Zum 85. Jahrestag des Angriffskriegs Hitlerdeutschlands gegen die Sowjetunion schreibt Leo Ensel einen offenen Brief an eine 1941 geborene Russin. Dieser offene Brief wird heute am 22. Juni 2026 zeitgleich in der russischen Zeitung „Moskowski Komsomolez“ in russischer Sprache und in der „Berliner Zeitung“ in deutscher Sprache veröffentlicht.
Am 22. Juni 2026 jährt sich der Einmarsch der deutschen Wehrmacht und ihrer Verbündeten in der Sowjetunion zum 85. Mal. Auch heute stehen die geopolitischen Zeichen auf Sturm. Leo Ensel schreibt aus diesem Anlass an eine befreundete Russin, Valentina, die wenige Wochen nach Kriegsbeginn 1941 zur Welt kam. Beide kennen sich seit über einem Vierteljahrhundert. Valentina steht stellvertretend für viele Menschen im gesamten postsowjetischen Raum.
Valentina,
geliebte Babuschka im vierten Stock der sowjetischen Plattenbausiedlung in der halben Millionenstadt in der russischen Provinz. Ich schreibe dir in großer Sorge und unendlicher Traurigkeit. Im Sommer 1941 bist du auf die Welt gekommen – zum falschestmöglichen Zeitpunkt. Mitten hinein in den schrecklichsten aller Kriege. Und wir Deutschen hatten ihn vom Zaun gebrochen. Deinen Vater hast du nie kennengelernt. Er gehörte zu den jungen Männern, die gleich zu Beginn an die Front geschickt und dort verheizt wurden. Eine Schwester von dir starb wenig später als kleines Kind an Hunger und Krankheiten.
Als wir uns Ende der 90er-Jahre kennenlernten, schriebst du mir: „Wenn ich das Wort ‚Deutschland‘ höre, dann fällt mir als erstes ‚der Krieg‘ ein.“ Du erzähltest mir, wie deine Mutter zusammen mit drei ihrer fünf Kinder (sechs Jahre, vier Jahre und du) im Winter 1941 in einem Zug ohne Bequemlichkeiten und Heizung aus der westrussischen Provinz nach Osten evakuiert wurde. Du warst einige Monate alt und deine Mutter schlug sich mit den nassen Windeln, um sie mit ihrer Körperwärme ein bisschen zu trocknen. Auch nach dem Krieg war ihr Leben sehr schwer, hast du erzählt. Arbeit in der Kolchose. In der Nacht buk deine Mutter – die du, wie du sagtest, so gut wie nie schlafen gesehen hast – für die Kolchose Brot. Jedes zehnte durfte sie behalten. So hat sie euch durchgebracht.
„Wir empfinden keinen Hass“
Du sagtest mir, dass du jetzt Deutschland und die Deutschen nicht mehr hasst: „Jetzt lebt in diesem Land, wie auch in Russland, eine andere Generation!“ Wie oft habe ich seit 1996, während meiner interkulturellen Trainings für die Goethe-Institute und andere deutsche Organisationen in der ehemaligen Sowjetunion, diese Sätze gehört. Niemals und nirgends wurde ich komisch angeschaut, nur weil ich Deutscher bin.
Valentina, du bist ein (russisches) Kind des Krieges, ich bin ein (westdeutsches) Kind des Kalten Krieges. Die Hälfte meines Lebens hatte ich Angst vor Krieg. Die Angst vor „den Russen“ habe ich mit der Muttermilch eingesogen. Aber dann geschah ein Wunder: Euer Volk hat den Kalten Krieg beendet. Michail Gorbatschow, den ich verehre und von dem du nichts hältst, sprach 1990 in Bonn gar vom „Ewigen Frieden“.
Noch vor wenig mehr als einem Jahrzehnt waren wir Deutsche bei euch in Russland das nach den Belarussen beliebteste Volk. Und heute?
Jetzt bist du alt und krank – und wieder stehen die Zeichen auf Sturm. Der Ton wird täglich schriller. Wieder sollen sich unsere Völker als Feinde betrachten. Wieder wird bis an die Zähne hochgerüstet. Und wie im Kalten Krieg bedrohen wir uns wieder gegenseitig. Selbst mit dem Äußersten.
Wo soll das hinführen? Ein neuer Kalter Krieg? Oder gar noch mal ein heißer, wie vor 85 Jahren? Am Ende mit Atomwaffen – und Leichengebirgen auf allen Seiten? Überall eine Trümmerwüste? Vielleicht sogar ein verstrahlter Planet?
Niemals darf das geschehen. Wir müssen da raus – so schnell wie möglich. Jetzt gilt es: Statt Konfrontation, Feindschaft und Säbelrasseln brauchen wir dringend Entspannung, Zusammenarbeit und Freundschaft zwischen unseren Völkern. Dafür sollten unsere Politiker endlich die Voraussetzungen schaffen.
Aber das genügt nicht: Wir alle müssen wieder Kontakt aufnehmen – von Mensch zu Mensch. Uns gegenseitig besuchen. Miteinander ins Gespräch, in lebendigen Austausch kommen. Im Petersburger Dialog, den es im Moment nur noch bei euch gibt. In den Städtepartnerschaften, die wiederbelebt werden müssen. Im Jugendaustausch. In kulturellen Projekten. In der wirtschaftlichen Kooperation. Im Sport. Mit einem Wort: Wir müssen wieder neu beginnen – überall und auf allen Ebenen.
Es darf nie wieder geschehen
Wir haben nur diese eine Möglichkeit. Für uns alle.
Vor bald vier Jahrzehnten, im Herbst 1988, habe ich mit Freunden eine Friedens- und Versöhnungsreise in die Sowjetunion organisiert, nach Minsk, Moskau und Leningrad. Wir wollten mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Ohren hören, welche Verbrechen Deutsche während des Zweiten Weltkriegs den Menschen dort angetan hatten.
Im weißrussischen Chatyn, auf einem Friedhof für 186 abgefackelte belarussische Dörfer, kam es zu spontanen Begegnungen mit Menschen aus Sibirien. Wir baten sie stellvertretend für alle Sowjetbürger um Verzeihung. Und da konnten wir – Deutsche und Russen – nur noch gemeinsam herzzerreißend weinen. Wildfremde Menschen fielen sich in die Arme.
Spätestens seitdem steckt es in meiner DNA: Es darf nie wieder geschehen. Niemals werde ich dich und deine Landsleute als Feinde betrachten. Es kann nur eine einzige Konsequenz geben: Wir, die einfachen Menschen in allen Ländern, müssen jetzt zusammenhalten. Wir dürfen uns nicht noch einmal zu Feinden machen und gegeneinander aufhetzen lassen. Irgendwann, in hoffentlich nicht allzu ferner Zukunft, müssen unsere Völker wieder Freunde werden.
Ich werde dafür tun, was ich kann. Jeden Tag. Solange es mich gibt. Das verspreche ich dir.
Dein Leo Ensel
COMMENTS