WENN SICH DER RAUCH VERZIEHT … Ukrainische Pipeline im Kriegsrecht

WENN  SICH DER RAUCH VERZIEHT …  Ukrainische Pipeline im Kriegsrecht

Beeilen muss man sich nie. Besonders nicht, wenn es um internationale Politik geht. Und sind alle in Eile. Klar auch, warum. Heutzutage hat der Informationskrieg neue Formen angenommen. Politiker und Medien brauchen keinen Beweis mehr, um jemanden zu beschuldigen. Die Unschuldsvermutung gilt nicht mehr. Wenn man heute nicht spricht, keine Meinung hat, keine Zeit hat, Sanktionen zu verhängen, dann werden morgen alle vergessen haben, was gestern besprochen wurde. So war es  mit dem Vorfall in der Straße von Kertsch, nicht einmal mit dem Vorfall selbst, sondern mit dem, was folgte. Aber das, was folgte, führte zu vielen Fragen.

Zum Beispiel zu dieser Frage: Warum wurde in zehn Gebieten der Ukraine das Kriegsrecht verhängt? Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko behauptet bei jedem seiner Auftritte, dass es schon seit fünf Jahren Krieg zwischen der Ukraine und Russland gebe. Aber wenn der Krieg schon seit fünf Jahren andauert, warum wird dann gerade jetzt das Kriegsrecht eingeführt? Wegen eines  Kutters, der von russischen Grenzsoldaten gerammt wurde, was Außenminister Klimkin als einen Akt der Aggression bezeichnete? Tausende Menschen wurden im Donbas getötet, aber dazu wurde kein Kriegsrecht eingeführt. Mehr noch, zwischen Russland und der Ukraine blieb und bleibt das visafreie Regime bestehen und der Handelsumsatz zwischen beiden Ländern hat sich jedes Jahr erhöht und erhöht sich weiter.

Wenn es diesen Krieg zwischen den Staaten gibt, warum unterstreicht die Ukraine dann, dass ihre Schiffe die Erlaubnis der russischen Grenzschutzbeamten beantragten, unter der Kertsch-Brücke vorbeizufahren? Bittet man denn Feinde um Erlaubnis?

Wenn die Ukraine, wie Poroschenko erklärte, eine der stärksten Armeen Europas hat, warum hat er dann sofort angefangen zu klagen und Deutschland und die USA um Hilfe zu bitten? Eine starke Armee sollte ihr eigenes Land selbst verteidigen. Und das Land sollte nicht Kinder dazu zwingen, Schützengräben weit vom Asowschen Meer zu graben.

Überhaupt ist das Kriegsrecht in der Ukraine, offen gesagt, eher seltsam, wenn nicht sogar lächerlich. Normalerweise wird Kriegsrecht ausgerufen, wenn ein Staat einen Krieg erklärt. Aber niemand hat der Ukraine einen Krieg erklärt. Das Kriegsrecht muss genaue Ziele und genaue Pläne haben. Aber es gibt keine Ziele und keine Pläne. Denn weder in einem Monat noch in zwei Monaten kann irgendetwas geändert werden. Man kann nur versuchen, neue Provokationen zu arrangieren und auf dieser Grundlage das Kriegsrecht endlos verlängern.

Also, viele Fragen. Und Antworten auch viele. Die ukrainische Präsidentschaftskandidatin Julia Timoschenko erklärte zum Beispiel, Petro Poroschenko habe Angst vor Wahlen und möchte sie überhaupt nicht abhalten, um an der Macht zu bleiben. Deshalb habe er das Kriegsrecht eingeführt, denn unter dem Kriegsrecht können keine Wahlen abgehalten werden. Dies wurde auch vom russischen Präsidenten Wladimir Putin erklärt. Wahrscheinlich ist Wahres daran, denn die Verkhovna Rada widersprach der Einführung des Kriegsrechts über zwei Monate und beschränkte sie auf einen. Obwohl – was sich diesen Monat noch ändern wird, das weiß niemand. Das Kriegsrecht wurde im Übrigen gerade in jenen fast vollständig russischsprachigen Gebieten eingeführt, in denen traditionell gegen die sogenannte „Maidan-Regierung“ gestimmt wird, das heißt, gegen diejenigen, die vor fast fünf Jahren infolge eines militärischen Putsches an die Macht kamen. Russische und ukrainische Analysten weisen zudem darauf hin, dass die militärische Situation über einen längeren Zeitraum verlängert werden kann, wenn regelmäßig Provokationen organisiert werden und die Bevölkerung mit Aggression Russlands eingeschüchtert wird. Dann hat Petro Poroschenko die Chance bis zum Lebensende Präsident zu bleiben.

So gibt es viele Fragen. Und Antworten ebenfalls viele. Und währenddessen löste der kleine Zwischenfall auf See einen fast weltweiten Sturm aus.

Aber jetzt vergesst alles, was oben geschrieben steht. Weil ich erklären will, was ein Ablenkungsmanöver ist. Ablenkungsmanöver werden normalerweise während eines Krieges vor einer Offensive durchgeführt. Mit verschiedenen Tricks versucht man, den Feind davon zu überzeugen, dass die Offensive, sagen wir, aus dem Norden kommt. Dort werden die Hauptkräfte zusammengezogen, um den Angriff abzuwehren. Aber die tatsächliche Offensive beginnt im Süden. Und um es ganz klar zu machen, möchte ich noch eine Vorstellung davon geben, was ein „Rauchschirm“ ist: Man lässt Rauch aufsteigen, unter seiner Decke kann man alles tun. Jeder glaubt, dass das Hauptproblem der Rauch ist, und nicht das, was unter dem Rauch geschieht. Niemand sieht etwas. So ist es mit dieser Geschichte im Asowschen Meer. Geschickte Politiker (wenn es welche gibt) hätten sie vielleicht sehen können, aber sie schließen ihre Augen. Denn manchmal kommt es vor, dass Sehen unrentabel ist. Und Journalisten sehen einfach nichts, weil ihnen  das Hinschauen abgewöhnt wurde.

Aber was habe ich gesehen. Ich sah, dass die Provokation im Asowschen Meer und die Ausrufung des Kriegsrechts in der Ukraine überraschenderweise mit der Ankunft des US-amerikanischen Energieministers Rick Perry in Kiew zusammenfiel. Und dieser Rick Perry trat sofort mit Kritik an den beiden Gaspipelines aus Russland auf – Nord Stream-2, die Gas nach Deutschland liefern soll, und die bereits in die Türkei verlegte Süd- (oder Türkisch-) Pipeline. Perry erklärte lang und breit, dass Gas aus Russland sowohl die Ukraine als auch Europa bedrohe, weshalb es notwendig sei, Flüssiggas aus Amerika zu kaufen. Und da (oh, Wunder!),  unmittelbar nach der Verhängung des Kriegsrechts benannte der Chef von Naftogaz, Andrei Kobolev, den Preis des ukrainischen Gastransportsystems (GTS) mit 14 Milliarden Dollar! Obwohl kurz zuvor der Preis noch 25 Milliarden sein sollte.

Wenn man alle finanziellen Investitionen in diesem System berücksichtigt, sollte es mindestens einhundert Milliarden kosten. Was ist passiert? Warum ist der Preis so stark gefallen? Der Preis ist gefallen, weil die GTS sich anschickt  zu verkaufen. Verkaufen an Amerika. Und zu einem Preis, den man nicht einen Preis nennen kann. Das ist eher kein Preis, sondern Schmiergeld. Und was dann? Dann, so sehen es ukrainische und russische Analysten, wird das GTS geschlossen und blockiert, so dass russisches Gas nicht mehr über die Ukraine nach Europa gelangen kann. Es wird keine Gasleitung mehr geben. Dann wird Europa gezwungen sein, in Amerika Gas zu kaufen. Natürlich wundern sich viele Leute: Warum braucht die Ukraine das? Immerhin erhält das Land jährlich drei Milliarden Dollar für den Gastransit. Die wird es nicht mehr bekommen. Also was? Dafür hat Poroschenko die Chance, lange Zeit Präsident zu bleiben. Denn das heutige Wahlsystem in der Ukraine ist nur formal demokratisch. Im Grunde kann jeder Präsident werden. Unabhängig von den Abstimmungsergebnissen. Es ist kein Zufall, dass alle Präsidentschaftskandidaten ständig in die USA fliegen wie zu einer Braut. Sie wissen, dass Präsidenten in ihrem Land nicht gewählt, sondern ernannt werden. Sie werden im Ausland ernannt, da die Ukraine de facto bereits eine Kolonie ist.

Es gibt so ein Kinderrätsel: „A“ und „B“ saßen auf einer Pipeline. „A“ – fiel runter, „B“ – war weg. Wer blieb auf der  Line? “ (Antwort für deutsche Leser/innen: Nicht „A“, nicht „B“, sondern „und“) Im Allgemeinen ist klar, wenn der Rauch sich verzieht, wird jeder sehen, dass es nicht nur keinen Krieg gibt, sondern auch kein ukrainisches Gastransportsystem. Russland, die Ukraine und Europa werden von der Pipeline fallen, Amerika bleibt dabei. Aber einen Präsidenten der Ukraine wird es im März geben. Das ist sicher.

Efim Bershin

Übersetzung: Kai Ehlers

zum russischem Original hier >>>

COMMENTS

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    wp007 6 Monaten

    hmm.. ein Aspekt, der bislang noch nirgendwo besprochen wurde. Aber noch einer ist bemerkenswert: es geht um die freie Passage für NATO-Schiffe http://www.voltairenet.org/article204339.html
    Also mehrere Dinge unter dem Rauchschrim