Valdai: Russische Experten halten Weltordnung für irreparabel beschädigt

Valdai: Russische Experten halten Weltordnung für irreparabel beschädigtRahr, Prof. Alexander © russlandkontrovers

Die Beziehungen zwischen Russland und dem Westen verändern sich nicht zum Besseren. Im Gegenteil. Die nächsten Monat in Kraft tretenden US-Sanktionen bergen die Gefahr, die bilateralen Beziehungen zwischen den Weltatommächten zum völligen Erliegen zu bringen. Unter solchen Umständen werden auch die Verbindungen zwischen Russland und EU leiden.

Die Sitzung des diesjährigen Valdai Klubs in Sotschi begann im alarmierenden Ton. Russland machte deutlich, dass es sich nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch ganz aus Europa nach Asien zurückführen möchte. Russische Experten sahen die gegenwärtige Weltordnung als irreparabel beschädigt an. Russland erwarte eine Weltordnung ohne Pole. Also Chaos?

Westliche Valdai Klubmitglieder widersprachen vehement: Nein, die Weltordnung sei intakt, sie müsse aber generalüberholt werden. Russland müsse in das alte Regelwerk liberaler Werte zurückkehren, dann würde mit der Zeit alles gut.

Wer kam nicht alles zu den Auftaktsitzungen nach Sotschi! Man vernahm wichtige Minister, Gouverneure, Generäle, bekannte Kulturschaffende, interessante Vertreter der russischen Zivilgesellschaft, erfolgreiche Unternehmer, den Beichtvater des russischen Präsidenten, Xenia Sobtschak, sowie führende amerikanische, europäische und asiatische Akademiker in den Sitzungen.

Russland präsentierte sich spannungsreich, jugendlich – in allen Facetten, höchst selbstkritisch. Russen monierten das Fehlen eines Mittelstandes in der Wirtschaft, das falsche Angehen an die Rentenreform, aber auch das tiefe Unverständnis des Westens gegenüber dem modernen Russland.

Aber es gab für Russland auch Grund stolz zu sein. Die Digitalisierung in Moskau sei weiter fortgeschritten, als beispielsweise in Berlin. 60 Millionen russische Haushalte nützen heute täglich das Internet.

Es entstand ein offener Dialog zu kritischen Fragen. Leider aber fehlten konkrete Vorschläge und Perspektiven, wie man dem neuen Kalten Krieg, der draußen tobt, entkommen könne. Einen Hoffnungsschimmer könnte das anstehende Treffen zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und Premier Dmitri Medwedew beim EU-Asien Gipfel bieten. Die Europäische Wirtschaftsunion wartet auf Kooperationsangebote seitens der EU.

Die zunehmende Entfremdung westlicher und russischer Eliten blieb niemandem verborgen. Die Valdai Klubmitglieder konnten abschließend gar nicht sagen, wann und warum Europa in diesen Konflikt hineingerutscht ist. Auch gab es kein Einvernehmen darüber, welche Schritte unternehmen werden müssten, um die Konfrontation zu beenden.

Der internationale Valdai Klub wird mehr Regionalforen in Zukunft organisieren, eine Zusammenkunft ist auch in Berlin geplant.

COMMENTS

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    Horst Beger, Gesellschaft für Deutsch-Russische Begegnung Essen, mit der Partnerstadt Nishnij Nowgorod 1 Monat

    Der vom Valdai-Klub beklagte „neue Kalte Krieg, der draußen tobt“, ist weder neu noch ist unklar, „wann und warum Europa in diesen Konflikt hineingerutscht ist“. Dieser Kalte Krieg gegen Russland wurde spätestens mit der Gründung der NATO eröffnet, deren Ziele der erste NATO-Generalsekretär wie folgt bezeichnet hat: „Die Amerikaner in Europa zu halten, die Russen draußen zu halten und die Deutschen klein zu halten“. Und die deutschen Regierungen und Medien haben sich von Anfang an masochistisch diesen Zielen unterworfen. Und seit dem neuen strategischen Konzept der Allianz von 1991 für die Erweiterung der NATO in den Osten Europas hat sich die Bundesregierung zu einer der Wortführerinen für diese strategische Erweiterung gemacht, die mit dem Begriff „Stabilitätstransfer“ begründet wird. Und unsere Kriegsministerin – Verteidigungsministerin ist irreführend – begründet die derzeitige Aufrüstung der Bundesregierung und der NATO ausdrücklich mit dem Hinweis auf Russland. „Honny soit qui mal y pense“.

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    Tino 1 Monat

    Es wäre besser die EU würde sich mehr zu Russland halten als sich von den USA verarschen zu lassen Die USA sind Kriegstreiber gottseidank ist Putin ein denkender Politiker

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    Alfred 1 Monat

    Zu Valdai: Solange die westliche Elite krankhaft an an ihrer Wahnvorstellung, die Welt nach ihren Maßstäben zu beherrschen, festhält, wird es keinen Frieden
    geben. Die Begebenheit im FilMm : Dr. Schiwago “ wir müssen unser Land vertei- digen, unsere Frauen und unsere Kinder schützen – wessen Land, wessen Kinder?
    und vor wem? gilt auch heute noch! Aber: wer Wind säht, wird Sturm ernten. Die alten Volksweisheiten soltte man nicht vergessen!
    Alfred

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    Europa ist in den Konflikt hinein gerutscht seit dem es keine eigene Meinung mehr hat, sich selbst zu sehr mit sich selbst beschäftigt und fast alles für gut heißt, was von jenseits des Atlantik kommt.
    Die Trump-Ideologie und damit die wirtschaftliche Erpressung der restlichen Welt durch ihn, hätte durch eine Achse Europa-Russland-China ganz schnell beendet werden können. „Die Angst vor den Russen“, scheint in Westdeutschland symptomatisch zu sein, die Polen haben es übernommen und so wird ein Bedrohungsszenaario aufgebaut, dass gar nicht da ist. Dabei geht man der Scheinheiligeit der Ukraine auf den Leim und versucht diese seitens der NATO für sich zu vereinnahmen.
    Es ist besser mit Russland friedliche Geschäfte zu machen, als Sanktionen, Strafzölle und anderes zu verhängen….

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    Alexander Lieven 1 Monat

    Naja, mancher verwechselt überbezahltes Krisenmanagement und Konferenztourismus mit einer Strategie. Softpower ist nach wie vor die Achillesferse Rußlands. „Der diskrete Charme der Bourgeosie“ geht Rußland leider völlig ab. Alles wirkt irgendwie unangenehm kleinbürgerlich oder neureich. Zumindest auf die „alten“ Europäer. Leider!

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    Frank Werner 1 Monat

    Herr Rahr,

    das die Weltordnung beschädigt ist, kann man nur zustimmen. Ob irreparabel (Dank Russland, Dank Trump) wird die Zeit zeigen. Trump wird gehen. Es kommt letztlich auf Russland an. Wenn Russland endlich zu dem Schluß kommt (oder besser die Autokratie im Kreml), dass man seine Außengrenzen nicht im Alleingang festlegt, nicht schamlos im Ausland mordet (u.a. Litwinenko, Skripal), nicht mehr das Ziel hat die (liberalen) Demokratien im Westen zu unterwandern und sogar die Rechtsextremen dort unterstützt, anerkennt, das es ein internationales Recht gibt und endlich aufhört durch permanente Nebelkerzen und Lügen zu versuchen Wahrheiten ad absurdum zu führen – dann kann es mit der Weltordnung wieder klappen.