Onkel Joe und der Communication BreakdownDr. Gerhard Mersmann

Onkel Joe und der Communication Breakdown

[Dr. Gerhard Mersmann] Es gehört nahezu zu den Routinen innerhalb und zwischen Organisationen, dass ein Status erreicht wird, der als verfahren erlebt wird. Da sprechen Menschen oder Organisationen, die von sich, ihren Interessen und ihrem Vorgehen überzeugt sind, nicht mehr miteinander oder nur schlecht übereinander. Ist ein solcher Zustand erreicht, ist guter Rat teuer. Dennoch kommen immer wieder Akteure, die neu in diesen Kontext eintreten, auf die Idee, dieses Desaster auflösen zu wollen. Nicht selten kaufen sie sich dann sogar den besagten Rat von außen ein. Sie holen Spezialisten aus dem Metier der Kommunikation und bitten sie, einen Klärungsprozess zu inszenieren und zu moderieren.

Werden derartige Berater geholt, und nicht alle sind so schlecht wie der Ruf der Beraterszene oft vermuten lässt, dann legen sie, wenn sie etwas von ihrem Metier verstehen, großen Wert darauf, zunächst mit den einzelnen Akteuren bzw. Kontrahenten zu sprechen, um ihre Motivlage kennenzulernen und sie signalisieren ihnen, dass sie die einzelnen Standpunkte nicht bewerten wollen, sondern sie begreifen möchten. Dann organisieren sie eine Zusammenkunft aller Beteiligten und schlagen Regeln vor, die dazu dienen, einen solchen Prozess überhaupt zustande kommen zu lassen. Dazu gehört die Voraussetzung, dass die einzelnen Standpunkte zunächst einmal beschrieben werden, dass man sie dokumentiert und dann nach Möglichkeiten sucht, trotz interessenbedingter Divergenzen im Gespräch zu bleiben.

Es kommt vor, dass derartige Prozesse zu Ergebnissen führen, von denen die Beteiligten in der Regel in der Alltagsroutine nicht einmal zu träumen gewagt haben. Voraussetzung ist natürlich das, was in der Kommunnikationswissenschaft als eine gemeinsame Intentionalität bezeichnet wird. Damit ist gemeint, dass alle Beteiligten tatsächlich den Wunsch haben, aus der kommunikativen Sackgasse herauszukommen. Ist das nicht der Fall, dann kann man sich den Aufwand sparen.

Joe Biden, der neue amerikanische Präsident, wurde in den hiesigen Medien als ein solcher Innovator bereits gewürdigt. Man ging davon aus, dass er es wagen würde, die komplexe, komplizierte und fragile Lage im globalen Machtgeflecht mit frischen Ideen würde in ein Fahrwasser bringen können, das den Communication Breakdown, der in den letzten Jahren die Lage hat immer prekärer werden lassen, würde beenden können. Nun hat er Äußerungen von sich gegeben, die mit einem Schlag diese Hoffnungen zunichte gemacht haben. Einen Kontrahenten mit einem „Guten Morgen, Du Mörder“ zu begrüßen, ist genau das, was dazu führen würde, dass die Beteiligten eines Settings zur Wiederaufnahme einer verständnisorientierten Kommunikation vor Entsetzen würde aufschreien lassen. Um im Fachjargon zu bleiben, hat er sich eingeführt mit dem Slogan „Ich bin ok., Du bist ein Arschloch!“

Moralische Entrüstung ist in solchen Situationen eine schlechte Ratgeberin. Das Verharren in Illusionen ist allerdings nicht besser. Was der neue amerikanische Präsident mit dieser Einlassung in den internationalen Interessenkonflikt offenbart hat, ist seine Fixierung auf die alte Welt, deren Ordnung bereits hinter uns liegt. Die alte Ordnung mit der uneingeschränkten amerikanischen Hegemonie ist längst passé und der Versuch, sie quasi als Status quo ante wieder herzustellen, ist nicht ohne aggressive, kriegerische Politik denkbar. Und dafür scheint der oft als liebevoll dargestellte Onkel Joe zu stehen. Gemäß dem aus den Würgereien der Pandemie entstandenen Begriff des „Build Back Better“ wird eine Blockade internationaler Kooperation und Neuordnung angestrebt und werden die alten Schlachtrösser aus dem Stall geholt.

COMMENTS

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    Günter Guttsche 3 Monaten

    „Die alte Ordnung mit der uneingeschränkten amerikanischen Hegemonie ist längst passé“. Diese Einschätzung teile ich uneingeschränkt mit Ihnen, Herr Dr. Mersmann.
    Es sei auch festgestellt, dass die Zeiten vorbei sind, in denen die Weltpolitik den einseitigen Moral- und wertbasierenden Vorstellungen des Westens bedingungslos folgte. Die Uhren müssen also neu gestellt werden.
    Die Vereinigten Staaten von Amerika haben noch nie eine „werte basierte“ Außenpolitik gemacht, und werden diese auch nie machen. Daran ist das Imperium USA und seinen weltweiten über 800 Militärbasen und seinen Verbündeten nicht interessiert. Sie diente ausnahmslos ihren eigenen hegemonialen Interessen, wenn man so will „wertebasierend“.
    Erst einmal ist wohl zu klären was „Onkel Joe“ unter „wertebasierter“ globaler Führung der USA eigentlich so versteht. Meint dies vielleicht die Konflikte der wertebasierten VSA in den über 200 Jahren ihres Bestehens, angefangen vom Genozid an den indianischen Völkern bis in die Gegenwart? Denn wenn, wie alleine im Fall vom Nahen Osten, welcher vom Westen seit nunmehr 27 Jahren, in die Steinzeit zurück gebombt wird, mit Millionen Getöteten auf Grund von Lügen und Kriegsverbrechen Politik gemacht wird, ist das etwa „wertebasierte globale Führung durch die VSA? Oder sollen die Menschen darunter den Begriff des „wertebasierten“ Regime Change einordnen, bei dem das „Land der begrenzten Möglichkeiten“ meisterhaft auf dieser Klaviatur herumklimpert? Oder sind es die wertebasierten Sanktionen gegen Waren, Dienstleistungen und Personen, deren Anzahl und Unsinnigkeit inflationär angewachsen sind. Oder ist’s vielleicht der „wertebasierte“ frisierte Bericht von willfährigen US-Geheimdiensten , dass ein Netzwerk von russischen Akteuren mit dem Ziel gearbeitet hätte, „Präsident Bidens Kandidatur und die Demokratische Partei zu verunglimpfen, den ehemaligen Präsidenten Trump zu unterstützen?“
    Es geht einzig und alleine um Geopolitische Interessen, nicht mehr oder nicht weniger. Es geht um Bodenschätze, nicht um Werte.
    Questions about questions, auf die ich gerne vom ersten Mann im Weißen Haus – oder ist es gar eine soufflierende Frau??? – eine Antwort hören würde.

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    Horst Beger 3 Monaten

    Der amerikanische Präsident und die hinter ihm stehenden Drahtzieher kennen keine andere „moralische“ Kategorie als die alttestamentarische Forderung, „einen Preis zu zahlen“. Diese Grundhaltung Amerikas ist nicht neu. Neu ist allenfalls, dass Deutschland sich dieser Haltung masochistisch unterwirft und in Bezug auf Russland einen daraus folgenden möglichen militärischen Konflikt unterstützt indem es militärisch aufrüstet.

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