Hallo, Europa! Die Ukraine verabschiedet diskriminierendes Sprachengesetz

Hallo, Europa! Die Ukraine verabschiedet diskriminierendes Sprachengesetz

Frage: Wenn ich, Russe, neu in Deutschland leben sollte, sollte ich versuchen, Deutsch zu lernen? Wahrscheinlich ja, sollte ich. Weil es für mich schwierig wäre, in Deutschland zu leben, ohne die Sprache zu kennen. Dies ist das Erste. Und zweitens nur aus Respekt vor den Deutschen. Dann die nächste Frage: Wenn ich, Russe, in Deutschland lebe, müssen dann alle Deutschen Russisch lernen, um mit mir zu kommunizieren? Wahrscheinlich nicht. Das wäre absurd. Aber wie ist es in der Ukraine?

In den letzten Tagen kommt in der Ukraine, in Russland sowie unter den Sprechern der russischen, ungarischen und romanischen Sprachen und Sprachen anderer nationaler Minderheiten vieler anderer Länder ein Skandal nicht zur Ruhe. Der Skandal wird durch die Tatsache hervorgerufen, dass die Werchownaja  Rada, das Parlament der Ukraine in erster Lesung den Gesetzesentwurf 5670-d („Über das Wirken der ukrainischen Sprache als Staatssprache“) angenommen hat. Es wäre schön, wenn wir nicht vergessen würden, dass die moderne Ukraine nicht nur aus Teilen verschiedener Staaten, sondern auch aus Teilen verschiedener Zivilisationen, verschiedener Kulturen und Sprachen hervorgegangen ist.

Aber bereits mit der Verabschiedung einiger früherer Gesetze hat die Ukraine Unzufriedenheit nicht nur in Russland, sondern auch bei anderen Nachbarn hervorgerufen – in Polen, Ungarn und Rumänien.  Einige Teilnehmer des runden Tisches, welcher der Bildung der kulturellen Autonomie der Bulgaren im Westen des Gebiets von Odessa gewidmet ist, haben es sogar geschafft, ins Gefängnis zu kommen. Aber das neue Gesetz geht nicht nur über den gesunden Menschenverstand hinaus, sondern auch über die Normen der europäischen Gesetzgebung – die Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, sowie die Europäische Rahmenkonvention zum Schutz nationaler Minderheiten.

Um ehrlich zu sein, einige Punkte der Gesetzgebung verursachen nicht nur Verwirrung, sondern auch bitteres Lachen. Ärzte sind jetzt verpflichtet, Patienten nur auf Ukrainisch zu unterstützen. Es gibt zwar eine Einschränkung: Eine andere Sprache ist möglich, wenn der Patient selbst danach fragt. Aber Frage: Und wenn der Patient in einem bewusstlosen Zustand ins Krankenhaus gebracht wird? Wie wird er fragen?

Ich werde mich nicht mit Fragen der Bildung, der Gerichtsverfahren, der Funktionsweise der Medien und einiger anderer Bereiche befassen, deren Aktivitäten tatsächlich gelähmt oder in eine Parodie verwandelt werden. All das ist ernst und nicht lustig. Am merkwürdigsten und lächerlichsten aber ist das Thema kultureller Aktivitäten. Jetzt sollen alle Plakate, Ausstellungen, Museumsausstellungen in ukrainischer Sprache durchgeführt und ausgeführt werden. Die Verwendung von Wörtern in einer anderen Sprache ist nur mit  obligatorischer ukrainischer Transkription erlaubt. Wenn kulturelle Veranstaltungen von Menschen abgehalten werden, die kein Ukrainisch sprechen, muss ihre Leistung ins Ukrainische übersetzt werden. Theateraufführungen in fremden Sprachen in staatlichen oder städtischen Theatern sollen von ukrainischen Untertiteln begleitet werden. Aber wie dies in der Praxis umgesetzt werden kann, ist in dem Gesetzesentwurf natürlich nicht angegeben. Weil es unmöglich ist, dies zu tun. Ich hatte persönlich Gelegenheit, in vielen Ländern, auch in Deutschland, zu sprechen. Aber zu  den Auftritten eines russischen Dichters kommen die Menschen, die Russisch verstehen. Deshalb übersetzte mich bei den Auftritten niemand ins Deutsche.

Wahrscheinlich werden westliche Leser nichts verstehen, wenn man nicht sagt, dass 60 (!) Prozent der Bevölkerung der Ukraine Russisch als ihre Muttersprache betrachten. Nun stellen Sie sich vor: Es gibt einen Abend mit russischer Poesie, der Dichter liest Gedichte, und ein Übersetzer steht dahinter und übersetzt alles sofort ins Ukrainische. Und das, obwohl alle im Raum Russisch verstehen. Absurd! Einige Leute haben in sozialen Netzwerken bereits vorgeschlagen, dass sie demnächst musikalische Symphonien ins Ukrainische übersetzen werden. Außerdem direkt während der Vorstellung.

Ich wiederhole: All dies wäre lächerlich, wenn es keine schweren Sanktionen für die Nichteinhaltung dieses Gesetzes gäbe. Sie werden angedroht von einer Geldstrafe von 850 Griwna (1 € etwa 33 Griwna) bis zu drei Jahren Gefängnis. Der bekannte ukrainische Menschenrechtsaktivist Vladimir Malinkowitsch hat bereits eine Erklärung abgegeben, in der er nicht nur eine klare Verletzung der europäischen Gesetzgebung und der Verfassung der Ukraine selbst feststellt, sondern auch, „dass nach der Annahme dieses Gesetzes die Nicht-Ukrainischen Sprachen praktisch aus allen Bereichen des sozialen, politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Lebens der Ukraine entfernt werden. Ihr Gebrauch, soll laut den Verfassern des Gesetzentwurfs, allein auf die Familie und engen Kreis von Menschen beschränkt sein.“ Das heißt, wir sehen uns offener Diskriminierung gegenüber. Und mit einem solchen Gesetz (wie übrigens auch mit anderen) versucht die Ukraine beharrlich nach Europa zu kommen – um Mitglied der Europäischen Union zu werden.

Lassen Sie uns offen sprechen: Das Gesetz richtet sich in erster Linie gegen die russische Sprache. Natürlich sind sowohl Ungarisch als auch Rumänisch wichtig für diejenigen, für die sie ihre Muttersprache sind. Auch Ungarn, Bulgaren, Rumänen und übrigens auch die Krimtataren werden diskriminiert. Aber die Russen können keineswegs als nationale Minderheit betrachtet werden. Weil, wie gesagt, Russisch für 60 Prozent der Bevölkerung Muttersprache ist. Folglich haben wir es mit einem Versuch zu tun, die russische Kultur in der Ukraine auszurotten. Und wenn wir den Gangsterraub durch Nationalisten der orthodoxen Kirchen der Russisch-Orthodoxen Kirche (ROC) und das Schlagen ihrer Gemeindemitglieder, das Verbot des russischen Fernsehens und der in Russland veröffentlichten Bücher, das Pogrom des Russischen Kulturzentrums in Kiew und viele andere Fakten hinzufügen, dann wird klar, dass wir es mit militanten Nationalismus oder sogar offenem  Nazismus zu tun haben. Die letzte  Kirche wurde übrigens erst kürzlich gestürmt. Wie auf der offiziellen Website der Ukrainischen Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats berichtet, geschah dies am 28. September im Dorf Bogorodtschany, im Gebiet Iwano-Frankiwsk. Dort stürmten Aktivisten des Rechten Sektors die Dreifaltigkeitskirche, zerbrachen die Türen, zerbrachen die Fenster, schlugen die Gläubigen, die das verhindern wollten und vertrieben sie auf die Straße.

Alles zusammen – hallo Europa!

P.S.

Inzwischen forderte der ukrainische Außenminister Pavel Klimkin die Einführung der strafrechtlichen Haftung für diejenigen, die neben der ukrainischen auch die russische Staatsbürgerschaft haben. Ich hoffe, dass zumindest im Gefängnis Russisch gesprochen werden darf.

Efim Bershin

Übersetzung: Kai Ehlers Formularbeginn

Hier das russische Original >>>

 

COMMENTS

WORDPRESS: 3
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    Michael Nobis 2 Monaten

    @Frank Werner, bitte nicht Ursache und Wirkung verwechseln, die nationalistischen Putschisten, die sich Kiew eingenistet haben, stehen nicht für das Wohl der gesamten Ukraine. Die Situation ist doch überhaupt erst dadurch entstanden, das man von Anfang an Stimmung gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen gemacht hat und immer noch macht.

    Ich finde die Art und Weise der russischen Politik auch nicht gut, aber wie so oft die letzten beiden Jahrzehnte ist Russlands Verhalten lediglich eine Reaktion auf westliche Aktivitäten. gerade auch um jene in der Ukraine. Überhaupt hat „der Westen“, besonders die USA, überhaupt kein moralisches Recht Russland zu verurteilen, wenn man die Außenpolitik und kriegslüsternheit betrachtet.

    Da braucht man auch nicht mit dem Mode-Totschlagargument „Whataboutism“ kommen.

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    Horst Beger, Gesellschaft für Deutsch-Russische Begegnung mit der Partnerstadt Nishnij Nowgorod 2 Monaten

    Der „Versuch, die russische Kultur in der Ukraine auszurotten, der sich auch gegen die Russisch-Orthodoxe Kirche richtet“, ist Ursache des Jahrhunderte alten Kampfes des Westlichen Christentums (Roms) gegen das Östliche Christentum (die russische Orthodoxie), wie der amerikanische Politologe Samuel Huntington das in seinem „Kampf der Kulturen“ aufgezeigt hat. Darin weist er auch darauf hin, dass diese Konfliktlinie die Ukraine in eine von der russischen Orthodoxie geprägte Ostukraine und eine von Rom beeinflusste Westukraine teilt. Von daher ist auch zu verstehen, dass speziell die Konrad-Adenauer-Stiftung die Abtrennung der Ukraine von Russland massiv unterstützt.

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    Frank Werner 2 Monaten

    Herr Ehlers, mit einem Teil ihrer Kritikpunkte haben Sie sicherlich Recht. Aber bitte nicht Ursache/Wirkung verwechseln! Russland hat es durch sein unverantwortliches Handeln – inbesondere Annexion der Krim, Krieg in der Ost-Ukraine – tatsächlich geschaft, einen natürlichen Verbündeten und ein sogenanntes Brudervolk – auf lange Sicht – möglicherweise auf Dauer – zu verlieren. Das das Pendel nun in der Ukraine in die andere Richtung schlägt mag nicht richtig sein – aber absolut nachvollziehbar.

    Solange Russland der Meinung ist, seine Außengrenze selber bestimmen zu können und nur in der Kategorie einer Vasallenschaft oder Feindschaft – insbesondere bei seinen Nachbarn – denkt, wird sich da auch nichts ändern. Und was aus ukrainischer Sicht sicher auch eine Rolle spielt – aktuell kann man sagen, dass es in Russland keine Aufarbeitung der Stalinzeit und der damaligen Verbrechen gibt – und da betrifft auch den Holodomor.