Verkannter PutinAlexander Rahr

Verkannter Putin

[von Alexander Rahr] Vor zwanzig Jahren hielt Vladimir Putin, gerade mal ein halbes Jahr im Amt, eine vielbeachtete Rede vor dem Deutschen Bundestag. Dort verkündete er das Ende des Kalten Krieges aus russischer Sicht und offerierte der EU eine Kooperation in allen strategischen Bereichen. Er sprach von einem Gemeinsamen Europäischen Haus, sagte, dass die Russen sich vom Kommunismus befreit und künftig in einer Demokratie leben werden.

Europa und Russland verpassten jedoch, wie so oft, die historische Chance einer gesamteuropäischen Einigung. Putin, dem Deutsch-freundlichsten Staatschef Russlands aller Zeiten, wurde ausschliesslich Misstrauen entgegengebracht. Europa wollte sich auf der Basis von NATO und EU konsolidieren. Und in ein postmodernistisches Europa wollte das konservative Russland nicht hinein.

Im Nachhinein überwogen in den Beziehungen die Konflikte. Russland wurde im Westen aufgrund seiner Andersartigkeit zum Buhmann. Jede Seite errichtete eine eigene Einflusssphäre. Bei Putin setzte ein Wagenburg-Denken ein. Russland empfand die westliche Einkreisung als Affront. Der Westen hielt dem Kreml Neoimperialismus und Diktatur vor.

Die Rede Putins im Reichstag hätte zu einer historischen Annäherung führen müssen. Russland und der Westen hätten, beispielsweise, ein Anti-Terrorbündnis gegen den Islamismus begründen können. Statt die NATO auf das Territorium der alten UdSSR zu erweitern, hätte ein europäischer Sicherheitsrat der OSZE mit Russland errichtet werden müssen. Die Realisierung der Idee eines internationalen Gas-Konsortiums in der Ukraine, hätte die heutigen Energiekonflikte obsolet gemacht.

Deutschland und die EU wollten in Wirklichkeit niemals ein Bündnis mit Russland; allein deshalb bekam Putin keine Antwort. Eine Grossmacht Russlands im westlichen Bündnis hätte den Einfluss der USA, Deutschlands, Frankreichs in Europa geschwächt. Eine ebenbürtige Partnerschaft mit dem Nachfolgestaat der untergegangenen feindlichen Sowjetunion wollte niemand ernsthaft im Westen.

Viele Politiker im Westen sahen sich im Nachhinein in ihrer Haltung bestätigt. Der Aufbau eines autoritären Regimes, die Menschenrechtsverletzungen, die Kriege in Georgien und der Ukraine – seit zwanzig Jahren steht Russland am Pranger. Und Putin verdächtigt den Westen ihn stürzen und durch den Oppositionellen Nawalny ersetzen zu wollen. Die Folge dieser Politik ist eine neue Zweiteilung Europas, die vor zwanzig Jahren überwunden schien.

Es gibt heute zwei Europa: das westliche vom französischen Brest bis Donezk, sowie das östliche vom belorussischen Brest bis Vladivostok. Werden in Europa fremde Möchte dominieren – im westlichen Teil die USA, im östlichen China?

Putin hat in einem Leitartikel in der „Zeit“ neulich die Idee eines gemeinsamen Europas von Lissabon bis Vladivostok wieder aufgewärmt. Deutschland und die EU haben ihm, wie vor zwanzig Jahren, wieder die kalte Schulter gezeigt. Als Nächstes muss ein europäischer Anführer, am Besten der nächste Bundeskanzler, in Moskau eine Rede, vergleichbar mit der Berliner Rede Putins, halten. Nichts rechtfertigt die heutige Schieflage der europäischen Sicherheitsarchitektur.

COMMENTS

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    Gnauck 3 Monaten

    Die unnatürliche und kontraproduktive Abwendung Deutschlands und Europas von Russland bedient ausschließlich Amerikanische Interessen. Es wird Zeit, dass sich wenigstens Deutschland endlich emanzipiert und eigene Interessen favorisiert !

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    Horst Beger 3 Monaten

    Die Zweiteilung Europas ist nicht neu. Der Kampf des westlichen(römischen) Christentum gegen das östliche(russische) Christentum besteht seit über tausend Jahren, wie der amerikanische Politologen Samuel Huntington das in seinem Buch „Kampf der Kulturen“ aufgezeigt hat ohne auf die substanziellen Unterschiede näher einzugehen. Und Ziel der NATO war es von Anfang an,“Amerika in Europa zu halten, Russland draußen zu halten und Deutschland klein zu halten“, wie der erste NATO-Generalsekretär das formuliert hat. Daran hat sich nichts geändert, und Deutschland hat sich diesem Ziel masochistisch untergeordnet und versucht jesuitistisch, dafür Putin verantwortlich zu machen.

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