besiedlungsgeschichte Arzachs erfahren will, der sollte sich zumindest Bilder von Köstern wie Dadivank (die Wurzen gehen bis ins vierte Jahrhundert n.Chr. zurück), Amaras (die Wurzeln reichen ebenfalls soweit zurück) und Gandsassar (gegründet 1216) noch einmal ansehen. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass es sie bald nicht mehr geben wird! In den ebenfalls uralten armenischen Siedlungsgebieten Nachitschewan und Ostanatolien haben die Aseris und ihre türkischen Brüder bereits ganze Arbeit geleistet.

Dem erzwungenen Massenexodus – einem „Crime against Humanity“ – wird der kulturelle Genozid folgen. Denn die genozidale Logik gibt sich niemals mit der Ausrottung aller Menschen der verhassten Ethnie zufrieden. Erst wenn sämtliche Spuren getilgt sind, gibt sie endlich Ruhe. Und die Aseris tun alles, damit die stumme Maxime ihres jetzigen Handelns – „Euch wird es nie gegeben haben“ – möglichst bald in den höhnischen finalen Satz einmünden wird:

„Euch hat es nie gegeben!“

Erstveröffentlichung bei globalbridge

COMMENTS

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    Steffen Hebenstreit 6 Monaten

    Es ist schade, dass die Empathie, die der Autor hier für Arzach/Bergkarabach äußert, der Ukraine in seinen sonstigen Artikeln leider nicht zuteil wird. Direkt oder indirekt wird da immer der Ukraine und dem „Westen“ die Schuld am Ukraine-Krieg untergeschoben und damit der brutale, grausame, unnötige und unprovozierte Angriffskrieg des Putin-Regimes versucht zu rechtfertigen. „Russland verstehen“ bedeutet doch, Russland zu erklären, aber nicht einseitig und unkritisch alles zu billigen, gutzuheißen und zu verteidigen, was die heutige russische Regierung sagt und tut, die im Gegensatz zu europäischen Regierungen eine Diktatur ist.

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    Steffen 6 Monaten

    Leider sehr emotional geschrieben. Auch wenn es ein zutiefst emotionales Thema ist, macht Sachlichkeit in der Regel auch glaubhafter. Ich kann in der Rede von Frau Baerbock nichts finden, was Häme verdient hat. Dass die „nebulösen Plädoyers“ wirkungslos verpufften, hat vermutlich etwas mit den Wirren der Geschichte des alten Arzach, dem Status des nichtanerkannten neuen (ehemaligen) Arzach, wirtschaftlichen Abhängigkeiten und geopolitischen Interessen zu tun, in denen Aserbaidshan die besseren Karten hat. Schlimm, dass so viele Menschen darunter leiden müssen. Ich freue mich auf einen dahingehend gut recherchierten und sachlichen Artikel.

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