Kritische Analyse der Darstellung Putins und Obamas in der Süddeutschen Zeitung

Kritische Analyse der Darstellung Putins und Obamas in der Süddeutschen ZeitungZwingli. Mirjam Katharina bild (c) Zwingli

Mirjam Katharina Zwingli lebt als Auslandschweizerin in Deutschland und ist selbständige Unternehmerin. Sie promoviert an der LMU München zum Russlandbild deutscher Leitmedien im Rahmen der Propaganda- und Feinbildforschung. Ihre Studien zur Berichterstattung der deutschen Qualitätspresse über Putin vs. Obama hatten Alleinstellungswert und wurden mehrfach in der Fachwelt referiert.

Frau Zwinglis Forschungsansatz geht davon aus, dass Feindbilder einem größeren Zweck dienen. Mächtige globale Interessen brauchen das Feindbild um ihre Position zu etablieren bzw. zu erhalten. Die Massenmedien haben mittlerweile eine entscheidende Aufgabe in einem Mechanismus aus mächtigen Interessen, militärischen Einsätzen und Feindbildern. Dabei werden Feindbilder konstruiert, um ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Akzeptanz gegenüber riesigen Rüstungsausgaben bis hin zu Kriegseinsätzen zu generieren.

Frau Zwingli ist Mitglied des deutsch-russischen Forums in Berlin. Sie hielt 2017 eine Rede über ihre Forschung im EU-Parlament in Brüssel beim Europäisch-Russischen Forum. Auf Einladung der russischen Staatsduma war sie Internationale Beobachterin der Präsidentschaftswahlen 2018 in Moskau. Außerdem ist sie Repräsentantin für das Westminster Russia Forum London auf dem europäischen Festland.

 

Eine kritische Analyse der Darstellung Putins und Obamas mit Bezug zur Ukraine-Krise in der Süddeutschen Zeitung. Wird die selbsterklärte Sachlichkeit des Qualitätsmediums eingehalten oder aber in erster Linie die redaktionelle Sichtweise vermittelt?
Das diskursive Wissen in den Artikeln wird offengelegt. Die dadurch gewonnenen Erkenntnisse bestätigen die These, dass die Süddeutsche Zeitung tendenziös über die beiden Staatsführer berichten.

Tendenziöse Berichterstattung über die Ukraine-Krise 2014? – Putin vs. Obama

„Our ability to shape world opinion helped isolate Russia right away. (…) Because of American leadership, the world immediately condemned Russian actions.“[1] Diese Worte sind einer Rede des amerikanischen Präsidenten Barack Obama bezüglich der Ukraine-Krise im Mai 2014 in der USMilitärakademie West Point, einer der renommiertesten Hochschulen der Vereinigten Staaten, entnommen. Selbstredend sagen sie viel über die Berichterstattung unserer deutschen Leitmedien aus. Dies wird die Analyse eines Leitmediums in Bezug auf die Darstellung der beiden Politiker Putin und Obama zeigen.[2]

Die Ukraine-Krise und stellvertretend dafür der Absturz des Fluges MH17 über der östlichen Ukraine wird im Folgenden untersucht, da dieses Ereignis die Einseitigkeit des Leitmediums Süddeutsche Zeitung in besonderer Weise manifestierte und immer noch manifestiert. Auf der Basis von Siegfried Jägers Kritischer Diskursanalyse im Gefolge des französischen Soziologen und Philosophen Michel Foucault wird das vermittelte Wissen der SZ herausgearbeitet. Ist das Credo der journalistischen Neutralität und Sorgfaltspflicht nur noch Lippenbekenntnis? Eine geradezu indoktrinierte Ausrichtung des Feinbildes Russland unter Putin wirkt in der Berichterstattung und den damit verbundenen Bewusstseinsinhalten. Wie ist das nun im Detail zu verstehen?

Die noch recht junge Diskurstheorie Foucaults (1926-1984) analysiert die Mechanismen und Institutionen in kapitalistischen und sozialistischen Gesellschaften, die Geschriebenes wie Gesprochenes restringieren, kontrollieren und determinieren, also Macht ausüben. Es geht dabei im Wesentlichen um den Macht-Wissens-Komplex und darum, mit welchen Bildern im menschlichen Bewusstsein oder dem Diskurs Normalitäten erzeugt werden. Je stärker jemand oder etwas sich im Fluss des „Normalen“ befindet, umso mehr Macht ist damit letztendlich verbunden. Dabei spielen die Medien unserer Zeit eine immer zentralere Rolle.

An dieser Stelle noch ein Wort zur Feinbildung in der Diskursanalyse. Es gibt zwei Formen der Feind“bildung“ im Kriegsdiskurs: Einmal die Entpersonifizierung des „Feindes“ zur gesichtslosen, außenstehenden Masse. Zum anderen die Personifizierung des „Feindes“ als Irrer, der zu vernünftigen Entscheidungen nicht mehr fähig ist, somit Verhandlungen sinnlos erscheinen und gezwungenermaßen „andere (militärische?) Vorgehensweisen“ ergriffen werden müssen. Die Bedeutung der Freund- und Feindbildung in den Massenmedien ist für die Weltgemeinschaft eine ganz wesentliche. Beeinflusst sie doch unbestritten die, wenn auch nur stillschweigende, Tolerierung der Außenpolitiken durch die

Bevölkerung, welche schließlich Kriegseinsätzen zu fataler Legitimität verhilft. Diese Medienmanipulation den Leserinnen und Lesern bewusst machen und zu entlarven, ist das Bestreben dieses Artikels.

Wenig aussagen und viel überreden

Die Aussagen in den Artikeln der Süddeutschen Zeitung sind erschreckend flach, eindimensional und undifferenziert. Kompensiert wird dies für die Rezipienten mit wort- und bildreichen Überredungskünsten seitens der Verfasser, dass der Westen den anti-westlichen Aggressionen Russlands härter begegnen müsse. Wie genau sehen diese Überredungskünste aus? Hierbei bewegen sich die Autoren im sprachlich-rhetorischen Bereich, in dem den Elementen Kollektivsymbol sowie Anspielung eine entscheidende Rolle zukommt. Beide Elemente arbeiten mehr oder minder verdeckt mit dem als bekannt vorausgesetzten Wissen oder Weltbild der Leser sowie den damit verbundenen Werten und Normen.

Die konservative Weltsicht wird deutlich, indem Putin mit dem Bild der Bibel verknüpft wird. So meint also der Verfasser, dass „Putin zurück auf den richtigen Pfad gedrängt werden [muss]“. Er muss „bekehrt“ werden.[3] Hier erkennt man die Vorstellung des bibelhaft Bösen, des vom richtigen Weg Abgekommenen, der folglich bestraft und wieder auf den rechten Weg geführt werden muss. Zusätzlich wird die Bibelsymbolik hier zur Fähre, welche Russland und die russische Regierung an sich koppelt, um sich in der Negativwertung wirksam und nachhaltig im Bewusstsein der Rezipienten einzunisten.

Als Gegensatz dazu wirkt der Diskurs durch das Bild von Frieden, Freiheit und den damit assoziierten Werten bei der Vermittlung der Institutionen UNO, Nato, USA und EU. Das Bild der ruhenden Mitte wird durch die Friedens- und Einheitssymbolik evoziert. So spricht der Verfasser von den „höchsten Institutionen, die sich die Staaten der Welt geschaffen haben, um Streit friedlich beizulegen“ und von „Sicherheit und dem Schutz der Freiheit in Europa“. Interessanterweise wird bei der Darstellung der US-Regierung wie beim Putin-Diskurs die Bibelsymbolik verarbeitet.

Hierbei fällt allerdings auf, dass explizit Präsident Obama kaum im Medium Süddeutsche Zeitung erscheint. Durch die Theatersymbolik: „Obama wählt häufig die Rolle des Zuschauers“ befindet er sich buchstäblich außerhalb des Diskurses, im Nichtsagbarkeitsfeld der Berichterstattung. Der Fokus liegt eher auf der amerikanischen Regierung allgemein. So also wird beispielsweise die „Vision“ der ehemaligen Bush-Senior-Regierung mit dem biblischen Bild der Prophezeiung eines Friedensreiches durch den Propheten Micha vor 2700 Jahren verbunden beziehungsweise daran angekoppelt.

Als (inszenierter) Counterpart erscheint Putin im selben Artikel im Gewand der Krebs-, Medizin- und Militärsymbolik: Demnach will Putin die „Ukraine zersetzen, damit sie nicht nach Westen geht“, „während Europa verhandelt, rüstet er Rebellen auf“ und der „Schock über den Absturz des Flugzeuges, der Putin nun nach einer Waffenruhe rufen lässt, wird nicht lange heilsam wirken“. Bei diesen Sequenzen handelt es sich um Katachresen oder Bildbrüche, die Bilder miteinander verweben, um Plausibilität bei der Rezeption zu erzeugen. Putin gleicht demnach einem zersetzenden Krebsgeschwür, wobei er Rebellen (Bruch zur Militärsymbolik), als subjektlose Masse wie Metastasen instrumentalisiert, worauf die Schocktherapie den Krebs heilen sollte (nächster Bruch zur Medizin), was selbstverständlich nicht gelingt. Weiter arbeitet der Autor bei seiner Darstellung von Putin und dem russischen Volk mit Kollektivsymbolen des „Außerhalb“ und der (Un)normalität. Bei ersterem geht es um Ausgrenzung, Absonderung und Abschottung, als nicht mehr zu uns gehörig, am Rande befindlich. Es ist zu lesen: „Russland und die Folgen der Selbstisolierung“  „Un“normal wird es in den Formulierungen „Putins bizarre Welt“, “Die russische Führung und inzwischen auch die Mehrheit der Bürger leben in einer anderen Wirklichkeit“ und „Diese andere Welt mag widersprüchlich sein und oft absurd und bizarr, aber es ist die Welt, die derzeit für die überwältigende Mehrheit der Menschen in Russland die Wirklichkeit ist.“ In diesem Fall handelt es sich abermals um eine Katachrese. Einmal werden Russland und die russische Führung als in einer anderen Welt lebend, als anti-westlich, d. h. außerhalb „unserer“ Welt dargestellt. Dies verbindet sich mit dem Bild des psychisch Unnormalen und seiner Selbstisolation, seiner bizarren, widersprüchlichen und absurden Denkweise, die sich eine eigene „Wirklichkeit“ schafft.

So wird dem Leser der Gegenpol „Westen“ als Raum der Normalität nahe gelegt. Durch die Partnerschafts-, Recht- und Ordnungssymbolik werden insbesondere die USA und das Verhältnis zwischen EU und USA vermittelt. Es wird gesprochen von der “Missachtung jener Prinzipien von Recht und Freiheit, die sie [USA] sonst propagieren“. Es ist die Rede von “der anderen Seite des atlantischen Werteraums“ und davon, dass „die Globalmacht USA mit ihren Verbündeten die Herrschaft des Rechts und der Vernunft durchsetzen [werde], gestützt auf internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen“, sowie vom „alten Freund USA“ als dem „wichtigsten Partner Europas“. Es findet sich auf diese Weise insgesamt ein riesiges, narrativ ausgespanntes Netz mit Bildern von Recht, Freiheit, Partnerschaft und Freundschaft, deren Werte und Normen sich bewusstseinsmäßig im Wissen der Leser um USA, EU und Deutschland verfestigen oder dies gar neu bilden können. Eine Anspielung enthält der Satz mit dem „atlantischen Werteraum“. Dabei wird den Lesern ein „Wissen“ unterstellt, dass der atlantische Raum ethische Werte amerikanisch-westlicher Art beinhaltet, die schließlich die „unseren“ sind.

Faszinierend ist auch, wie die Verfasser für die Leser unmittelbar Erlebbares, Nähe und Authentizität bewirken, indem sie Körpersymbolik, also körperliche Aspekte, verwenden. Sie formulieren beispielsweise: „Menschen im Westen die Augen dafür öffnen“, “Russland reißt einem anderen Staat, der Ukraine, ein Filetstück, die Krim, heraus“ und „während Afghanistan vor einer Rückkehr der Taliban zittert“. Schließlich wird „geblutet“ und „gestorben“.

Argumentation, Stil und Rhetorik im Dienste der Polemik

Eine ernstzunehmende Beweisführung besteht durchweg keine. Ohne Faktenlage folgt eine These oder Behauptung der nächsten (in knapp jeder fünften Zeile wird eine These aufgestellt inkl. Wiederholungen derselben Thesen), sieht man von den Zahlen und Ergebnissen einer fragwürdigen „unabhängigen“ Umfrage ab, deren Zustandekommen völlig ungeklärt bleibt. Rhetorisch betrachtet hat diese jedoch starke persuasive Funktion, da Zahlen und Statistiken sachlich-faktisch wirken (Zahlen lügen nicht!) und meistens unhinterfragt bleiben. Auch werden geäußerte Behauptungen redundant be- und umschrieben, die vielen, deskriptiven Sequenzen erscheinen wie die Zustandsbeschreibung eines wissenschaftlich anerkannten Sachverhalts, dessen Wahrheitsgehalt über alle Zweifel erhaben ist. Die Argumentation ist somit klar auf Persuasion ausgerichtet mit wiederholten, einseitigen Äußerungen, die auf die vorausgesetzte Wertebasis bzw. möglichen Vorurteilen der Leser baut.

Das rhetorische Instrument der Generalisierung, also die Verallgemeinerung eines Sachverhalts, wird ebenfalls gerne vom Autor verarbeitet. Dies impliziert, dass es sich um eine Gesetzmäßigkeit handelt, daher Schlüssigkeit überflüssig wird ebenso wie eigenständiges Hinterfragen. So meint der Verfasser in aller Selbstverständlichkeit: „Zugleich aber bleiben die USA der wichtigste Partner Europas, wenn es darum geht, einem neoimperialistischen Russland, einem expansiven China oder eroberungswütigen Islamisten Grenzen zu setzen.“ Mittels Antithese wird darüber hinaus den Lesern die Welt schlicht in Schwarz und Weiß verkauft. So heißt es: „Boden“ und „Himmel“, „Putin-Versteher“ und „Putin-Fürchter“, „EU-Freunde“ und „EU-Verächter“, „Ewiger Krieg statt ewiger Frieden“, „Während Europa verhandelt“, „rüstet Putin auf“ etc. In jedem Absatz wird knapp einmal die Antithese verwendet.

Der teilweise gehobene Stil mit gewählter Ausdruckweise („prosperieren“, „Zäsur setzen“) verbindet sich mit veralteten oder literarischen Wörtern („mahnen“, „verheißen“), deren sich eher konservativ eingestellte Menschen bedienen. Dazu mischt sich Derbes und Aggressives, wie „Und dann mischen auch noch Islamisten (…) auf“, was in der Stilistik im Ganzen als konservative Rhetorik zur Einschüchterung des politischen Gegners bezeichnet wird.

Alle rhetorischen und argumentatorischen Faktoren zusammengenommen, lässt sich der Text dem Genre der Polemik zuordnen. Es besteht Ähnlichkeit mit einem Pamphlet, ausgezeichnet dadurch, dass eine sachliche Argumentation bedeutungslos wird und die emotionsgeladene Parteinahme gegen jemanden, ja gar die Herabsetzung einer anderen Person gebilligt und sogar zum eigentlichen Ziel wird. Sehr trefflich meint Foucault dazu: „Der Polemiker (…) tritt vor, gepanzert mit Vorrechten, die er von vornherein innehat und die er niemals in Frage stellen lässt. (…) der Polemiker sagt die Wahrheit in der Form des Urteils und gemäß der Autorität, die er sich selbst zugebilligt hat.“[4]

Vereinnahmung, Blockbildung, Feindmarkierung und Appell

All diese Elemente sind in dem Bereich der Propaganda zu verorten. Erstaunlich auch hier ist die leicht zu durchschauende und unerhört offensichtliche Tendenz in der SZ. So liest sich an einer Stelle: „Man sollte sich eingestehen: Putin lässt sich nicht umstimmen.“ Mit diesem simplen Trick werden die Leser vereinnahmt, d. h. die Verwendung von „man“ mag dazu führen, dass „ich“ mir etwas eingestehe. Die Leser werden schließlich weiter in eine größere Gruppe, nämlich „den Westen“ verortet und danach gar gleichgesetzt mit „die Welt“. Der „Westen“ wird dabei als USA und als nichtrussisches Europa spezifiziert, wobei die USA das Hauptziel von Putins Aggressionen seien. Als Gegenstück dazu häuft sich die eindeutige Erwähnung der Russen, Russlands und Putins in Verbindung mit negativen Zuschreibungen in der traditionellen Manier der Feindmarkierung. So ist die Rede vom „neoimperialistischen Russland“ oder „Es war die russische Führung, die sich bewusst dagegen [Rückkehr zum früheren Verhältnis] entschieden hat. Und Putin hat damit auch sein eigenes Ende eingeleitet“. Somit wird für die Rezipienten auch dichotomisch die Blockbildung hergestellt als Bewusstseinsinhalt des Kriegsdiskurses. Auf diesem Wissensfundament ruht nicht zuletzt der Handlungsappell an die Leser, der durch die Verwendung von „müssen“, „sollen“ und „nicht dürfen“ mindestens einmal pro Absatz aufgebaut wird.

Das direkte Umfeld eines Artikels zur Untermauerung der tendenziösen Darstellung

Auf der gleichen Seite, auf der sich der Artikel befindet, kritisiert das Mitglied der SZ-Chefredaktion Heribert Prantl scharf die USA und Europa in Bezug auf den Umgang mit Whistleblower Snowden. Meinungskonformität herrscht jedoch wieder, als er schreibt: „Es ist ein bitterer Witz, es ist eine Schande, dass ein Aufklärer dort [Russland] Schutz suchen muss, wo derzeit alles Mögliche zu Hause ist, nur nicht die Werte der Aufklärung“.[5] Auch eine Karikatur von Obama mit hilflos ausgebreiteten Armen vor dem in der Ferne von Gaza aufsteigenden Rauch unterstreicht den Grundtenor. Dazu echauffiert sich der Ressortleiter für Außenpolitik Stefan Kornelius, wie „in Zeiten der Lügen und Unterstellungen“ Obamas Außenpolitik für Gaza und gar die Ukraine-Krise verantwortlich gemacht werde und bezeichnet dies als „kübelweise Häme“.[6] Ein Kommentar beschäftigt sich darüber hinaus mit der Schadensersatzzahlung Russlands an den Ölkonzern Yukos und freut sich, dass „Russlands Machtzirkel um Wladimir Putin die Quittung für die Enteignung eines politischen Gegners [bekam], obwohl die ‚gelenkte Macht‘ des Präsidenten keine unabhängige Justiz zulässt“.[7] Auch stellt der Autor vorzugsweise Bezüge her zwischen dem Machtstreben Putins und der verlorenen Stärke der Sowjetunion. Der Kalte Krieg wird dabei mit aufgewärmt und schließlich auf eine weiter oben erwähnte Umfrage verwiesen, die die feindliche Gesinnung der Russen im Gefolge von Putins antiwestlicher Propaganda belegen soll. Für die Leser werden keine Quellen nachvollziehbar gemacht. Letzteres ist Usus bei den betrachteten Beiträgen der SZ.

Die gesamte Seite ist also eine einzige Anklage an den Übeltäter Russland unter Putin und ein Plädoyer für den amerikanischen Präsidenten. Es lässt stringent schlussfolgern, dass sich der Putin-Diskurs in einem homogenen Wissensfluss bewegt, diesen im gleichen Geiste bereichert und durch denselben vermittelt wird. Gegenströmungen sind kaum auszumachen.

Botschaft und Wirkung

Die zentrale Botschaft im Putin-Diskurs der Qualitätszeitung SZ ist die, dass die USA, EU und Deutschland in Russland und vor allem in Präsident Putin einen machtlüsternen Aggressor zu sehen haben, gegen die man sich militärisch schützen sollte. Nur in enger Zusammenarbeit mit den USA, der Nato und den UN ist Sicherheit für Deutschland und EU auf Dauer möglich. Die kontinuierlich sich wiederholende Kriegs- und Feindrhetorik befeuert die Bewusstseinsinhalte der Rezipienten und konstruiert nach bewährtem Muster ein „gemeinsames“ Feindbild. Daraus lässt man einen Handlungszwang entstehen, da Normalität wieder herzustellen ist. Die beiden Aspekte der Botschaft und Wirkung der untersuchten Artikel hier sind sinnvollerweise zu verknüpfen mit den entsprechenden Ergebnissen aus der Untersuchung der Berichterstattung über das diskursive Ereignis des europäischen Raketenabwehrschirms in der vorangegangenen Bachelorarbeit. Dabei wurde auf linguistischer Basis eine tendenziöse Berichterstattung der Süddeutschen Zeitung und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in Bezug auf Putin und Obama belegt mit einem durchweg negativen Putin-Bild einerseits und einem positiven Obama-Bild andererseits.[8] Obwohl die damalige Arbeit vorbehaltlich als ein kleiner Aspekt einer Diskursanalyse zu betrachten ist, lässt sich trotzdem aufgrund der deutlichen Übereinstimmungen ein diskursiver Verlauf von völliger Stagnation in der SZ ausmachen.

Die Kristallkugel der Süddeutschen Zeitung

Kurios ist die Tatsache, dass der Zeitabstand zwischen dem Absturz des Fluges MH17 am 17. Juli 2014 und dem Erscheinungsdatum der hier referierten Artikel lediglich zwei bzw. dreizehn Tage beträgt. Wo bleibt hier das fundamentale Credo unserer rechtsstaatlichen Auffassung „in dubio pro reo“, dessen wir uns rühmen und dessen Nichtvorhandensein die Autoren der SZ genau den Russen vorwerfen? Wenige Tage nach dem Flugzeugunglück scheint der Schuldige bereits ausgemacht. Ohne offizielle Untersuchungen, geschweige denn Beweise, wird nach dem mittelalterlichen Brauch der Hexenverfolgung die Hexe auf dem Marktplatz der Massenmedien an den Pranger gestellt und verbrannt. Schließlich kann sie nach alter Sitte die Anklage, nämlich mit dem Teufel im Bunde zu stehen, nicht entkräften oder aber wird sicherheitshalber vorher verbrannt.

Die Ideologiefreiheit der Süddeutschen Zeitung als Mythos

Die tendenziöse Sicht auf die Ukraine-Krise belegt sich selbst durch die nicht hinterfragbare Selbstverständlichkeit, mit der Freund und Feind, Gut und Böse markiert wird. Dies manifestiert sich in der Argumentation, die aus unbelegten Behauptungen besteht, was dem foucaultschen Verständnis der Doktrin entspricht, wonach nur ein einziger Aussagetyp zugelassen wird und so häufig wiederholt und umformuliert erscheint, bis der gesamte Diskurs davon bestimmt ist. Die konservativ-kirchliche Prägung zeigt sich in der Bibelsymbolik mit den damit verbundenen Normen und Werten. Außerdem ist das Russland- und Amerikabild des Verfassers im Diskurs des Kalten Krieges verhaftet und hat bislang keine Weiterentwicklung erfahren. Eine selbstreflexive Hinterfragung und Neubewertung der Weltanschauung ist nicht zu erkennen. Somit besteht eine klare Tendenz als Widerspruch zum erklärten Selbstverständnis der Süddeutschen Zeitung.

Die selbsterklärte redaktionelle und weltanschauliche Ungebundenheit gilt nach den vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen als unbestätigt

Fakt ist, die Anteilseigner der SZ entstammen aus amerikanisch lizensierten Zeitungen nach dem Zweiten Weltkrieg. Fakt ist ebenfalls, dass insbesondere der Ressortleiter für Außenpolitik Stefan Kornelius sich ein redundantes Netzwerk im transatlantisch orientierten Milieu der Politik- und Wirtschaftseliten aus Deutschland und den USA geschaffen hat. Dies wies auch Uwe Krüger in seiner Dissertation mit dem Titel Meinungsmacht: Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse nach.[9] So war Kornelius unter anderem Präsidiumsmitglied in der Deutschen Atlantischen Gesellschaft, einer Lobbyorganisation für die Nato. Zudem leistete er für das American Institute for Contemporary German Studies in Washington oft Beiträge zu dessen Programmen und Veranstaltungen. Redundanz ist hier also das treffende Attribut, da diese Funktionen und Tätigkeiten mit der Ausübung journalistischer Aufgaben, wie Recherchen und Interviews, nicht direkt zu tun hatten.

In diesem Rahmen ist zu unterstreichen, dass ausnahmslos alle Verfasser der untersuchten Beiträge in der Süddeutschen Zeitung akademisch gebildet und formal Experten sind auf ihren jeweiligen Gebieten sowie über weitreichende, journalistische Berufserfahrung verfügen. Um der Ironie aus der analysierten Bibelsymbolik in den Artikeln zu folgen, sollte man über den Spruch „denn sie wissen, was sie tun“ reflektieren.

 Übereinstimmungen mit Chomsky und Krüger

Die hier dargelegten Erkenntnisse zeigten auffällige Übereinstimmungen mit den Forschungsergebnissen von Noam Chomskys und Edward S. Hermans politisch-soziologischem und medienwissenschaftlichem Propagandamodell, erschienen im Jahre 1988 unter dem Titel Manufacturing Consent: the Political Economy of the Mass Media.[10] Anhand von Fallbeispielen haben die beiden Wissenschaftler damals ihr Modell auf die USA angewendet und aufgezeigt, wie wirtschaftliche und politische Interessengruppen die Berichterstattung der Massenmedien in Demokratien manipulieren können. Uwe Krügers Meinungsmacht wurde bereits weiter oben erwähnt. Die Übereinstimmung mit ihm bezieht sich hier einerseits auf die Kernaussagen oder Botschaften, die aus den vorliegenden Artikeln in meiner Arbeit herausgearbeitet wurden und andererseits auf die entlarvte Doktrin im Geiste Foucaults. Dr. Krüger kann an dieser Stelle am besten selbst erklären, wie genau dies zu verstehen ist:

„Und den Auslandseinsätzen der Bundeswehr, speziell in Afghanistan, standen und stehen die Deutschen mehrheitlich skeptisch gegenüber. (…) Wie verhalten sich angesichts dieser Kluft zwischen Elite und Bevölkerung die vier im Nato- und US-Milieu vernetzten Journalisten? Ich habe die Artikel von Stefan Kornelius, Klaus-Dieter Frankenberger, Michael Stürmer und Josef Joffe zwischen 2002 und 2010 ermittelt, die begriffliche Bezüge zu den Themen Sicherheit, Verteidigung, Krieg, Frieden und Militär aufwiesen. 83 Artikel, die meisten von ihnen Kommentare und Leitartikel, habe ich einer FrameAnalyse unterzogen. (…) 

Sie ergab, dass die vier Journalisten Eliten-nah argumentierten und untereinander große Schnittmengen in ihren Argumenten aufwiesen. Alle vier Journalisten gingen explizit auf den Begriff Sicherheit ein und sagten, dass er breiter geworden ist bzw. breiter gesehen werden muss. Alle vier Journalisten erwähnten einen Katalog von Bedrohungen, denen wir vermeintlich ausgesetzt sind, und dieser Katalog kommt ähnlich in den offiziellen Dokumenten und Doktrinen von Bundesregierung, EU, Nato und USA vor. Alle vier Journalisten mahnten die deutsche Regierung zu mehr militärischem Engagement in der Nato und zur Pflege der Partnerschaft mit den USA; zur Durchsetzung dieser Politik empfahlen sie verstärkte Überzeugungsarbeit am skeptischen Wahlvolk. Ihr Bild von Bedrohungen und Konflikten war ebenso eindimensional und nicht-reflexiv wie das in den offiziellen Doktrinen. Stellenweise verwendeten v.a. Kornelius und Joffe Propagandatechniken, wobei offen bleiben muss, ob sie dies bewusst oder unbewusst tun. Die Argumentation der vier Journalisten ist zusammenfassend als unkritisch bis persuasiv zu qualifizieren.“[11]

Der Kreis schließt sich

Abschließend soll nochmal ein kritischer Blick auf die Worte Barack Obamas geworfen werden. Muss man sich aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht konsequenterweise fragen, wie genau nun die Macht der USA funktioniert, mit der sie die Weltöffentlichkeit dazu bringen, Russland sofort zu isolieren? In den untersuchten Artikeln, war immer die Rede von Russlands „Selbstisolation“. Und wie genau funktioniert die amerikanische Vormachtstellung, die vorschreiben kann, dass die Welt umgehend das russische Vorgehen verurteilt? Dass die Aussagen des Präsidenten zutrafen, beweisen selbstredend die konformen Leitmedien. Insofern sind dies also keine größenwahnsinnigen, naiven oder haltlosen Behauptungen von Präsident Obama. Es ist daher faszinierend, wie Obama sich trotzdem verborgen im diskursiven Nichtsagbarkeitsfeld des deutschen Medien-Diskurses befindet. Diese Betrachtungen haben dazu motiviert, das Zitat Obamas prominent zu platzieren, um so das Nichtsagbare aufzubrechen und dazu zu ermutigen, Medieninhalte zur Darstellung Putins und Obamas kritisch aufzunehmen.[12]

(Verfasst von Mirjam Zwingli, Prien, 06.03.2019)

[1] Barack, Obama: “Remarks by the President at the United States Military Academy Commencement Ceremony” In: www.whitehouse.gov/, 28.05.2014. (http://www.whitehouse.gov/the-pressoffice/2014/05/28/remarks-president-west-point-academy-commencement-ceremony + 22.07.2015)

[2] https://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/07/20150818_KDA-MA-Zwingli_PutinObama-SZ-Wasserzeichen.pdf

[3] Anmerkung der Verfasserin: Analysiert wurden zwölf Artikel bestehend aus sechs Aufmachern, zwei

Leitartikeln und vier Editorials. Die hier aufgeführten Zitate aus der Feinanalyse stammen von Hans, Julian (2014): Putins bizarre Welt. In: Süddeutsche Zeitung vom 30.07.2014, S. 4. und Ulrich, Stefan (2014): Zum ewigen Unfrieden. In: Süddeutsche Zeitung vom 19.07.2014, S. 4.

[4] Foucault, Michel: Dits et Ecrits. Schriften. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2001-2005: 724 ff.

[5] Prantl, Heribert (2014): Das Phlegma wächst. In: Süddeutsche Zeitung vom 30.07.2014, S. 4.

[6] Kornelius, Stefan (2014): Russlands Schuld. In: Süddeutsche Zeitung vom 22.07.2014, S. 4.

[7] Balser, Markus (2014): Die Schatten der Schattenjustiz. In: Süddeutsche Zeitung vom 30.07.2014, S. 4.

[8] http://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/07/2014-Zwingli_BA_Putin-Obama.pdf + 13.08.2015)

[9] Krüger, Uwe: Meinungsmacht: Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse. Köln: Halem, 2013.

[10] Herman, Edward/Chomsky, Noam (Hg.): Manufacturing consent: The political economy of the mass media. New York: Pantheon Books, 2002.

[11] http://www.ngfp.de/wp-

content/uploads/2014/07/UK_Netzwerke_zwischen_JournalistInnen_PolitikerInnen_und.pdf

[12] Vgl. https://www.medienverantwortung.de/wp-content/uploads/2009/07/20150818_KDA-MAZwingli_Putin-Obama-SZ-Wasserzeichen.pdf

Erstveröffentlichung in den Nachdenkseiten

COMMENTS

WORDPRESS: 3
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    Friedrich 1 Monat

    es ist einfach widerlich wie Feindbild Russland/ Putin in dieser
    Zeit aufgebaut, gepflegt u. ständig erweitert wird.

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    Horst Beger 3 Monaten

    Der kritischen Analyse der deutschen „Qualitätspresse“ von Frau Zwingli ist nichts hinzu zu fügen außer der Frage, ob man in diesem Zusammenhang noch von „Qualitätspresse“ sprechen kann.