Babylonischer Turm der Globalisierung

Babylonischer Turm der Globalisierung

In jüngster Zeit ähnelt die Geschichte des Globalismus immer mehr jener des Turms von Babel. Erinnern wir uns, dass es, wie es in Kapitel 11 des Buches Genesis heißt, nach der Sintflut nur ein Volk auf der Erde gab, das nur  eine Sprache sprach. Das war mit Stolz und großer Einbildung verbunden. Der Versuch, einen Turm in den Himmel zu bauen, um sich, wie es heißt,  „einen Namen zu machen“, kann als ein Versuch angesehen werden, die Wahrheit mit materiellen Mitteln zu erreichen. Das ist natürlich unmöglich. Wie es endete, ist bekannt: Der Bau wurde gestoppt, und Gott ließ die Menschen verschiedene Sprachen sprechen.

Die Geschichte des Globalismus und der Schaffung der so genannten „Goldenen Milliarde“, deren Vertreter alle anderen als Ausgestoßene und Verlierer betrachteten, musste zwangsläufig zu Ende gehen. Allerdings ist das Wertesystem, in dem sich einige standardmäßig als die oberste Rasse betrachten und andere die Rolle des Unterlegenen erhalten, schon sehr viel früher entstanden. In einigen Phasen der Geschichte, wie in der Zeit Hitler-Deutschlands, wurden diese Ideen unverdeckt praktiziert: Die höhere Rasse und die Völker, die vernichtet werden sollten, wurden direkt benannt. Aber, ich wiederhole, genau diese Ideen sind schon lange davor entstanden, schon während der massenhaften Kolonisierung. Aus Afrika verschleppte Sklaven wurden weder in England noch in den Vereinigten Staaten als vollwertige Menschen betrachtet. Zu anderen Zeiten, um den Anstand zu wahren, nahm der Rassismus eine andere ideologische Hülle an – eine Maske, die die Plünderung Afrikas, Lateinamerikas und Asiens ideologisch rechtfertigen könnte. Solche Masken dienten einst der Notwendigkeit, die Völker zu christianisieren, sie zur „wahren Zivilisation“ zu führen und so weiter. Die neue Kolonisierung der letzten Jahrzehnte wurde durch den sog. Export von Demokratie, durch Multikulturalismus und den Schutz der Menschenrechte und Freiheiten verdeckt. Die Notwendigkeit, die Menschenrechte zu schützen, steht außer Zweifel. Aber das gilt, wenn der Slogan des Schutzes von Rechten in anderen Ländern die neue Kolonisierung nicht verdeckt.

Bereits Anfang der 1990er Jahre kam ich in einem Gespräch mit Russlands größtem Philosophen Grigorij Pomerants zu dem Schluss, dass der so genannte „Demokratieexport“ lediglich als Deckmantel für neue wirtschaftliche Expansion diente. Die so genannte politische Korrektheit ist einfach unwissenschaftlich. Weil Menschen nicht völlig von ihrem Volk, ihrer Kultur, ihren Traditionen und ihrer Sprache abstrahieren können. In jedem Fall bleiben die eigenen Leute ihre eigenen, und Fremde sind Fremde. Vertreter verschiedener Völker können kommunizieren, kooperieren, kulturelle Errungenschaften austauschen, aber sie können ihr Wesen nicht ändern. Denn die Evolution hat unbewusste und unerschütterliche Instinkte gebildet, die darauf gerichtet sind, die eigene Art zu schützen und zu überleben. Das sind grundlegenden Instinkte. Wenn sie gewaltsam unterdrückt werden, führt das unweigerlich zu Irritationen und Protest. Heute wird schon von vielen dagegen protestiert, dass die Kenntnis der englischen (amerikanischen) Sprache für die internationale Kommunikation zwingend erforderlich ist. Warum nicht Französisch, Deutsch, Spanisch, Chinesisch, Russisch?

Es ist nichts Ungewöhnliches daran, dass von Zeit zu Zeit auftretende Extremsituationen die Länder zwingen, sofort zu ihren nationalen Grundwerten zurückzukehren, zu ihrem eigenen Schutz. Alle möglichen Verbindungen auf internationaler Ebene werden in Frage gestellt, Grenzen werden wieder hergestellt, der nationale Egoismus besiegt jede internationale Solidarität. Die Menschen verteidigen ihre Heimat. Es gibt in Russland nicht umsonst ein bekanntes Sprichwort: „Meine Heimat ist meine Festung“.

Genau das sehen wir heute. Sobald die Pandemie auftrat, schlossen sich die europäischen Länder, die Solidarität in der Europäischen Union vergessend, voneinander ab. Auch das Atlantische Bündnis scheint zu scheitern. Wir können nicht einmal über gegenseitige Unterstützung sprechen. Darüber hinaus kommt es zu absolut eklatanten Situationen. Die Tschechische Republik hat die Masken, die China an Italien geschickt hat, faktisch gestohlen. Die Franzosen beschweren sich, dass die Amerikaner, indem sie den doppelten Preis zahlten, die Container mit den Masken, in die an sie geschickt wurden, abgefangen hätten. Die britische „The Times“ beschuldigte die USA, Geräte zur künstlichen Lungenbeatmung (AVL) von dem russischen Konzern „Radio Electronic Technologies“ zu kaufen, der von Präsident Obama sanktioniert wurde. Und in der Tat, welche Sanktionen kann es geben, wenn Tausende von Leben gerettet werden müssen? Aber die Politik wird nicht einfach aufgeben. Einerseits gibt es bereits eine aktive Zusammenarbeit zwischen der EU und den Vereinigten Staaten mit China, Russland und sogar Kuba, und andererseits blockierten dieselben USA, Großbritannien und die EU-Mitgliedstaaten auf der UN-Generalversammlung die russische Resolution zur Aufhebung der Sanktionen, die die Staaten an der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie hindern. Und dies, obwohl UN-Generalsekretär António Guterres selbst die Abschaffung der Sanktionen forderte.

Es scheint, dass die westlichen Länder selbst heute, in den Tagen der allgemeinen Tragödie, an die Unantastbarkeit der von ihnen errichteten Weltordnung und an das von Francis Fukuyama formulierte Ende der Geschichte glauben. Aber ich denke, es ist zu früh, um über das Ende der Geschichte zu sprechen. Im Gegenteil, wir müssen über seinen Neuanfang sprechen. Und wenn die Menschen selbst es nicht verstehen, wird Gott ihnen helfen, wie er es beim Bau des Turms zu Babel getan hat. Oder das Coronavirus.

Efim Bershin.

Übersetzung: Kai Ehlers

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COMMENTS

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    Frank Werner 2 Monaten

    Der Turm zu Babel wurde fertig gebaut und genutzt, nur die Israeliten haben ihn (den Sinn des Turmes) nicht verstanden, so wie viele die Globalisierung (Ursachen und Wirkmechanismen) eben nicht verstehen.

    Die Globalisierung ist auch keine Erfindung der Neuzeit. Sie reicht zurück in die Bronzezeit, über die Römer und Wikinger bis eben in das Jetzt. Gepuscht wurde sie sicherlich über verschiedene Ideen aus den Wirtschaftwissenschaften in den 80igern, welche aber alle eins gemein hatten: sie gingen bei ihren Theorien und Vorausschauen ausschließlich von einem Handel mit physischen Gütern aus. Niemand sah die Digitalisierung und deren Bedeutung für die Wirtschaft ansich und insbesondere den weltweiten Handel voraus.

    Fehlen darf natürlich nicht der Verweis auf eine Verschwörungstheorie („Goldene Milliarde“). Es wird verkannt, dass sich in Bezug auf die 3. Welt es eben nicht nur Negativ-Schlagzeilen gibt sondern auch viele Positive. Es ist eben – auch wenn es nicht in das Weltbild passt – nicht alles schwarz/weiß. Und die Zukunft sieht da alles andere als negativ aus. Neue Produktionsmethoden (Grenzkosten gegen Null, Energieunabhängigkeit durch neue Arten der Energiegewinnung) werden auch in diesen Ländern zu mehr Wohlstand führen, während sich bei uns Wohlstand anders definieren wird (schon heute gehört bei der Jugend das eigene Auto nicht mehr zwingend dazu – zumindest in der westlichen Welt).

    Das Englisch als DIE Weltsprache anerkannt ist, kann logisch nachvollzogen werden. Einmal natürlich die Kolonialgeschichte, die zu einer weiten Verbreitung führte. Zum Anderen ist diese führend in der Forschung und Publikation.

    Da können andere Sprachen nicht folgen. Sicherlich wäre da – wäre sie nicht Bestandteil einer völlig anderen Sprachfamilie – die chinesische Sprache stark am aufholen. Aber Russisch, Spanisch oder Französisch können in den angeführten Punkten eben auch nicht mithalten. Die Gegnerschaft zum Englischen basiert daher eher m. E. auf reinem Anti-Amerikanismus, als auf logischen Gründen.

    Und die (kurzfristige und zeitlich begrenzte) Schließung der innereuropäischen Grenzen (nicht für Waren, Berufspendler etc.!) hat genau nichts mit mangelnder Solidarität zu tun.

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    Horst Beger 2 Monaten

    Es ist fragwürdig, ob die alttestamentarische, vorgeschichtliche Erzählung vom „Turmbau zu Babel“ geeignet ist, die heutigen Globalisierungsprobleme zu erklären und zu begründen. Ein von der Gorbatschow-Stiftung(!)in San Francisco einberufener „global Braintrust“ hat bereits 1995 festgestellt, „dass die Globalisierung eine Falle ist“, von der weltweit nur zwanzig Prozent der Bevölkerung profitieren werden; und für die restlichen achtzig Prozent hat der polnischstämmige amerikanissche Sicherheitsberater Zbigniew Brzezinski „Tittytainment“, das heißt „Brot und Spiele“ empfohlen. Zumindest Letzteres wurde auch weltweit praktiziert und erst die Corona-Krise hat für eine Denkpause gesorgt.

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