Rien ne va plus oder Nichts geht mehr!

Rien ne va plus oder Nichts geht mehr!

[von Michael Schütz] Diesen Eindruck hat man, wenn man gerade auf die Beziehungen des Werte-Westens mit Russland  blickt. Die Beziehungen zwischen diesen beiden Kräften sind offenbar an einem Ende angelangt. Wir stehen wieder an einer Trennmauer zwischen West und Ost und es scheint dem Werte-Westen unmöglich zu sein, diese Mauer zu bezwingen bzw. sie einzureißen.

Dabei sollte sich der Werte-Westen daran erinnern, dass wir in einer Zeitenwende leben, die ausgerechnet mit dem Fall einer Mauer begonnen hat. Dieser Mauerfall ist gleichsam der Charakter und das Symbol dieser Zeitenwende. Man ist nicht gut beraten, wenn man diesen Charakter bzw. die daraus resultierende Energie dieser Zeitenwende missachtet, denn das zieht Verwerfungen nach sich.

Diese Verwerfungen sind allerdings nicht irgendein ein Zukunftsszenario, wir sind bereits mitten drin und die Geschehnisse an der polnisch-weißrussischen Grenze dokumentieren genau dieses. Anstatt angesichts dieser Ereignisse endlich einmal die eigenen Positionen zu hinterfragen, reagieren die Wertepolitiker in der EU auf diese Krise mit immer den gleichen Phrasen, immer den gleichen Anschuldigungen und immer den gleichen „Lösungsansätzen“ – nämlich Sanktionen – und verstehen dabei nicht, wie sehr sie mit dieser Denkweise aus der Zeit gefallen und in der Vergangenheit stecken geblieben sind.

Der in der „Szene“ des Dialogs mit Russland nicht ganz unbekannte Matthias Platzeck hat vor einigen Jahren auf Gut Gödelitz bei einem Vortrag über die Beziehungen Deutschlands und der EU zu Russland ein Modell aufgezeigt, wie man aus dieser Nichts-geht-mehr Situation wieder herauskommen könnte. Platzeck erzählte dabei, dass er auch als Mediator angefragt werde. Wenn dann die beiden Streitparteien bei dem Vermittlungstermin Platz genommen hätten, schicke er sie wieder hinaus, mit der Bitte, zunächst einmal darüber nachzudenken, was man in dem Konfliktfall selbst falsch gemacht habe. Wenn man sich dann über die eigenen Fehler im Klaren geworden sei, dann beginnen sich auch die Fehler der Gegenseite zu relativieren, was den Weg zu einer Lösung eröffnet.

Platzecks Mediatoren-Prinzip stammt eigentlich aus einem spirituellen Werk, das viele Leute irgendwo bei sich zu Hause herumstehen und in der Regel nicht gelesen haben. Dieses Buch heißt – die Bibel und das darin formulierte Prinzip würde der Autor dieses Aufsatzes in seinen eigenen Worten so beschreiben:

Wenn Du in einer Beziehung – egal auf welcher Ebene – ein Problem hast, dann frage Dich zuerst, was ist Dein Anteil am Problem. Wenn Du diese Frage nicht stellst, möchtest Du das Problem nicht lösen, sondern eskalieren.

Diese Erkenntnis eignet sich als Maßstab, um das Tun und Handeln von Politik und Medien beurteilen zu können. Dieser Maßstab ist offenbar so wichtig, dass er in der Bibel in jenem Kernabschnitt formuliert wird, den Theologen als Zusammenfassung des Glaubens ansehen, nämlich der Bergpredigt. Es verwundert schon sehr stark, dass sich die westlichen Kirchen auch in den jetzigen Zeiten der geopolitischen Eskalation bis hin zur Gefahr eines Atomkrieges in Schweigen üben und es nicht für notwendig befinden, dieses Prinzip von Politik und Medien einzufordern.

In der Bibel wird die entsprechende Stelle allerdings von einem gewissen Jesus weitaus poetischer – und schärfer – formuliert, als es der Autor hier getan hat. Im Original lautet dieser Teil der Grundlagen des „Christlichen Abendlandes“ so:

„Warum siehst Du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht.“

Und für denjenigen, der sich dann sofort daranmacht, den Splitter aus dem Auge des Bruders herauszuoperieren, hat Jesus gleich eine Charakterisierung parat: „Du Heuchler“ (Matthäus 7,1 – 5; Vom Richten).

Im übrigen wird damit auch das psychologische Phänomen der Projektion beschrieben. Wir verdrängen unsere eigenen dunklen Anteile, spalten sie ab und projizieren sie auf unser Gegenüber. Der Hass auf das Gegenüber ist im Selbsthass begründet und damit schlägt unsere Feindschaft auf uns selbst zurück. So heißt es auch in der entsprechenden Stelle: „…nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden“.

So weit ein paar Grundlagen zum Thema Spiritualität für Geopolitiker.

Wir wollen hier noch auf etwas anderes aufmerksam machen, was dem Autor nicht nur in Zusammenhang mit der aktuellen Grenzkrise an der EU-Ostgrenze und den Beziehungen des Werte-Westens zu Russland aufgefallen ist. Wie oben angedeutet, gibt es in der EU offenbar keinerlei Idee mehr dazu, Handlungsalternativen zu den eingeschlagenen, erfolglosen Pfaden zu entwickeln. Abgesehen von geopolitischen Vorgaben erhebt sich die Frage, wieso denn so keinerlei Veränderung mehr möglich ist.

Wir leben, wie bereits formuliert, in einer Zeitenwende und das Charakteristikum dieser Wende ist der Mauerfall. Dieser Mauerfall besitzt aber noch einen speziellen Aspekt:

Das zwanzigste Jahrhundert erscheint als das Jahrhundert des Kollektivs. Das Individuum war dazu gedacht, dem Kollektiv zu dienen und sich für das Kollektiv aufzuopfern: „für den Kaiser und das Vaterland“, oder „für Führer, Volk und Vaterland“. Die beiden Weltkriege sind nur unter der Voraussetzung möglich gewesen, dass das Individuum selbstverständlich bereit war, sich dem scheinbaren oder tatsächlichen Nutzen des Kollektivs unterzuordnen.

In Nationalsozialismus und Stalinismus haben die jeweiligen Kollektivideen ihren Höhepunkt erreicht und als Antwort darauf hat nach dem Krieg die Weltzivilisation grundlegend die Rechte des Individuums definiert. Das ging dann als allgemeine Erklärung der Menschenrechte in die Geschichte ein und legte die eigentliche Basis für Demokratie. Denn Demokratie kann nur dann wirklich stattfinden, wenn die unveräußerlichen Rechte des Individuums mit der Existenz des Kollektivs abgeglichen und in einem dynamischen Gleichgewicht gehalten werden. Dann wird aus einem Kollektiv ein Wir. Wenn sich allerdings eine der beiden Seiten über die andere erhebt, ist Demokratie an ihrem Ende angelangt.

Lautstarke Forderungen in unserer heutigen Krisenzeit, nach denen sich das Individuum wieder angeblichen Interessen des Kollektivs unterzuordnen habe, zeigen nur, wie wenig bis gar nicht auch heute noch der demokratische Gedanke verwurzelt ist.

Die Europäische Union ist ganz aus dem Geist des zwanzigsten Jahrhunderts erwachsen und dieser Geist ist eben die Idealisierung des Kollektivs. Die Mitgliedsstaaten und damit auch ihre Bürger dürfen ihre Rechte und Souveränität zugunsten des Kollektivs – symbolisiert durch Brüssel – aufgeben.

Das Selbstverständnis der Europäischen Union als Kollektiv kommt auch in den drastischen Feindbildern zum Ausdruck, mit denen in der EU gehandelt wird. Feindbilder werden immer als Angriff gegen das Kollektiv konstruiert: Der Russe bedrohe die europäische Wertegemeinschaft. Der Russe spalte die europäische Gemeinschaft. Ein paar Flüchtlinge an der Grenze zu einem katholischen Mitgliedsstaat der EU werden zu einem „hybriden Krieg“ gegen die Europäische Union an sich.

Das eine Problem bei einem solchen Selbstverständnis ist, dass Kollektivsysteme dazu neigen, totalitäre Herrschaftsansprüche auszubilden, was man auch als Kompensation des Individuums für seinen eigenen Bedeutungsverlust verstehen kann. D. h. die nationalen Politeliten kompensieren ihren Bedeutungsverlust auf nationalstaatlicher Ebene mit einer umso schärferen Vorgangsweise im Rahmen des Kollektivs. Dieses Denken führt dazu, dass man sich überhaupt nicht vorstellen kann, dass andere Staaten sich vielleicht nicht diesem Kollektivgedanken unterwerfen möchten.

Das zweite Problem eines Kollektivsystems besteht darin, dass es durch die Ausschaltung des Individuums zunehmend erstarrt, da keine neuen Impulse zur Veränderung durch ein frei handelndes Individuum entstehen können.

Mit anderen Worten: die Hoffnung, dass die EU vielleicht doch noch zu einem Kurswechsel gegenüber seinen östlichen Nachbarn fähig wäre, ist wohl illusionär. Dieses System ist ausgelaugt und versteinert und wird – wenn es sich jetzt nicht grundlegend verändert – unterspült vom Fluss der Geschichte, in den Fluten der Zeitenwende versinken.

Eine ganz starke Qualität der jetzigen Wendezeit ist allerdings die Rückkehr des Individuums. Eine Folge der Erfahrungen des zwanzigsten Jahrhunderts, mit dem die Kollektivkonzepte gescheitert sind. Diese Rückkehr wurde mit der allgemeinen Erklärung der Menschenrechte eingeleitet und mit dem Mauerfall besiegelt, denn ohne das Pochen auf die individuelle Freiheit – auf staatlicher wie auch gesellschaftlicher Ebene – hätte es den Mauerfall (als Symbol für die Umwälzungen von 1989) nicht gegeben. Diese Selbstermächtigung des Individuums wird schließlich durch das Internet auf eine ganz neue Ebene gehoben, von dem ein PC-Pionier gesagt hat, es (das Netz) werde selbst Könige zu Fall bringen. In der aktuellen Krisenzeit wird daher diese Rückkehr des Individuums massiv in Frage gestellt, jedoch, sie ist nicht mehr zu verhindern.

Die Europäische Union selbst hat auf diesen Aufstieg des Individuums dringend eine Antwort zu finden. Phänomene wie der Brexit, wie auch das Verhalten mancher Staaten innerhalb der EU, die sogar das nationale Recht über das EU-Recht stellen, sind Ausprägungen dieses Erstarkens des Individuums. Brüssel könnte sich durch diese Phänomene dazu inspirieren lassen, dem Individuum seinen gebührenden Platz einzuräumen. Statt dessen werden diese Entwicklungen bekämpft und die EU bringt sich damit um ihre Chance zur Veränderung.

Hat sich aber einmal das Bewusstsein für die Notwendigkeit eines starken und gleichberechtigten Individuums durchgesetzt, wird es auch möglich sein, Russland und Weißrussland wieder als Nachbarn und Partner wahrzunehmen und auch sonst sollte manches in Bewegung kommen.

COMMENTS

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    Horst Beger 2 Monaten

    Dass im Kampf des „Werte-Westens“ gegen Russland „nichts mehr geht“, zeigt den geistig-moralischen Niedergang des „Werte-Westens“. Insbesondere Deutschland, das auch nach zwei verlorenen Weltkriegen gegen Russland nichts dazu gelernt hat und vor einem dritten Weltkrieg nicht zurückschreckt, fällt in den überwunden geglaubten Jahrhunderte alten Kulturkampf des westlichen(römischen) Christentums gegen das östliche(russische) Christentum zurück, dessen geopolitische Folgen der amerikanische Politologe Samuel Huntington in seinem Buch „Kampf der Kulturen“ aufgezeigt hat. Darin weist er auch darauf hin, dass diese Kulturgrenze nicht nur die Ukraine, sondern auch Weißrussland in eine von der russischen Orthodoxie geprägte Ostukraine und eine vom Katholizismus beeinflusste Westukraine teilt. Insbesondere das katholische Polen hat sich im Laufe seiner Geschichte immer wieder gegen Russland instrumentalisieren lassen, und das beredte Schweigen Roms zu dem gegenwärtigen Konflikt an der weißrussischen Grenze bestätigt das nur.

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    Rolf J. Blees 2 Monaten

    Ich habe mich 2 mal kritisch, aber objektiv, sachlich und ohne irgend jemanden zu beleidigen, zu Jens Stoltenberg sowie der Nato geäußert. Diese Kommentare wurden von einem „Support Team“ gelöscht und ich wurde verwarnt. Ich habe dagegen Widerspruch eingelegt. Allerdings teilte man mir mit, dass nur sehr wenige Mitarbeiter vorhanden seien, um meinen Widerspruch Zeitnah zu bearbeiten. Wieso darf ich in unserer „Demokratie und Freiheit“ meine Meinung nicht mehr sagen? Wie bekomme ich meine 2 Kommentare in russland.Ru platziert? Wer kann mir helfen?

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      Ich weiss nicht, wo Sie Kommentare geschrieben haben. Wir haben Sie weder verwarnt, noch Kommentare von Ihnen gelöscht. Deswegen haben wir auch keinen Widerspruch von Ihnen bearbeiten können.

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