Putin im Valdai Klub

Putin im Valdai Klub

[von Alexander Rahr] Den Valdai Club gibt es seit siebzehn Jahren. Dort treffen sich internationale und russische Politologen, um über die Weltlage zu diskutieren. Vladimir Putin hat allen diesen Treffen beigewohnt und den interessierten Teilnehmern stets Rede und Antwort gestanden. Über die Ergebnisse der Valdai Club Treffen wird normalerweise intensiv berichtet, nur die deutschen Medien schweigen sie tot – sie verhindern, dass der Valdai Klub in der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Und das, obwohl auch zahlreiche renommierte deutsche Experten sich an der Arbeit des Klubs beteiligen.

In diesem Jahr fand der Valdai Klub unter strengen Hygienemassnahmen in Moskau statt. Der Autor konnte als einziger ausländischer Teilnehmer mit einer Sondergenehmigung von Berlin nach Russland kommen. Drei Tage lang wurde intensiv diskutiert, Themen waren Klima- und Umweltschutz, die globale Wirtschaftskrise, Fragen der künftigen Weltordnung, Aspekte der asiatischen Sicherheitsarchitektur und die Industrialisierung 4.0.; hochinteressant waren die Vorträge zweier führender russischer Virologen zu den angewandten Impfstoffen in Russland. Es war schon verwunderlich anzuhören, wie westliche Politik und Medien sich anstrengen, den Erfolg der Impfkampagne in Russland bloßzustellen. Russland selbst möchte die Vaccine weltweit verkaufen, wird aber als unliebsamer Konkurrent verunglimpft.
Premierminister Michail Mischustin sprach am zweiten Konferenztag über die Digitalisierung. Russland werde bald nicht mehrmals reiner Rohstoffexporteur in Erscheinung treten, sondern seine Wirtschaft mit Hilfe der neuen Informationstechnologien modernisieren. Erfolge seien schon mit bloßem Auge sichtbar. Mischustin versicherte den Westen, dass Russland nach wirtschaftlicher Kooperation strebe.
Am Ende der Valdai Veranstaltung diskutierte Putin drei Stunden lang mit den Gästen. Seine wesentlichen Aussagen waren: (1) Russland ist Teil Europas, aber nicht Teil des Westens. Russland verwahrt sich gegen westliche Versuche, Russland von außen zu verändern. (2) Russland sei nicht abgeneigt, mit China ein Militärbündnis einzugehen. Moskau habe auch nichts gegen eine weitere atomare Aufrüstung Chinas. Abrüsten sollte der Westen. (3) Im Fall des vergifteten Alexei Nawalny habe sich Berlin unfreundlich gegenüber Moskau verhalten. Russland sei zu Ermittlungen bereit, fordere aber Einsicht in die Giftproben, die bei Nawalny gefunden wurden. (4) Auf dem Öl- und Gasmarkt sei es nicht zum Preissturz gekommen, der russische Energieexport funktioniere gut. Außerdem sei Russland heute der weltgrößte Getreideexporteur. Westliche Sanktionen machten dem Land nichts mehr aus. (5) Putin erinnerte an seine Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2007, auf der er den Westen vor einer NATO Erweiterung warnte. Seine Minister hätten seine Aussagen damals als zu konfrontativ erachtet. Putin widersprach westlichen Analysen, er wolle einen Keil in die transatlantischen Beziehungen treiben, kritisierte aber Europas Hörigkeit von den USA, vor allem im Falle Nord Stream II. Deutschland, so Putin, sei kein Anwalt russischer Interessen im Westen. Gerade Russland habe ich 1990 mehr als der Westen für eine deutsche Wiedervereinigung stark gemacht. Deutschland hätte deshalb das Volksbegehren der Krim-Bevölkerung für einen Beitritt zu Russland positiv beurteilen sollen.
Der Autor konnte zahlreiche Gespräche in Moskau führen. Fest steht für ihn, dass eine Rückkehr zur Normalität in den bilateralen Beziehungen heute nicht möglich ist. Der Westen und Russland haben sich durch die vielen Konflikte entzweit. Russland will sich auch nach dem Ende der Corona- Pandemie dem Westen gegenüber nicht wirklich öffnen. Zunächst muss der Westen Russland mit größerem Respekt behandeln. Die meisten Politologen in Russland schlossen eine weitere dramatische Verschlechterung der Beziehungen zum Westen nicht aus. Westliche Demokratie habe im heutigen Russland wenig Chancen, die Alternative zu Putin liege eher im Nationalismus.
Der Autor war überrascht, wie sehr die temporär abgerissenen Kontakte und Verbindungen in der Corona-Krise den bilateralen Beziehungen geschadet haben. Sie können nicht von heute auf morgen repariert werden. Den Hauptschuldigen für den Bruch der Beziehungen sehen die äußern in den USA. Diese würden die Deutschen, die eigentlich keinen Streit mit Moskau vom Zaun brechen wollten, an der kurzen Leine führen.

COMMENTS

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    Silbe 3 Wochen

    Hoch interessante Beiträge in einer Zeit, wo alles in Deutschland drüber und drunter zu gehen scheint. Es wäre so wichtig für die Erhaltung des Weltfriedens, dass Russland und Deutschland einen gemeinsam gangbaren Weg finden.

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    Max Labude 4 Wochen

    Mein Anliegen als ehemaliger DDR-Bürger und Freund des russischen Volkes, an führende Persönlichkeiten Russlands, behaltet eine besonnene politische Strategie bei, denn nur die trägt dazu bei, den Frieden zu sichern! Eine meiner Sorgen sind für mich die USA, die bekanntlich in ihrer Geschichte, mit ihren imperialen Gehabe immer näher an Russlands Grenzen. Wobei sie ihre Taktik geändert haben und darauf warten, dass die Völker Russlands unzufrieden mit ihrer Führung ist. Sorgt bitte für das Wohl der Menschen und nehmt die Menschen mit, denn das einer von vielen, der aller wichtigste Punkt! Max Labude

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    Horst Beger 4 Wochen

    Wenn Putin in seiner Rede beim diesjährigen Treffen des Waldai Clubs in Moskau erklärt, „Russland ist Teil Europas, aber nicht Teil des Westens“, weist er darauf hin, dass im Osten Europas vor unseren Augen eine neue Grenze entsteht. Diese ist identisch mit den Westgrenzen Russlands, Weißrusslands und der Ukraine bzw. verläuft durch diese hindurch. Auf den ersten Blick scheint es so als gehe es bei der neuen Ostgrenze nur um eine geographische Erweiterung des Wirtschaftsraumes der EU und der NATO. In Wirklichkeit handelt es sich gleichzeitig um die alte Religionsgrenze zwischen westlichem (römischem) und östlichem (orthodoxem) Christentum, wie der amerikanische Politologe Samuel Huntington das in seinen umstrittenen Thesen vom „Kampf der Kulturen“ aufgezeigt hat. Diese Religionsgrenze bezeichnet er als „Kriterium für die Zugehörigkeit zu Westeuropa“ ohne auf die substanziellen Unterschiede einzugehen, wozu ihm auch die religionsphilosophischen Voraussetzungen fehlen. Eine europäische Einheit hat es nämlich nie gegeben und der kirchliche West-Ost-Gegensatz ist viel älter als der politische. Dass es bei der neuen Ostgrenze nicht nur um eine Erweiterung der EU geht, zeigt auch die gleichzeitige Aufnahme der neuen EU-Mitglieder in die NATO. Die NATO-Aufrüstung gegen Russland der neuen Mitgliedsländer wird so von der EU indirekt mitfinanziert und macht die Ohnmacht der EU gegenüber den USA deutlich; sie sind das „Trojanische Pferd“ der USA in Europa. Denn das Ziel der NATO war und ist, „Amerika in Europa zuhalten, Russland draußen zu halten und Deutschland klein zu halten“, wie der erste NATO-Generalsekretär das formuliert hat. Auf diesen Zusammenhang weist auch Putin hin, wenn er an anderer Stelle erklärt, „dass der Westen die grundlegenden moralischen Werte christlicher Kultur verrät“. Und die daraus folgende Hinwendung Russlands nach „Eurasien“ ist nicht ohne eine gewisse Tragik für den Osten und den Westen.

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    Andreas Schmidt 4 Wochen

    Diese Einschätzung teile ich. Die Äußerungen im Valdai-Klub sind meiner Ansicht nach sogar noch „zeitversetzt“, denn jetzt entwickelt sich auch die öffentliche Meinung in Russland in einer Weise die angesichts der Erfahrungen Russlands im Umgang mit den westlichen „Demokratien“ angemessen ist. Wenn man einem „Partner“ nicht vertrauen kann wendet man sich von ihm ab, verfolgt seine eigenen Interessen und hält diese Art von „Partnern“ nur unter sorgfältiger Beobachtung frei von jeglichen Illusionen….

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    R. Liebig 4 Wochen

    Ich habe 5 Jahre in Russland gelebt und gearbeitet. Einmal wurde ich von einem alten Mann gefragt warum Deutschland sich in den letzten Jahren so böse gegen Russland aufstellt. Meine Antwort damals. Deutschland wird ferngesteuert aus den USA. Und leider gibt in Deutschland nur Marionetten und Lobbyisten. Es wird keine eigenständige Politik mehr betrieben. Die EU und die USA lenken alles. Ich habe in vielen Ländern der Welt gearbeitet. Und niemals hat mir ein Mensch der mit der täglichen Arbeit seine Familie ernährt gesagt das er was gegen Deutschland hat. Und einige hätten bedingt durch den 2 Weltkrieg schon Gründe um sauer zu sein. Doch niemals sind mir solche Leute in Russland oder sonstwo begegnet. Kriege und Konfrontation wollen nur diejenigen, die was zu verlieren haben.

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    Klaus Michael Ganter 4 Wochen

    Ich sehe diesen Kommentar als völlig korrekt. Wie uns die Geschichte lehrt,hat man Drutschland schon einmal benutzt um Rußland und Europa zu trennen.
    Nur so wird die USA eine Macht haben um international gut dazustehen. Meiner Meinung nach, wäre es jetzt sinnvoll, dass Deutschland und Russland sich verständigen um eine Beziehung zu erreichen, was ganz Europa mit Russland vereint und wirtschaftliche Angelegenheiten betont vertieft.So könnte der vermeintlichen Übermacht USA souverän paroli geboten werden.

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