ZWEITER WELTKRIEG

ZWEITER WELTKRIEG

Man sagt, dass der Zweite Weltkrieg vor 80 Jahren begann. Ich glaube das nicht. Nicht, weil ich meine, dass Deutschland am 1. September 1939 Polen nicht angegriffen, nicht die ersten Bomben abgeworfen und nicht auf die Westernplatte geschossen hätte. Nein, weil die Geschichte eine durchgehende ist. Auch wenn man nicht sehr tief in sie eintaucht, muss man doch zugeben, dass der Beginn des Zweiten Weltkriegs der Erste Weltkrieg ist. Und um genauer zu sein, es war der Vertrag von Versailles, der sich als so erniedrigend, so demütigend, so beraubend für Deutschland erwies, dass ein Revancheversuch für kluge Köpfe eine Frage der Zeit sein musste. Deutschland verlor faktisch die Armee, seine Bevölkerung wurde in die Armut getrieben, und es verlor auch noch riesige Gebiete. Elsass und Lothringen gingen an Frankreich. Der größte Teil der deutschen Provinz Posen und ein Teil von Pommern wurden von den Entente-Mächten an Polen übergeben, was ihm den Weg an die Ostsee ebnete. Polen schwoll einfach territorial an, wenn man bedenkt, dass es 1920, als es den sowjetisch-polnischen Friedensvertrag brach, dessen Grenze auf der „Linie von Curzon“ verlaufen sollte, große Teile der Westukraine und Westweißrussland gewann. Um der Gerechtigkeit willen ist zu sagen, dass die Rote Armee, die 1939 in Polen einmarschierte, nicht irgendwo gestoppt hat, sondern auf der „Curzon-Linie“ – der international anerkannten Grenze.

Ich wage zu behaupten, dass das Monster in Gestalt Hitlers nicht zufällig in Deutschland erschien. Die Deutschen brauchten den Gefreiten des Ersten Weltkriegs aus Rache. Und er kam. Der zukünftige Krieg begann mit seiner Ankunft 1933. Oder vielleicht begann er 1934, als Polen als erstes europäisches Land einen Nichtangriffsvertrag mit Nazi-Deutschland unterzeichnete, bekannt als „Pilsudsky-Hitler-Pakt“, der für das Dritte Reich ein echter diplomatischer Durchbruch war. Im Januar 1939 kam der polnische Außenminister Józef Beck nach Berlin, um mit Hitler und Ribbentrop zu verhandeln. In diesen Verhandlungen bot Hitler Polen ein Bündnis für einen zukünftigen Krieg mit der Sowjetunion und neue riesige Gebiete im Osten an. Während dieser Verhandlungen erklärte Beck offen: „Polen fordert die Sowjetukraine und das Schwarze Meer.“ Hitler forderte Polen jedoch auf, Danzig an Deutschland zurückzugeben und den „Danziger Korridor“ zu öffnen. Es ist gut, dass Polen sich geweigert hat, Danzig zurückzugeben. Andernfalls hätte Hitler nicht nur Italien, Rumänien, Ungarn und Bulgarien, sondern auch Polen als Verbündeten im Krieg mit der Sowjetunion bekommen.

Polen war jedoch nicht im Konflikt. Nachdem 1938 in München der Vertrag zwischen Daladier, Chamberlain und Hitler unterzeichnet worden war, der zur Besetzung der Sudetenregion und dann der gesamten Tschechoslowakei führte (die sog. „Münchner Verschwörung“), beteiligte sich auch Polen an der Zerstörung des südlichen Nachbarn und annektierte die Teschener-Region der Tschechoslowakei, die diese nie wieder zurückbekam. Und nach all diesen Verträgen und Verhandlungen, konfrontiert mit einem fast gänzlich nationalsozialistischen Europa, begann auch die Sowjetunion mit Deutschland zu verhandeln, was zur Unterzeichnung des Molotow-Ribbentrop-Paktes führte.

Nach der Unterzeichnung des Münchner Vertrags sagte Winston Churchill: „Großbritannien wurde die Wahl zwischen Krieg und Schande angeboten. Es wählte die Schande und wird Krieg erhalten.  Aber nicht nur Großbritannien führte den Krieg. Am Zweiten Weltkrieg nahmen 62 von 73 Ländern der damaligen Welt  teil. Ja, am 1. September griffen die Hitlers Truppen (im russischen Text: die Hitleristen) Polen an. Aber der Krieg begann früher, viel früher. Er wurde nach und nach, ab 1918, ausgelöst. Er wurde am 1. September einfach mit „anderen Mitteln“ fortgesetzt.

Und heute, wenn ich mir ansehe, was in der Welt geschieht, komme ich mit Entsetzen zu dem Schluss, dass die Lehren aus dem Alptraum des zwanzigsten Jahrhunderts nicht gezogen wurden. Aber vielleicht ist die Menschheit überhaupt nicht in der Lage zu lernen.

Efim Berschin

Übersetzung: Kai Ehlers

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COMMENTS

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    Alexander Rahr 2 Wochen

    Es fällt nicht leicht, über die Ursachen des Zweiten Weltkriegs zu diskutieren. Das westliche Narrativ ist sonnenklar: Stalin und Hitler – die beiden Verbrecher des 20. Jahrhunderts – haben sich Osteuropa unter den Nagel gerissen. Russland sagt: Halt. Die Ungerechtigkeiten des Versailler Vertrages sind, bitteschön, zu berücksichtigen. Stalin habe die Gebiete zurückgeholt, die Polen sich 1921, unter Bruch des Versailler Vertrages, einverleibt hatte. Doch das westliche Narrativ ist hier erbarmungslos: Nichts darf hier relativiert werden. Die kleinen Völker sind von den großen brutal überfallen worden. Auf diesem Natrativ beruht übrigens auch die NATO Osterweiterung. Der Westen sagt: nie wieder Knechtung der kleinen europäischen Völker. Und Steinmeier hat es in Polen kürzlich auf den Punkt gebracht: nicht die Sowjetunion (die er gar nicht erwähnte), sondern die Amerikaner hätten Europa im Zweiten Weltkrieg befreit und befriedigt. Der Kampf der Narrative geht weiter. Ein Europa vom Atlantik zum Pazifik – ist mit solch unterschiedlichen Weltanschaungen heute in weite Ferne gerückt.

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      Sehr geehrter Herr Rahr,

      dies ist nicht das „westliche Narrativ“, sondern die fiktionale Version der Propagandaabteilung der NATO, die kein ernstzunehmender deutscher Historiker je teilen würde – und die in der Ära Brandt kein anständiger Sozialdemokrate je von sich gegeben hätte.

      Jeder Deutsche, der es wagt, sie in den Mund zu nehmen, muss wissen, dass er sich hier in eine Form eines der Quellenlage spottenden Revisionismus begiebt, der die Präventivkriegsthese eines Ernst Nolte im Historikerstreit bei weitem übersteigt – den der leugnete zumindest nicht den genozidalen Charakter des nazistischen Kriegs.

      Der Generalplan Ost, als feste Absicht der Absorption des russischen Raums mindestens bis zum Ural, in einigen Auslassungen Hitlers auch weit bis dahinter, und die damit verbundene Absicht des Völkermords an dort lebenden Juden und Slawen, bis zu 30 Millionen allein während des Kriegs (Hunger- und Backeplan) und die anschließende Versendung mehrerer Zehnmillionen auf Hungermärsche bis hinter den Ural, die Auslöschung slawischen Lebens in allen dicht besiedelten Regionen Russlands zum Zweck der Neubesiedlung durch ist das unverrückbare Kernprojekt der nazistischen Ideologie gewesen, das vollständig belegt ist: bereits 1925 im 18. Kapitel des 2. Buchs von „Mein Kampf“, in bereits 1958 vom IfZ München veröffentlihten Planungsdokumenten des Landwirtschaftsministeriums, in der von Halder protokollierten Rede Hitlers vor 250 führenden Wehrmachtsoffizieren am 30. März 1941, der Aktennotiz vom 2. Mai 1941, dem verbrecherischen Kommisssarsbefehl und dem Kriegsgerichtsbarkeitserlass, beides 1941. In seinen Reden im Führerhauptquartier vom September 1941 verkündet Hitler nicht nur, die Bevölkerung russischer Städte habe vollständig zu „ersterben“ (ergo überall wie in Leningrad), während er die Russen als „Kaninchen“ bezeichnet, die zur Staatenführung unfähig seien, was nur germanische Führer wie die Waräger verschleiert hätten. Himmler nennt Russen in seiner Posener Rede von 1943, expressiv die „russischen Weiber“, ergo Zivilisten, ansprechend, die zum Ausheben eines Panzergraben zu Tausenden ruhig sterben dürften, Tiere, die nun einmal massenhaft zum Wohle der Herrenmenschen ihr Leben lassen müssten.

      Und diese unglaublich mörderische Verachtung, die in diesen Plänen und Worten klar ausgesprochen wird, ist nicht etwa die Folge einer Eskalation, sondern sie ist der Kern des kalt ideologisch zementierten Rassendenkens der Nationalsozialisten, das untrennbar den antirussischen Rassenhass mit dem eliminatorischen Antisemitismus der Nazis verbindet: Ohne das vom Nationalsozialismus nicht zu abstrahierende „Unternehmen Barbarossa“ ist die Hölle von Auschwitz nicht denkbar. Die Preisgabe des Lebens von vielen zehn Millionen Russen ergab sich, als Absicht und Massenmordhandlung, ideologisch unmittelbar aus der rassistischen Interpretation des als jüdisch verursacht bewerteten Sieg der Bolschewisten im russischen Bürgerkrieg, von dem auf die „rassische Minderwertigkeit“ der „russischen Untermenschen“ rückgefolgert wurde, die deshalb das Recht auf Leben verwirkt hätten.

      Doch diesen Programm hat keineswegs allein seinen Urspruch erst bei Hitler, sondern war die Radikalisierung von Annexions- und Vertreibungsplänen bereits der Alldeutschen, Hugenbergs, großen Teilen der führender nationalistischer Militärs und des Kreises um Paul Rohrbach ab 1915. Selbst an der Radikalisierung dieser Pläne in Richtung Massenmord, waren, wie die Aktennotiz vom 2. Mai 1941 beweist, führende Kräfte der Wehrmacht voll schuldhaft involviert.

      Über diese nicht nur die Sowjetunion als politisches Gebilde, sondern das blanke Leben ihrer Bevölkerung existienziell gefährdende Ideologie war, wie zuletzt noch einmal die Maiski-Tagebücher beweisen, die sowjetische Führung sich voll und ganz im Klaren. Und dennoch war nicht eine einzige europäische Regierung bereit, der Sowjetunion vor dem tatsächlichen Angriff der Nazis durch Bündniszusagen die Sicherheit zu geben, mit dieser Bedrohung nicht allein zu stehen.

      Wer diesen von keinem soliden Historiker geleugneten Hintergrund abstreitet, indem er so tut, als sei das Agieren Hitlers und Stalins auch nur im Ansatz auf die gleiche Stufe zu stellen, der verfälscht Geschichte, indem er die verbrecherische, massenmörderische Haltung und Handlungsdisposition der Nazis gegenüber der russischen Bevölkerung stillschweigend verhüllt, um ihre Führung zu den Hauptschuldigen an einer historischen Katastrophe zu erheben, in der jedes zweite Opfer ihr entstammte.

      Ein Deutscher, der dies vertritt, ist so verachtenswert wie der Parteivorstand der NPD. Worin soll dann bitte die berühmte „Vergangenheitsbewältigung“ bestehen, die sich deutsche Politiker und Medienvertreter so gerne in Israel oder Polen auf die Brust schreiben. Es ist den Russen gegenüber eine derart dreiste Verächtlichkeit und Unverschämtheit, das ich mich wundere, das die Reaktionen noch so verhalten sind.

      Warum beteiligen sich die Deutschen an so einer miesen, alle Russen im tiefsten Kern beleidigenden und verletzenden Propaganda? Warum spucken deutsche „Meinungsführer“ (die, wie Umfragen zeigen, zum Glück in Sachen Meinungsführerschaft trotz einer konzertierten medialen Volksverhetzung unter NATO-Führerschaft in der „Informationskriegsführung“ von fünf langen Jahren, bei der deutschen Bevölkerung wirklich keinen Blumentopf gewonnen haben), derart auf den Stolz und das Selbstwertgefühl von 145 Millionen Russen?

      Nur weil sie so feige und so auf die Erhaltung ihrer Wirtschaftshegemonie über osteuropäische Länder erpicht sind, dass sie, hinter den USA sich abduckend, jede antirussische Provokation mitmachen, um nicht an die USA ihren Einfluss über Polen und das Baltikum zu verlieren? Sind die sich in Berlin eigentlich im Klaren, wie sehr ihre Politik damit der der Alldeutschen und Paul Rohrbachs vor dem ersten Weltkrieg ähnelt? Glauben denn unsere transatlantischen „Repäsentanten“, die uns nicht mehr repräsentieren, ernsthaft, sie hätten es mit einer derart erbärmlichen deutschen Bevölkerung zu tun, dass sie sich ein so dreckiges Spiel erlauben könnten, ohne die Achtung der Bevölkerung zu verlieren? Glauben die wirklich, sie könnten solche Scheußlichkeiten weiterbetreiben, ohne den totalen Kollaps unserer Gesellschaft zu riskieren? Ich lasse mich nicht von Verfassungsbrechern „repräsentieren“! Durch das Eisntimmen in eine revisionsitische Umdeutung der nazistischen Völkermordpolitik, zum Zweck eines intendierten Affronts gegen die größte Nachkommenschaft der Opfer dieses Völkermords, ist eindeutig der Versuch, „das friedliche Zusammenleben“ des deutschen und des russischen Volks „zu stören“, was laut Grundgesetz Artikel 26 (1) eine Stratat ist! Wie kann ein Staat stabil bleiben, wenn seine Regierung, bestehend aus zwei einstigen Volksparteien, die nicht umsonst riskieren, vollends zu verlöschen (die SPD zumindest – mit einer Politik, die Willy Brandt im Grabe routieren machen muss, die kriminelle Unterminierung unserer Verfassung zur politischen Leitlinie erhoben hat?

      Das, was die Transatlantiker in ihrer Russlandpolitik machen, ist Politik in den Fußstapfen deutscher Kriegsverbrecher. Nicht nur hat diese Politik keine Zukunft, sondern sie geht die Gefahr eines vollständigen Kollapses unserer gesellschafltichen Stabilität ein, falls sie uns nicht sogar in einen Weltkrieg führt, den wir nicht überleben dürften.

      Das ist unverzeihlich, unverständlich und in einem Ausmaß verantwortungslos, das sich kaum in Worte schaffen lässt. Dies ist eine im Kern braune Politik, die auch nicht fortschrittlicher wird, wenn deutsche Politiker sie glauben dadurch verhüllen zu können, dass sie sich in anderen politischen Feldern mit identitär pseudolinker Rhetorik schmücken.

      Der Nazismus war nicht im Kern ein Verbrechen gegen US-Amerikaner, die der massenmörderische Verbrecher Hitler zu den Herrenmenschen zählte, sondern eines gegen die Russen, die den größten blutzoll des Krieges zahlten und 85% seiner Last trugen. Wenn die aus dem Krieg hervorgegangene US-Hegemonie dazu missbraucht wird, an die antirussische Politik zweier Weltkriege anzuknüpfen, ist der Transatlantismus in einem Maße delegitimiert, das ihn unrettbar zu einer Schurkenkonstruktion werden lässt. Und alle Umfragen zeigen, dass das 87-94% der Deutschen nicht mitmachen. Man nenne keine Konstruktion „demokratisch“, die uns zu Nachfolgern Wilhelm II. und Adolf Hitlers macht, in dem sie eine kriegsgefährliche Russenverachtung vorantreibt, die wieder zu Abermillionen Toten führen kann, russischen wie deutschen, wie unter Hitler. Die Bundesrepublik hat sich dadurch – von oben, im Namen vermeintlicher „liberaler Demokratien“ – zu einem verachtungswürdigen Staat gewandelt, dessen Bürger zum Widerstand verpflichtet sind, wenn sie den Geist unserer Verfassung bewahren wollen.

      Dass H

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    Ефим Бершин 2 Wochen

    Efim Bershin schreibt:“der Beginn des Zweiten Weltkriegs der Erste Weltkrieg ist. Und um genauer zu sein, es war der Vertrag von Versailles…“

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    Horst Beger 3 Wochen

    Der Zweite Weltkrieg begann nicht erst „mit Hitlers Ankunft 1933“, wie Efim Berschin schreibt, sondern er war die Folge des Ersten Weltkrieges, der seinerseits das Ergebnis der kurzsichtigen Bündnispolitik Bismarcks war. Im übrigen wurden beide Kriege erst durch das Eingreifen Amerikas zu Weltkriegen. Und der bis heute andauernde Kalte Krieg Amerikas gegen die Sowjetunion bzw. Russland begann noch während des Zweiten Weltkrieges.

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    Klaus Mengel 3 Wochen

    Die Fehler von Versailles sieht aber keiner ein Clemanceau und Pioncare waren Deutschenhasser. Briand kam zu spät. Rache prägte die Sieger.