„Respektvoll streiten!“ – Konstruktive Vorschläge für ein zerrissenes Land

„Respektvoll streiten!“ – Konstruktive Vorschläge für ein zerrissenes Land

[von Leo Ensel] Ein Buch der, aktuell wieder sehr unter medialen Beschuss geratenen, ehemaligen Moskaukorrespondentin Gabriele Krone-Schmalz hat sich sich, obwohl in den Leitmedien kaum besprochen, zum heimlichen Bestseller entwickelt. „Respekt geht anders“ ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine zivilisierte Streitkultur.

 Rückblende: Deutschland in den Zeiten der Pandemie.

Die Kluft zwischen Journalisten der Leitmedien und „Lügenpresse!“ rufenden Demonstranten ist mittlerweile unüberbrückbar. Arroganz auf der einen, abgrundtiefes Misstrauen auf der anderen Seite. Eine auf Argumenten basierende sachliche Debatte, beispielsweise zwischen Kritikern bestimmter Maßnahmen der staatlichen Corona-Politik und deren Befürwortern, erscheint kaum noch möglich. Drastische verbale Attacken gegen Ungeimpfte in den Kommentaren der Tagesthemen und Fackelaufzüge vor dem Privathaus einer Ministerin, gar Morddrohungen gegen einen Ministerpräsidenten signalisieren den dramatischen Niedergang einer zivilisierten Streitkultur, ohne die kein Gemeinwesen auf Dauer fortbestehen kann.

Auch die Polarisierung zwischen sogenannten ‚Russland- bzw. Putin-Verstehern‘ und den über 90 Prozent des Establishments, die die offizielle Politik bestimmen bzw. via Medien und Think Tanks publizistisch und fachlich promovieren, ist seit Jahren völlig festgefahren. Wer es auch nur wagt, für einen Moment die Perspektive der russischen Seite einzunehmen und zu erläutern, gilt postwendend als Spion und Verräter, bestenfalls als naiv oder nützlicher Idiot! Die Auseinandersetzungen – sollten sie überhaupt noch stattfinden – gleichen den Grabenkämpfen im Ersten Weltkrieg.

Und dies sind nur zwei der herausragendsten Beispiele. Dass sich die Situation seitdem verbessert hätte, wird man wohl kaum behaupten …

Die Krise der Debattenkultur

Charakteristisch für die Lagerbildungen, die unser Land durchziehen, ist nicht zuletzt, dass sie mittlerweile feste Narrative samt passendem, als „Vereinsabzeichen“ fungierendem ‚Wording‘ kreiert haben. Und dies gilt nicht nur für das sich epidemiologisch ausbreitende Gendersternchen, inclusive – wer bestimmt die eigentlich? – ‚korrekter‘ Aussprache oder die bandwurmartig anwachsende Formel von den (Stand Juli 2023) LGBTQI*-Menschen. Wer heute von „Flüchtlingen“ spricht, erweist sich als Reaktionär, mit „Geflüchteten“ dagegen ist man (noch) auf der sicheren Seite. Ein bestimmtes Land östlich von Polen wird seit den letzten großen Protestdemonstrationen vom Sommer 2020 in den Öffentlich-Rechtlichen und anderen Leitmedien ausschließlich als „Belarus“ bezeichnet, „Weißrussland“ nehmen nur noch die Putin-, gar Lukaschenko-Knechte in den Mund.

Und dem ‚Wording‘ wohnt meist eine Tendenz zur Selbstradikaliserung inne, wie nicht nur die oben genannte Bandwurmformel oder die Karriere des geschlechterintegrativen Binnen-I, das über den Unter_Strich zum Gender*Sternchen oder neuerdings zum Doppel:punkt mutierte, demonstriert. Wer sich auf das heikle Feld der sogenannten ‚Political Correctness‘ begibt, findet sich schnell auf Glatteis wieder. Was heute als „woke“ gilt, kann morgen schon als rassistisch oder sexistisch entlarvt werden!

Wie auch immer: Ein Gemeinwesen, das nur noch aus isolierten, wie die Leibnitz‘schen „fensterlosen Monaden“ gegeneinander abgekapselten, Filterblasen besteht, wird zunehmend dialogunfähig und polarisiert sich auf Dauer bis zur Schmerzgrenze – im schlimmsten Falle bis zu dem Punkt, wo Hass in physische Gewalt umschlägt!

Mechanismen der Polarisierung

Die ehemalige Moskaukorrespondentin der ARD, Gabriele Krone-Schmalz, hat vor drei Jahren ein Buch vorgelegt, dessen Anliegen es ist, dieser verhängnisvollen Tendenz entgegenzuwirken und das seit seiner Veröffentlichung nicht etwa überholt ist, sondern an Aktualität kontinuierlich zugenommen hat. Ihr Band „Respekt geht anders – Betrachtungen über unser zerstrittenes Land“[1] ist ein leidenschaftliches Plädoyer für eine zivilisierte Streitkultur, jenseits des aktuellen aggressiven gesellschaftlichen Klimas, dessen Amplitude – die Autorin erlebt das mit ihren abweichenden Positionen zum Ukrainekrieg gerade mal wieder schmerzhaft am eigenen Leibe – sich von Selbstgerechtigkeit und Intoleranz über die persönliche Verunglimpfung Andersdenkender bis zum puren Kampfmodus spannt.

Das Echo in den Qualitätsmedien auf dieses Buch war, sagen wir es so: überschaubar! Die Anzahl der Rezensionen hielt sich in engen Grenzen, was bei einer Bestsellerautorin zwar ungewöhnlich ist, allerdings durchaus auch als unfreiwillige Bestätigung ihrer Gesellschaftsdiagnose gelesen werden kann.

Umso bemerkenswerter und ermutigender, dass dieser schmale, aber gehaltvolle Band mittlerweile bereits seine vierte Auflage erlebt. Teile unserer Gesellschaft scheinen auch ohne große Medienpromotion für diesen Weckruf noch erreichbar zu sein. Anders formuliert: Die öffentliche Meinung ist in Vielem offenbar erheblich weiter als die veröffentlichte!

Die Autorin beschreibt in nüchternem Ton und einfachen Worten anhand zahlreicher Beispiele die Mechanismen der Polarisierung, die die Debattenkultur in unserem Lande zunehmend bestimmen. Es sind dies im Wesentlichen: ein Denken in binären Alternativen, eine überdramatisierte Weltsicht, eine moralisierende Aufladung des Diskurses, die selbst Sachthemen in Gut-Böse-Schemata presst, sowie die Diffamierung und Ausgrenzung Andersdenkender. Eingebettet wird diese Diagnose in eine Analyse der Krise der Medien, die zu Internetzeiten rasanter als jemals zuvor zu „Aufmerksamkeitshändlern“ mutieren.

Schauen wir uns exemplarisch das Denken in binären Alternativen etwas genauer an.

Entweder – oder

Gabriele Krone-Schmalz geht von einer Annahme aus, die auf den ersten Blick überraschen mag: „Unsere gespaltene Gesellschaft ist sich im Grunde über die großen Ziele einig. Die Menschen wollen Frieden und keinen Krieg, sie wollen weder unter extremen Hitzewellen noch unter Stürmen oder anderen Wetterextremen leiden, und sie wollen mit ihren Lieben ein auskömmliches Leben führen. Große, erstrebenswerte Ziele, die aller Mühen wert sind, sich jeden nur denkbaren Gedanken darüber zu machen, wie man sie am besten erreichen kann.“

Hat man sich diesen unausgesprochenen Grundkonsens einmal klar gemacht, fällt es erheblich leichter, zu vielen polarisierten Debatten eine etwas gelassenere Distanz einzunehmen und den lautstark kommunizierten falschen Alternativen nicht auf den Leim zu gehen. Denn man kann, wie die Autorin überzeugend ausführt, zum Beispiel „Fridays for Future“ begrüßen, ohne sie gleich heilig zu sprechen; für Gleichberechtigung kämpfen, ohne jedes Wort mit einem Sternchen zu verwenden; eine offene Einwanderungspolitik fordern, ohne die Kontrolle über die Grenzen aufgeben zu wollen; sich der deutschen Vergangenheit stellen, ohne permanent mit gesenktem Blick durch die Gegend zu laufen. Und man kann (könnte!) auch – wenn man das will (wollen würde) – auch jetzt noch (oder wieder) gute Beziehungen zu Polen, der Ukraine und zu Russland unterhalten (bzw. rekonstruieren).

Statt dessen werden, so Krone-Schmalz, im öffentlichen Diskurs Ideen, Vorschläge und Überlegungen, je nachdem aus welchem Lager sie kommen, reflexartig verklärt, verteufelt oder erst gar nicht zur Kenntnis genommen. In der Folge „schaukeln sich die Auseinandersetzungen auf, und diejenigen, die das ‚Sowohl-als-auch‘ mitdenken und sich um Verständigung bemühen, werden beiseitegeschoben, eben weil sie sich nicht sklavisch auf eine Seite stellen wollen.“

Ein Denken in den Kategorien von ‚Entweder-oder‘ befördere zwangsläufig die Polarisierung. Damit werde eine Unversöhnlichkeit suggeriert, der bei genauerer Betrachtung die Grundlage fehle. „Demgegenüber enthält sein Widerpart, das ‚Sowohl-als-auch‘ in sich schon den Kompromiss und bietet die Chance, die unterschiedlichen Lager zusammenzuführen, indem es Widersprüche integriert.“ Kompromisse aber „sind das Schmiermittel der Demokratie. Ohne Kompromisse kann unser politisches System nicht funktionieren.“

Der gesunde Menschenverstand

Man sieht, es geht der Autorin nicht darum, Differenzen zuzukleistern. Es besorgt sie allerdings, „wenn Alarmismus und Hysterie die Diskussion wichtiger Themen bestimmen statt zivilisierter Streit um belastbare Standpunkte und wenn im öffentlichen Diskurs allzu schnell Einigkeit herrscht und abweichende Positionen medial kaum noch vorkommen.“ Das Gleiche gelte, wenn Meinungen zwar geäußert werden können, ihre Urheber aber vom jeweils anderen Lager ausgegrenzt und diffamiert werden. Man müsse sich aber von der Angst befreien, vor falsche Karren gespannt zu werden. Denn: „Wo führt es hin, etwas unter den Teppich zu kehren, nur weil man befürchten muss, Beifall von der ‚falschen‘ Seite zu bekommen? Ränder und Extreme einer Gesellschaft werden gestärkt und die Mitte noch weiter geschwächt.“

Man solle sich mit Gelassenheit gerade mit denjenigen an einen Tisch setzen, deren Verhalten man glaube kritisieren zu müssen. Gelassenheit aber, zitiert die Autorin Marie von Ebner-Eschenbach, „ist eine anmutige Form des Selbstbewusstseins“.

Mit diesem längst überfälligen Buch erweist sich Krone-Schmalz, einmal mehr, als der ‚fleischgewordene gesunde Menschenverstand‘ und man fragt man sich beim Lesen unwillkürlich immer wieder, warum bis dato niemand diese naheliegenden Gedanken formuliert und in die Welt gesetzt hatte. (Nebenbei: Was sagt es eigentlich über die Debattenkultur eines Landes aus, dass diese Frau seit Beginn des Ukrainekonflikts, Frühjahr 2014 und erst recht seit dem Umschlag in einen offenen Krieg von den Leitmedien, bei denen sie jahrzehntelang gearbeitet hatte, massivst attackiert wird – nur weil sie die einseitige Schuldzuschreibung an Russland nicht mitmacht?)

Konkrete Utopie

Das lakonische Fazit der Autorin: „Respektvoll streiten – das wärs doch!“ Nehmen wir es für einen Moment einfach mal beim Wort. – Also:

Wie wäre es eigentlich, wenn sich Befürworter und Kritiker der Waffenlieferungen an die Ukraine mal zusammen – nein, nicht nach dem Talkshowprinzip „Fünf Stühle – eine Meinung!!“, sondern – an einen Runden Tisch setzen und einen auf Argumenten basierenden rationalen Diskurs starten würden? Wechselseitiges Zuhören und Nachfragen würde nicht schaden.

Und wäre es völlig undenkbar, wenn Vertreter der Leitmedien für einen Moment ihre Berührungsängste überwinden und gemeinsam mit Journalisten der maßlos verteufelten „Gegenmedien“[2], wie den Nachdenkseiten, Telepolis, Russlandkontrovers, Globalbridge, Free21 etc. auf Augenhöhe ein streitbares, aber lösungsorientiertes Gespräch zur Frage beginnen würden, wie der Ukrainekrieg schnellstmöglichst gestoppt und der Westen und Russland aus der rasanten Eskalationsspirale herausfinden können? Immerhin dürften alle sich darin einig sein, dass es im Worst Case bei einem mit Massenvernichtungsmitteln geführten Krieg auf beiden Seiten keine Überlebenden mehr geben wird!

Ginge das? Oder wäre dies völlig ‚otherworldly‘? Man muss sich ja nicht gleich um den Hals fallen! Es ginge lediglich, um ein letztes Mal mit Krone-Schmalz zu sprechen, um eine „Streitkultur, die zwischen sachlicher Argumentation und persönlicher Beleidigung zu unterscheiden weiß“. (Unter zivilisierten Menschen eigentlich eine Selbstverständlichkeit.)

Der Rezensent schließt mit einer Empfehlung des Physikers und Philosophen Georg Christoph Lichtenberg (1742 – 1799) aus seinen berühmten Sudelbüchern: „Wer zwei Paar Hosen hat, mache eins zu Geld und schaffe sich dieses Buch an!“

Gabriele Krone-Schmalz: „Respekt geht anders – Betrachtungen über unser zerstrittenes Land“. C.H. Beck, München 2020, 14,95.- €

[1] https://www.chbeck.de/krone-schmalz-hysterikerland/product/30917921

[2] https://gegneranalyse.de/fallstudie-1-nachdenkseiten/

COMMENTS

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    Horst Beger 5 Monaten

    „Man kann(könnte) – wenn man das will(wollte) – auch jetzt noch gute Beziehungen zu Polen, der Ukraine und Russland unterhalten“, schreibt der Autor selbst im Konjunktiv und wirbt mit Krone-Schmalz für ein „Respektvolles streiten“. Doch mit wem und worüber will man streiten, wenn „über 90 % des Establishments, die die offizielle Politik bestimmen“ nicht bereit sind, darüber zu streiten. Schon gar nicht das katholische Polen mit Russland, das seit Jahrhunderten von Rom gegen Moskau instrumentalisiert wird, wie der amerikanische Politologe Samuel Huntington das in seinem Buch „Kampf der Kulturen“ detailliert aufzeigt und darauf hinweist, dass das westliche(römische) Christentum das östliche(russische) Christentum seit dessen Bestehen bekämpft. Und er weist darauf hin, dass diese „Kulturgrenze“ auch die Ukraine in eine vom russischen Christentum geprägt Ostukraine und eine vom römischen Christentum beeinflusste Westukraine teilt, also ganz aktuell ist. Dies ist unausgesprochen auch ein Grund für die unversöhnliche Streitkultur des Establishments, das die offizielle Politik bestimmt.

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