Kommentar von Dr. Gerhard Mersmann. Bei der gegenwärtigen mentalen Malaise empfiehlt es sich als Übung, nach Überschriften zu suchen, die in der Zukunft das zu beschreiben in der Lage sind, was wir als Epoche momentan erleben. Das hilft. Weil es Distanz schafft und Emotionen eliminiert. Und wenn man es national betrachtet, dann könnte die Überschrift lauten „Vom Virus zum Krieg“. Damit würde der Ausnahmezustand beschrieben, der durch Corona entstand oder geschaffen wurde, die sukzessive Abwesenheit jeglicher Rationalität und Bodenhaftung, die flächendeckende Zerstörung von Vertrauen, Hysterie, Massenpsychose und die systematische Etablierung von Feindbildern.
Dass sich ein derartiger Zustand bestens geeignet hat, um eine internationale Krise, die durch die Unterschätzung Russlands und seiner Sicherheitsinteressen und des militärischen Einschreitens in der Ukraine nicht wie Deus ex machina die verloren gegangene Vernunft in die Politik zurückkehren zu lassen, ist nahezu folgerichtig. Wie es ebenso logisch ist, dass das Personalportfolio, das für das Corona-Desaster verantwortlich war, auch beim internationalen Krisenmanagement in der ersten Reihe saß. Heute, nach vier Jahren Krieg, ist die Lage schlimmer als zu dessen Beginn. Und, um die Grausamkeit zu verdeutlichen, sei das Debakel wiederholt: der Verlust von Rationalität und Bodenhaftung, die flächendeckende Zerstörung von Vertrauen, Hysterie, Massenpsychose und die systematische Etablierung von Feindbildern und, was noch hinzukommt, die Fixierung auf einen Krieg, der in der Selbstzerstörung endet.
Hinzu kommen weitere Faktoren. Die Weltordnung, so wie sie seit 1945 entstanden war, mit einer globalen Hegemonie der Vereinigten Staaten von Amerika, gehört quasi mit dem Ausbruch des Ukraine-Krieges der Vergangenheit hat. Glaubte man in den USA unter den Regierungen Bush, Obama und Biden, nun endgültig Russland als Macht zerschlagen zu können, so hatte man die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Donald Trump, der nicht minder Imperialist ist wie seine Vorgänger, verfolgt allerdings eine andere Strategie. Er will Russland von der Seite Chinas lösen, weil letzteres aus seiner Sicht die größte Bedrohung der us-amerikanischen Hegemonie ist.
In dieser Situation an den Maximen der alten Theorie des amerikanischen Imperialismus festzuhalten, Rest-Europa auf Krieg einzuschwören und militärisch gegen die Nuklearmacht Russland zu mobilisieren, kann nicht anders als der Wille zu Selbstzerstörung charakterisiert werden. Mit Behauptungswillen hat es jedenfalls nichts zu tun.
Vom Virus zum Krieg. Ein Phänomen verdient noch besondere Betrachtung. Wurden während der Corona-Episode all diejenigen, die sich gegen das offizielle Narrativ des Krisenmanagements stellten, pauschal als Verschwörungstheoretiker diffamiert, so hat sich, die Dialektik der Geschichte ist ein agiler Schelm, die Titulierung mittlerweile zu einer Form der enthemmten Staatsräson entwickelt. Hört man sich die Vertreter von Bundesregierung und EU-Kommission und der Monopolmedien genau an, dann sind sie es, die sich dem Entertainment durch Verschwörungstheorien mit wachsender Begeisterung verschrieben haben. Sollte, um diese Umschreibung zu konkretisieren, Wladimir Putins Arm tatsächlich bis in die missbräuchlichen Betten eines Jeffrey Epstein gereicht haben, dann gliche dessen Spin einer nahezu außerirdischen Magie.
Ceterum censeo: Mit Selbstüberschätzung bei gleichzeitiger Unterschätzung derer, mit denen man zu tun hat, bei Verschwörungstheorien statt auf den realen Gegebenheiten fußenden Strategien, sind die besten Bedingungen für eine Nachbetrachtung geschaffen, die den Titel „Vom Virus zum Krieg“ rechtfertigt. Und zwar als Schlusskapitel für das, was sich heute, ebenfalls als Fehleinschätzung, exklusiv als Europa bezeichnet.
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