Russland = Putin – Der Dämon und der TodestriebDr. Gerhard Mersmann

Russland = Putin – Der Dämon und der Todestrieb

[von Dr. Gerhard Mersmann] Hat man erst einmal einen Dämon ausgemacht, erübrigt sich weiteres Nachforschen nach den Ursachen der Kalamitäten, mit denen man konfrontiert ist. Alles, was Verdruss erzeugt, erscheint dann auf der Rechnung des definierten Missetäters. Das entlastet. Weitere Beobachtung ist nicht nötig. Die Empörung bleibt, aber der Genuss, eine eindeutige Erklärung für das Übel zu haben, entlastet auch wieder. Denn wenn alles erklärt ist, kann man sich voll drauf konzentrieren, den Dämon direkt zu bekämpfen. Das schöne Konstrukt bricht jedoch zusammen, wenn sich herausstellen sollte, dass einiges, oder sogar vieles, das man dem Delinquenten zugeschrieben hat, aus anderen Quellen stammt. Ob man es weiß oder nicht, auf einmal wird aus dem schönen Dämon ein armer Sündenbock, der dafür gerade stehen muss, was sich die mit dem selbst verordneten eingeschränkten Blick nicht erklären können. Dann ist alles viel komplizierter als gedacht und der Schaden, der zu beklagen ist, wird größer als jemals befürchtet.

Die Formel Putin = Russland ist zum Standard der hiesigen Darstellung aller Geschehnisse geworden, die die Gemüter erhitzen. Es wird suggeriert, dass alles, was in dem riesigen Russland geschieht und was in unseren Breitengraden ein Gefühl des Unbehagens auslöst, nur eine Ursache haben kann: Putin. Putin hier und Putin dort. Wendete man eine solche Banalisierung des politischen Blickes auf unsere eigenen Verhältnisse an, dann wäre man mitten drin im Sprachgebrauch der neuen, radikalen Rechten. Da heißt es auch, Merkelland, Merkel ist für alles verantwortlich, was irgendwem nicht schmeckt. Dass eine solche Betrachtung und Erklärung gerade von denen moniert wird, die es selbst im Blick auf Russland genau so tun, dokumentiert zweierlei: bei einem Teil den Grad der Verblendung, bei einem anderen Teil eine nahezu agentenhafte, propagandistische Vorgehensweise. Ob das noch mit der eigenen Staatsdoktrin korrespondiert?

Und jetzt wird es brisant. Nehmen wir einmal an, nein, nicht, dass amerikanische oder sonstige Geheimdienste, die auch und nachweislich über das Nervengift Nowitschok verfügen, hätten etwas mit dem Attentat an dem nationalistischen Oppositionspolitiker Nawalny zu tun, sondern bestimmte, in Opposition zu Präsident Putin stehende russische Kräfte, die sich ganz woanders befinden als im Spektrum der politischen Parteien. Das könnten in ihrem Treiben von diesem beschnittene Oligarchen sein, aber auch Hardliner aus den eigenen bewaffneten Formationen, die sich nach den Zeiten der messerscharfen Konfrontation mit dem Westen sehnen. Letztere waren es, deren Ansehen und Einfluss in den letzten drei Jahrzehnten schwer gelitten hat und die, aufgrund der unentwegten Ostexpansion des Westens Richtung russischer Grenze, wieder Morgenluft wittern. Sie hätten gute Gründe, Öl ins Feuer zu gießen und die Konfrontation mit dem Westen weiter anzufachen.

Der Totschläger namens Verschwörungstheorie ist genauso einfältig wie das Mittel der exklusiven Dämonisierung. Beides versperrt die Sicht auf komplexe Strukturen und ihre inneren Widersprüche.  Gesetzt den Fall, es wäre so, wie gedanklich angeboten, was hieße das dann? Es bedeutete, dass der Dämon Putin sogar en Verbündeter sein könnte gegen weitaus gefährlichere Gefährder des bereits mehr als fragilen Friedens. Die Banalität, die hinter dem Verbot in diese Richtung zu denken steht, ist der mögliche Gesichtsverlust der Dämonsierer.

Und schon wird deutlich, in welchem Tal des politischen Denkens wir uns mittlerweile befinden. Die ganze Corona, und dieser Begriff ist bewusst gewählt, der politischen Scharfmacher gegen Russland und Putin hat anscheinend kein Interesse daran, alle Möglichkeiten der Erklärung durchzuspielen. Wie schön ist es doch, den Dämon bis ins eigene Grab zu pflegen. So selbstvergessen macht der eigene Todestrieb!

COMMENTS

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    Horst Beger 1 Monat

    „Die ganze Corona der politischen Scharfmacher gegen Russland und Putin“ hat nicht nur kein Interesse daran, alle Möglichkeiten einer Erklärung der Ereignisse um den Fall Nawalny und in Weißrussland durchzuspielen, sondern hat diese – soweit nicht mit inszeniert – von Anfang an instrumentalisiert. Dazu gehört auch der selbst ernannte thinktank „Liberale Moderne“ um die pathologische Transatlantikerin Marie Luise Beck.

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    Th. Bund 2 Monaten

    Nachtgeister, Dämonen, wild wogendes Wagner-Szenario mit Worten weihevoller Weisheit, thumben Wichten wägend den Weg weisend… (oder so).
    Was manchen Menschen zum Thema „Vergiftung“ so alles einfällt.
    Ist ja alles „machbar“, das mit den Dämonen und den „zusammenbrechenden Konstrukten“, nur ist diese Art von Lyrik allen-falls die Bestätigung des alten „wenn das der Führer wüsste“. Und damit eine „braune“ Bestätigung.

    Aber „nehmen wir doch mal an“ (wie der Autor des Beitrages schreibt), es wäre so (wie der Autor es so sieht), dass Herr P. regelrecht umzingelt ist von „…bestimmte(n), in Opposition zu Präsident Putin stehende(n) russische(n) Kräfte(n), (…) die sich ganz woanders befinden (…) und „…von diesem beschnittene Oligarchen.. plus …Hardliner aus den eigenen bewaffne-ten Formationen…“ ihn geradezu in das Joch der Untätigkeit verbannen.
    Wenn wir das alles so kritiklos annehmen (sollen)….
    Ein armer Tropf, dieser Putin, der einer solchen „Entlastung bedarf“.

    Ein Herr P., der in der Vorstellung des Autors nun als sein eigener Gefangener erscheint- eine sehr aparte Vorstellung über jemanden, der seit Jahren sein eigenes System erschafft, sich mit eigenen Leuten umgibt, aus seinem (jetzt eigenen) ehe-maligen Stall der eigenen „Vertrauten“, damit die gesamte Gesellschaft durchwirkend, bis hin zum Aufbau eigener Propa-gandisten und -Innen („Meister und Margarita“, wer kennt diese Vorlage nicht?) zur Propagierung und Durchsetzung seiner „Machtvertikalen“. Zuletzt durch die jüngst vorgenommene Verfassungsänderung (so viel zum „Putin hier, Putin dort“).
    Und, der Logik des Autors zum „guten Putin“ folgend: Wäre es denn so wäre, wäre es nicht jetzt, gerade jetzt an der Zeit für den Schulmann’schen Wunsch „… einen Politiker, der herauskommen und einen einfachen Gedanken formulieren würde: „Wir töten oder vergiften keine Menschen. Russland tut oder fördert solche Dinge nicht. Wir sind keine Bande, wir sind ein Staat. Deshalb sind Anschuldigungen dieser Art unbegründet, nicht weil es für uns unrentabel wäre, sondern weil wir, selbst wenn wir jemanden politisch verfolgen sollten, genügend rechtliche Instrumente dafür haben“. Dies sind einfache Worte…“

    Einfache Worte…, die bedeutend mehr aussagen als der vom Autor bemühte „banale Blick“ auf „… in Opposition zu Präsi-dent Putin stehende russische Kräfte, (…) die sich ganz woanders befinden (…) und „…von diesem beschnittene Oligarchen.. plus …Hardliner aus den eigenen bewaffneten Formationen…“.

    Worte ohne jeglichen Theaterdonner und „Dämonen-Grabpflege“.

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    David 2 Monaten

    Alles schon richtig, aber wäre dieser sogenannte Dämon wirklich an einer Aufklärung interessiert, könnte man offiziell die Ermittlungsergebnisse präsentieren und im besten Fall den Täter ermitteln. Danach könnte man die Ermittlungsarbeiten veröffentlichen, wie es die englische Regierung im Fall Skripal getan hat. Sofern der FSB Nawalny bereits sowieso beschattet haben soll, sollte der Täter einfach zu ermitteln sein. Egal ob ein CIA-Agent, rechte russische Gruppierungen oder sonstige. Damit schützt die Regierung den Auftraggeber und den Auftragsmörder und legitimiert weiterer solcher Taten. Aber natürlich lag es nur an der verdorbenen Milch im Kaffee. 🤫

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