Niedriges Vertrauen der russischen Bevölkerung in Putin

Niedriges Vertrauen der russischen Bevölkerung in PutinSchneider, Dr. Lic. Eberhard © Schneider

Ende Mai 2019 veröffentlichte das Moskauer Meinungsforschungsinstitut WZIOM die Ergebnisse seiner Befragung der Bevölkerung im Frühjahr 2019 nach ihrem Vertrauen in ihre Politiker.[1] Der russische Präsident Wladimir Putin erreichte am 26. Mai 2019 mit 30,5 % den niedrigsten Wert seit 2006. Nach der Annexion der Krim war der Zustimmungswert zum Präsidenten im Juli 2015 auf 71 % gestiegen. Der gegenwärtig niedrige Wert zeigt, dass nationalistische Aktionen sich irgendwann verbrauchen. Wenn man als Politiker darauf setzt, sieht man sich gezwungen, in gewissen Abständen immer wieder ein neues nationales Event durchzuführen.

Die Leiter der Untersuchung, Michail Dmitriew und Sergej Belanowskij, wandten die Methode der „Tiefen“-Befragung an. Im Gegensatz zu den üblichen quantitativen soziologischen Methoden, die in der massiven Datenerhebung bestehen, liegt der Schwerpunkt der qualitativen Methoden auf einem tiefgreifenden Verständnis der in der Gesellschaft ablaufenden Prozesse. Am bekanntesten und gebräuchlichsten ist eine Fokusgruppe, ein Gruppeninterview. Das läuft folgendermaßen ab: Der Interviewer „quält“ eine Gruppe – in der Regel 8 bis 12 zufällig ausgewählte Personen – mit Fragen und zeichnet die Antworten auf, ohne seine Meinung zu äußern oder einen aktiven Dialog zu führen. Fokusgruppen wurden befragt in Moskau, Wladimir und Gus-Chrustalnij (Gebiet Wladimir). Befragt wurden Köche, Fahrer, Schweißer, Rentner, Hausfrauen, Wachmänner, Selbständige, Arbeiter im Dienstleistungssektor, Mechaniker, Anwälte, Manager, Ingenieure.

Vertrauen in die Politiker am 26. Mai 2019

Name Wert in %
PUTIN, Wladimir (Präsident) 30,5
SCHOJGU, Sergej  (Verteidigungsminister) 15,1
LAWROW, Sergej (Außenminister) 12,0
SCHIRINOWSkIJ, Wladimir (LDPR-Vorsitzender) 9,5
MEDWEDEW, Dmitrij (Premier) 7,2
SJUGANOW, Gennadij (KPRF-Vorsitzender) 5,6
GRUDININ, Pawel (KPRF-Kandidat bei der
Präsidentenwahl 2018)
3,2
MIRONOW, Sergej (Vorsitzender der Staatsdumafraktion der Partei „Gerechtes Russland“) 1,5
NAWALNYJ, Alexej (Oppositionspolitiker) 1,4

 

Am 30. Mai 2019 überschrieb die Zeitung „Moskowskij komsomolez“ ihren Artikel über das neue Umfrageergebnis mit der Überschrift: „Die Geduld der Menschen kann ein Ende haben“. Im Untertitel: hieß es „Die Stimmung in der Gesellschaft ist viel radikaler geworden“.[2] Laut Belanowskij von der „Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst beim Präsidenten der Russischen Föderation“ nimmt die Geschwindigkeit der Veränderungen in den Köpfen der Russen zu. Mitglieder der Fokusgruppen klagen über die Anhebung des Rentenelters, höhere Steuern und Abgeben, galoppierende Preise, Probleme mit der Medizin, Arbeitslosigkeit und demütigend niedrige Gehälter. Die Gesellschaft hat sich zu einer erblichen Nomenklatur und zu verarmten Menschen geschichtet.

Die Russen, so weiter Belanowskij, sind nicht begeistert von dem Verhalten ihres Landes auf der Weltbühne. „Die Außenpolitik, die vor einem Jahr die Zustimmung eines bedeutenden Teils der Befragten hervorgerufen hatte, wird heute praktisch von niemandem mehr befürwortet. Die Hauptargumente der Befragten sind: Wir brauchen Syrien und Venezuela nicht, das sind nicht unsere Probleme und nicht unsere Kriege. Wir investieren dort riesige Geldbeträge, aber wir selbst sitzen in Armut, und die Armut verschärft sich. Darüber hinaus äußerten einige Befragte die Befürchtung, dass Russland selbst in der Lage ist, einen großen Krieg auszulösen. Die Befragten lehnen eine solche Strategie kategorisch ab und bestehen fest einstimmig darauf, dass Russland eine friedliche Außenpolitik braucht.“

Die Menschen in Russland nehmen laut dem Bericht von Belanowskij die westlichen Sanktionen heute völlig anders wahr: „Es gab eine Zeit, in der sie sagten, das Sanktionen gut sind, weil begonnen wird, die Produktion zu entwickeln und so weiter. Aber jetzt sind sie ernüchtert, weil nichts Positives beginnt. Unter den Befragten befanden sich Leute, die mit der Produktion vertraut waren. Diese sagten, dass wir den größten Teil des Zubehörs immer noch im Ausland kaufen.“ Die Menschen fragen sich bei den negativen Momenten der Sanktionen: „Wohin gehen wir und warum leiden wir unter all diesen Unannehmlichkeiten?“

Die Menschen forderten Machtoffenheit, Diskussionen, transparente Entscheidungsverfahren und die Kontrolle deren Umsetzung. Das Ergebnis der Fokusgruppen war die vorherrschende Ansicht, dass das politische System Russlands radikal in Richtung Demokratisierung umstrukturiert werden sollte. Die Transformation des Massenbewusstseins werde nach Meinung der Soziologen bald zu einem Übergang zu neuen politischen Praktiken führen, und Russland könnte im nächsten Jahr in eine umfassende politische Krise geraten.

Die Menschen sprachen von einer Isolation der Macht im Lande. „Die Macht begann, sich vollständig vom Volk zu entfernen. Es wurde gedacht, dass Putin selbst den Staat nicht regiert. Ihm wird eine Art unzuverlässige Information gemeldet. Und die Hälfte davon spricht nicht objektiv.“

Befragte konnten sich nicht vorstellen, was die Behörden tun könnten, um die Ratings wieder zu erhöhen. Die Vergrößerung des Territoriums des Landes, zum Beispiel auf Kosten von Belarus, wollen die Menschen laut der Umfrage nicht mehr, die überwiegende Mehrheit, auch die Rentner nicht.

[1]              https://wciom.ru/news/ratings/doverie_politikam/

[2]              https://www.mk.ru/politics/2019/05/30/terpenie-u-naroda-mozhet-zakonchitsya-sociologi-nashli-rezkiy-perelom.html

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