Nasarbajew geht: bleibt Kasachstan stabil?Rahr, Prof. Alexander (c) russlandkontrovers

Nasarbajew geht: bleibt Kasachstan stabil?

Alexander Rahr / Urs Unkauf

Am 19. März geschah in Zentralasien Historisches. Nach 30 Jahren Amtszeit trat der Präsident der Republik Kasachstan, Nursultan Nasarbajew, zurück. Seltsamerweise fand in den westlichen Medien der Machtwechsel im neuntgrößten Flächenstaat der Erde kaum Beachtung. Dabei ist Kasachstan heute der Anker der Stabilität in der Region. Deshalb lohnt sich die folgende Betrachtung, denn sie offeriert einen Ausblick auf die kommenden Entwicklungen.

Nasarbajew – nicht der russische Präsident Vladimir Putin – ist der Architekt der gegenwärtigen Eurasischen Wirtschaftsunion. Nasarbajew forderte nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion stets eine wirtschaftliche Kooperation integrationswilliger Nachfolgerepubliken der UdSSR, die er als alternativlos bezeichnete. Nasarbajew wollte auch engste Beziehungen zum Westen pflegen – aber dabei nicht gegen russische Interessen agieren. Er verstand besser als andere, dass Kasachstan sich mit dem Westen nicht in Gegnerschaft, sondern in Kooperation mit Moskau, verständigen musste. Gleichzeitig baute Nasarbajew ein konstruktives Verhältnis zur neuen Weltmacht in Asien, China, auf. Wissend, dass er mit dem Giganten Russland auf dem europäischen Energiemarkt nicht konkurrieren konnte, orientierte er seine Exporte frühzeitig Richtung Osten, nach China.

Mit der Entwicklungsstrategie „Kasachstan 2050“, die Nasarbajew vorgestellt hat, soll eine umfassende gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung verbunden werden, in deren Ergebnis Kasachstan im Jahr 2050 zu den 30 am meisten entwickelten Staaten der Welt gehören soll. Bereits heute gehört Kasachstan zu den 50 wettbewerbsfähigsten Ländern weltweit und stellt die größte Wirtschaft Zentralasiens. Seit der Unabhängigkeit von 1991 hat sich das Bruttoinlandsprodukt versechzehnfacht und die Armut ist um das zehnfache gesunken. Auch das durchschnittliche Einkommen der Bevölkerung hat sich seit diesem Zeitpunkt um das neunfache gesteigert. Der Übergang von der industriellen zur Dienstleistungsgesellschaft wird stetig fortgesetzt, auch wenn in Zeiten des niedrigen Ölpreises die Konjunktur von Energieexportnationen wie Kasachstan leidet.

Der eigenständige Rücktritt eines Staatsoberhauptes in Zentralasien, wo die Staatschefs meist auf Lebenszeit gewählt und es dazu einen Personenkult gibt, bildet ein Novum. Nach dem Ende der Sowjetunion war Kasachstan von Instabilitäten und Bürgerkriegen verschont geblieben – ein Verdienst Nasarbajews. Auch der kontinuierliche Einsatz Kasachstans für eine atomwaffenfreie Welt und Friedensinitiativen, insbesondere im Rahmen der nichtständigen Mitgliedschaft im UN-Sicherheitsrat 2017/2018, sind hervorzuheben. Die rohstoffreiche Republik betrieb nie eine Politik der Abschottung, sondern engagierte sich umfassend im Rahmen multilateraler Organisationen wie der OSZE, der Eurasischen Wirtschaftsunion, der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit und der Organisation für Islamische Zusammenarbeit. Die strategische und auch geografische Lage Kasachstans zwischen Asien und Europa inmitten der „Neuen Seidenstraße“ bieten besondere Chancen für die Rolle eines Mediators zwischen Ost und West. Kasachstan hat selbstbewusst den Weg der eurasischen Integration beschritten und wird diesen auch unter dem Interimspräsidenten Qassym-Schomart Toqajew fortsetzen. Ob dieser bei den für 2020 geplanten Präsidentschaftswahlen selbst antreten oder die älteste Tochter Nasarbajews, Dariga, den Vorzug erhält, bleibt abzuwarten.

Präsident Nasarbajew ist sein Platz in den Geschichtsbüchern als Vater des modernen und unabhängigen Kasachstan sicher. Früher oder später werden auch die einschlägigen westlichen Medien nicht umhin kommen, ihre einseitig auf das westliche Demokratiemodell verengten Wahrnehmungsschablonen zu überwinden und die Erfolge Kasachstans anzuerkennen. Kasachstan wird im Rahmen der chinesischen Seidenstraße-Strategie eine immer wichtigere Rolle – auch für den Westen – spielen. Einige Experten gehen davon aus, dass Zentralasien schon in wenigen Jahren nicht mehr zur „Einflusssphäre“ Russlands, sondern Chinas gehören wird. Ein Groß-Eurasien ist am Entstehen.

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