Novichok, Navalny, Nordstream, NonsensCraig Murray

Novichok, Navalny, Nordstream, Nonsens

[von Craig Murray] Als Alexej Navalny schließlich in Berlin angekommen war, handelte es sich nur noch um eine Frage der Zeit bis offiziell bestätigt werden würde, dass er mit Novichok vergiftet worden war. Die feindlich gegenüber Russland Gesinnten sind entzückt.

Diese Tatsache erstickt selbstverständlich jegliche Zweifel darüber, was mit den Skripals passiert ist im Keim und beweist darüberhinaus, dass Russland isoliert und „politisch“ quasi zum Tode verurteilt werden muss. Diese Tatsache beinhaltet dann aber auch, dass wir unvorstellbar hohe Beträge in Waffen und Sicherheitsdienste investieren, die inländische Kontrolle verstärken und härter gegen andersdenkende Onlinemeinungen vorgehen müssen. Es belegt außerdem, dass Donald Trump eine russische Marionette ist und Brexit auf einer russischen Verschwörung beruht.

Ich werde beweisen, dass auch ich ohne Zweifel ein russischer Troll bin, indem ich die Frage “Cui bono“ oder zu Deutsch “Wem nützt die Sache?“ stelle. Das wurde auf brilliante Weise von der Ben Nimmo (Integrity Initiative) als sicheres Anzeichen für russischen Einfluss identifiziert.

Zunächst sollte ich klarstellen, dass ich überhaupt keine Probleme mit der Vorstellung habe, dass ein mächtiger Oligarch oder gar ein Organ des russischen Staates versucht haben könnte, Navalny umzubringen. Er repräsentiert zwar lediglich ein eher hier als in Russland bekanntes geringfügiges Ärgernis, aber keine Hauptbedrohung darzustellen schützt in Russland sicherlich nicht gegen politische Ermordung.

Womit ich hingegen ein Problem habe, ist die Vorstellung, dass Putin oder irgendein anderer russischer Akteur Navalny umbringen wollte und, während er in Sibirien war, ihn auch tatsächlich attackiert hat, aber dann eben dieser heute noch in Deutschland am Leben ist. Wenn Putin ihn hätte tot sehen wollte, wäre er heute tot.

Lasst uns zu Beginn einmal die verwendete “Angriffswaffe“ genauer inspizieren. Eine Sache, die wir über “Novichok“ sicher wissen ist, dass es nicht als besonders geeignetes Tötungsmittel gilt. Dawn Sturgess ist die einzige Person, die angeblich jemals an “Novichok“ gestorben ist – laut den offiziellen Erzählungen zudem zufällig. “Novichok“ hat zum Beispiel die Skripals nicht getötet, das eigentliche Ziel. Wenn Putin Navalny also wirklich hätte töten wollen, hätte er sicherlich etwas ausprobiert, das funktioniert wie beispielsweise eine Kugel in den Kopf oder ein tatsächlich tödliches Gift.

“Novichok” ist keine spezifische Chemikalie. Es ist eine Art chemische Waffe, die ursprünglich dazu kreeirt wurde, um im Bereich gewöhnlicher heimischer oder industrieller Ausgangsstoffen zu improvisieren. Es ist durchaus sinnvoll, es auf fremden Boden einzusetzen, da man dann nicht das tatsächliche Nervengas mitherumträgt. Außerdem kann man die Inhaltsstoffe vor Ort kaufen. Selbstgemachtes Nervengas im Waschbecken herzustellen, erscheint jedoch im eigenen Land sinnlos, wo FSB oder GRU mit jeder x-beliebigen tödlichen Waffe herumgondeln. Warum würde man das tun?

Des Weiteren sollen wir glauben, dass der gleiche russische Staat, der zuvor Navalny vergiftet hat, dann dem Flugzeug, in dem Navalny für einen Inlandsflug gereist ist, genehmigt hat, einen anderen Flughafen als geplant anzufliegen und eine Notlandung zu machen, damit er schnell ins Krankenhaus gebracht werden konnte. Wenn der russische Geheimdienst wie behauptet Navalny am Flughafen vor dem Abflug vergiftet hätte, warum würden sie dann nicht darauf bestehen, dass das Flugzeug an seinem eigentlichen Flugplan festhält und warum würden sie ihn dann nicht im Flugzeug sterben lassen? Sie würden vorhersehen, was mit dem Flugzeug, in dem er ist, passieren würde.

Als nächstes sollen wir glauben, dass der gleiche russische Staat, der Navalny vergiftet hat, nicht fähig war, seinen Tod in der Intensivstation eines russischen Krankenhauses auszuklügeln. Wir sollen glauben, dass der böse russische Staat fähig war, all seine toxikologischen Tests zu fälschen und seine Ärzte davon abgehalten haben soll, die Wahrheit über die Vergiftung zu sagen. Auf der anderen Seite war der böse russische Staat dann aber nicht mächtig genug, das Beatmungsgerät für ein paar Minuten abzuschalten oder ihm etwas in seine Tröpfcheninjektion zu mischen – in einem russischen staatlichen Krankenhaus.

Darüberhinaus sollen wir dann glauben, dass Putin, nachdem er Navalny mit Novichok vergiftet hat, erlaubt haben soll, dass er nach Deutschland ausgeflogen und gerettet wird, was übrigens auch dazu geführt hätte, dass man früher oder später “Novichok“ entdecken würde. Paradox ist außerdem, dass Putin das getan haben soll, weil er wegen einer verärgerten Angela Merkel besorgt war, ohne auf der anderen Seite zu erkennen, dass sie weitaus verärgerter sein könnte, wenn sie herausfinden würden, dass Putin Navalny mit Novichok vergiftet hätte.

Es finden sich zahlreiche unglaubliche Punkte unter den oben genannten und jeder einzelne muss geglaubt werden, um der westlichen Erzählung zustimmen zu können. Ich persönlich kann nicht einem einzigen der Punkte Glauben schenken, jedoch gehöre ich dann automatisch zu den berüchtigten den Russen freundlich gesinnten Verrätern.

Die USA ist in der Tat sehr bedacht darauf, Deutschland davon abzuhalten, die Nordstream 2 Pipeline zu vollenden, welche russisches Gas in großem Stil nach Deutschland liefern würde. Die geplante Versorgung über Nordstream 2 würde etwa 40 % der Stromerzeugung Deutschlands ausmachen. Ich persönlich lehne Nordstream 2 selbst aus umweltlichen und strategischen Gründen ab. Meiner Meinung nach sollte Deutschland seine beeindruckende Wirtschaftsmacht in erneuerbare Energien und Unabhängigkeit investieren. Meine Motive unterscheiden sich jedoch von denen der USA, die die Position amerikanischer Produkte und die, der mit Amerika verbündeten Golfstaaten auf dem Markt für Flüssiggas in Europa bedroht sieht. Die wesentlichen Entscheidungen über die Fertigstellung der Nordstream 2 Pipeline sind nun in Deutschland im Gange. Gerade jetzt haben die USA und Saudi Arabien jeden Grund einen Keil zwischen Deutschland und Russland treiben zu wollen. Ich tendiere daher dazu, dass Navalny nicht Opfer von Putin, sondern viel eher der internationalen Politik ist.

Craig Murray ist Autor, Rundfunksprecher und Menschenrechtsaktivist. Von August 2002 bis Oktober 2004 war er britischer Botschafter in Usbekistan und von 2007 bis 2010 Rektor der University of Dundee.

Murray studierte an den Sheringham Primary und Paston Grammar Schools und absolvierte die University of Dundee 1982 mit einem MA (Hons) 1. Klasse in moderner Geschichte.
1984 trat er dem Foreign and Commonwealth Office bei. Als Mitglied des Diplomatischen Dienstes war er unter anderem für Folgendes verantwortlich:
1986-9 Zweiter Sekretär, Commercial, British High Commission, Lagos
Verantwortlich für die Förderung britischer Exporte und Geschäftsinteressen in Nigeria.
1989-92 Leiter der Abteilung Seeschifffahrt, FCO, London
Verantwortlich für die Aushandlung der Kontinentalschelf- und Fischereigrenzen des Vereinigten Königreichs und des abhängigen Territoriums, für die Umsetzung des Kanaltunnelvertrags und für die Verhandlungen über das Seerechtsübereinkommen der Vereinten Nationen. Von August 1990 bis August 1991 war er außerdem Leiter der FCO-Abteilung des Embargo-Überwachungszentrums, verantwortlich für die nachrichtendienstliche Analyse irakischer Versuche, Sanktionen zu umgehen, insbesondere im Bereich der Waffenbeschaffung, und für die Bereitstellung von Informationen für britische Streitkräfte und andere Regierungen, um die physische Durchsetzung des Embargos zu bewirken.
1992-4 Leiter der Sektion Zypern, FCO London
Verantwortlich für die UN-Verhandlungen über den Zypernstreit, die Beziehungen zur Regierung Zyperns sowie für das Mandat und die Anforderungen des britischen Kontingents der UN-Truppe in Zypern.
1994-7 Erster Sekretär (politisch und wirtschaftlich), Britische Botschaft, Warschau
Leiter der politischen und wirtschaftlichen Abteilung unserer Botschaft in Polen. Verantwortlich für die Beziehungen zu Polen und Unterstützung des postkommunistischen Übergangsprozesses in Polen im Hinblick auf die Vorbereitung auf die EU-Mitgliedschaft.
1997-8 Stellvertretender Leiter der Abteilung Afrika (Äquatorial), Außen- und Commonwealth-Amt
Verantwortlich für die politischen und kommerziellen Beziehungen Großbritanniens zu Westafrika, einschließlich Entwicklungsfragen.
1998-2002 Stellvertretender Hochkommissar, Britische Hochkommission, Zweigstelle Westafrika
Verantwortlich für die wirtschaftlichen, politischen, kommerziellen und Hilfsbeziehungen Großbritanniens zu Ghana und Togo. Im Herbst 1998 war Craig Murray der britische Vertreter bei den Friedensgesprächen in Sierra Leone in Togo, Liberia und Sierra Leone, einschließlich direkter Verhandlungen mit der RUF-Terroristenführung.
2002-2004 Britischer Botschafter, Usbekistan. Er war verantwortlich für unsere Beziehung zu Usbekistan. Er kritisierte die westliche Unterstützung für das diktatorische Karimov-Regime.

Bei den britischen Parlamentswahlen 2005 tritt Craig Murray gegen Außenminister Jack Straw in Blackburn als unabhängiger Kandidat an und gewinnt 2.082 Stimmen.

Original Craig Murray-Blog, Erstveröffentlichung „Pressenza“, Übersetzung Chris Hoellriegl, Lizenz Creative Commons 4.0. Foto: © Vodex.Breadandcheese at en.wikipedia / CC BY-SA

COMMENTS

WORDPRESS: 2
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    Horst Beger 1 Monat

    Mit dem Hinweis Craig Murrays, dass der Fall Navalny nicht ein Opfer von Putin ist, sondern der internationalen NATO-Politik, hat er die Katze aus dem Sack gelassen. Und die Bundesregierung hat mit dem Trick, die Giftanalysen durch ein Bundeswehrlabor prüfen zu lassen, die NATO direkt mit eingebunden, um so die Entscheidung über eine Fertigstellung von Nordstream II an die NATO und die internationale Gemeinschaft weiter zu geben und sich die Hände in Unschuld zu waschen.

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    Nina Schmidt 1 Monat

    Eine Korrektur: Nawalnys Vorname ist Alexei, nicht Alexander. MfG.

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