OPFER DER PERESTROIKA

OPFER DER PERESTROIKA

Als Präsident Putin den Zusammenbruch der Sowjetunion als geopolitische Katastrophe bezeichnete, löste dies starke Empörung der westlichen Politiker sowie in der russischen Öffentlichkeit aus, die sich irgendwie aus Versehen als liberal bezeichnet. Westliche Intelligenz kann man verstehen, weil der Zusammenbruch der Union in ihrem Interesse lag, aber schwierig ist es doch, die inländische liberale Intelligenz zu verstehen. Klar, die von Michail Gorbatschow initiierte Perestroika brachte Rede- und Pressefreiheit. Das ist wichtig. Aber die Meinungs- und Pressefreiheit hat es Menschen nicht einfacher gemacht für die Millionen von Menschen, die keine Romane schreiben, sondern auf dem Feld arbeiten oder an den Maschinen in der Fabrik stehen. Ich spreche schon gar nicht davon, dass der Zusammenbruch der Sowjetunion zahlreiche regionale Konflikte ausgelöst hat, die noch nicht beendet sind und die Zehntausende von Menschenleben gefordert haben. Und desungeachtet schauen viele Zeitungen und Fernsehsender immer noch die Rentner und überhaupt die Menschen herab, die während der Perestroika und der Zeit Jelzins gelitten haben, wenn sie unter der Flagge der UdSSR auf ihre Streikposten und Kundgebungen gehen.

Hier hat das Allrussische Zentrum für Meinungsforschung (VTsIOM) jetzt aber gründlich geforscht. Und da stellte sich heraus, dass jeder vierte Russe sich als Opfer der Perestroika betrachtet und jeder zweite ist sicher, dass diese historische Periode äußerst negative Folgen für das Land hatte. Opfer der Perestroika waren vor allem Rentner und solche, die heute zwischen 45 und 59 Jahre alt sind, also die Menschen, die während der globalen Veränderungen im Land etwa 25-45 Jahre alt waren. Diese Angelegenheit hat sich nun bis dahin entwickelt, dass der stellvertretende Vorsitzende des Komitees der Staatsduma, Boris Tschernischow, einen Appell an den Arbeitsminister Maxim Topilin richtete, in dem er vorschlug, diejenigen, die zu diesen Jahrgängen in Russland gehören, als eine gesonderte privilegierte Personengruppe zu behandeln.

Klar, dass eine solche Initiative erneut den Widerstand der liberalen Öffentlichkeit hervorruft, die sich immer noch an der berüchtigten Aussage von Yegor Gaidar orientiert, dass der wahre Wandel im Land erst dann eintreten wird, wenn die ältere Generation ausgestorben sein wird. Aber da kommt jetzt eine neue Studie. Übrigens keine russische, sondern eine amerikanische. Das U.S. National Bureau of  Economic Research ist zu dem Schluss gekommen, dass seit den 1980er Jahren 50 Prozent der russischen Bevölkerung ärmer leben als während der Sowjetzeit. Wie reagieren unsere armen Liberalen darauf, die es gewohnt sind, die Meinung Amerikas als die korrekteste zu betrachten?

Im Allgemeinen sollte man sich nicht wundern, dass ältere Menschen in Russland mit UdSSR-Flaggen zu Kundgebungen gehen. Es gibt keinen Grund, über sie zu lachen. Und man muss sich auch nicht täuschen. Diese Menschen wollen Stalin nicht, sie wollen keine Repression, sie wollen keine kommunistische Ideologie, sie wollen nicht die vielen Verbote, die in der Sowjetzeit galten. Sie wollen nur leben. Und überleben.

Jefim Berschin

Übersetzung: Kai Ehlers

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COMMENTS

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    Horst Beger 3 Wochen

    Die materielle Verarmung einens Großteiles der russischen Bevölkerung ist nicht das Ergebnis von Gorbatschows Perestroika, sondern der von Jelzin betriebenen und von westlichen Politikern geförderten Auflösung der russischen Union. Dahinter verbirgt sich „der Jahrhunderte alte Kulturkampf des westlichen Christentums gegen das östliche (russische) Christentum“, wie der amerikanische Politologe Samuel Huntington das in seinem „Kampf der Kulturen“ von 1997 aufgezeigt hat. Darin weist er darauf hin, dass diese „Konfliktlinie“ auch die Ukraine in eine vom orthodoxen Christentum geprägte Ostukraine und eine vom westlichen Christentum beeinflusste Westukraine teilt. Von daher ist auch die Aufregung der westlichen „Intelligenz“ über den Ukrainekonflikt zu verstehen, der eine Ursache dieses Kulturkampfes ist.

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    Anja Böttcher 4 Wochen

    Alleine die erschreckend gesunkene Lebenserwartung von Russen in den 1990er Jahren lässt es als anmaßend erscheinen, wenn sich die westliche Nomenklatura angesichts dieses Diktums moralisch aufbläst.

    Doch Hochmut kommt bekanntlich vor dem Fall: Momentan ist es mehr als deutlich, dass just diese Nomenklatura weltweit, vor allem aber bei der Bevölkerung im eigenen Land, nur als inkompetent, peinlich und von vorne bis hinten gescheitert dasteht.

    Eine vermeintlich repräsentative Klasse, die zulässt, dass eine ferne despotische Macht ihrem Demos sämtliche verfassungsmäßigen Grundrechte raubt, unsere geographische Umgebung in Schutt und Asche legt und hierdurch auch unsere Sicherheitslage empfindlich schädigt, durch einen brutalen Staatsstreich in einem östlichen Macht sich die Eskalationsdomonianz im Verhältnis zu unserem größten europäischen Nachbarland herausnimmt, Wirtschaftskrieg auch gegen uns führt – u.a. durch ihre unilateralen Sanktionen gegen Russland, für uns wichtige Abrüstungsverträge kündigt und uns wieder zu ihrem nuklearen Schlachtvieh macht – kurz, eine politische Klasse, die all dies nicht nur schluckt, sondern zu diesen Ungeheuerlichkeiten noch den passenden hündischen Subalternitäts-Jargon absondert – und das permanent, eine solche Klasse hat ihren eigenen Repräsentationsanspruch unwiederbringlich verloren.

    Ich halte es für alles andere als ausgeschlossen, dass Europa ein mindestens so brutaler Zusammenbruch bevorsteht wie Russland in den 1990ern. Denn unsere verkommenen „Repräsentanten“ wissen immer noch nicht, was sie tun…