Ach, ODESSA – 2. Mai – Tag der Tragödie von Odessa

Ach, ODESSA – 2. Mai – Tag der Tragödie von Odessa

Wie es scheint, wurde ich erstmals 1955 von Tiraspol nach Odessa gebracht. Ich war ein kleiner Junge von drei Jahren, so dass ich mich nicht einmal mehr an die Straße erinnere, in der Tante Mana lebte. Ich erinnere mich nicht an die Straße, aber ich erinnere mich an den Strudel, den sie gebacken hatte, um meine Ankunft zu feiern. Mein Gott! Was für ein Strudel war das! Ich versuche immer noch, meiner Frau zu erklären, was das für ein Strudel war, aber mir fehlen die Worte. Übrigens war ich ein paar Jahre später Zeuge eines Hinterhofintellektuellen, der so viel Verstand hatte wie ein frisch gefangener Stier auf der Weide. Der bewies Tante Mana, dass der Strudel nicht in den jüdischen Slums von Odessa, sondern irgendwo in Wien erfunden wurde. Was hat Tante Mana da wohl mit ihrem Finger an der Schläfe gemacht? Welches Wien, bitte? Und was könnten sie in diesem verlassenen Allerweltsort erfunden haben?

Also, über Wien. Ich vermute, dass Tante Mana die berühmte Geschichte kannte, die sich in Tiraspol ereignete, nachdem Odessa nicht mehr zum Bezirk Tiraspol gehörte. Am Vorabend irgendeines Feiertages waren die Einwohner von Tiraspol besorgt, weil sich unter ihnen ein starker Trinker befand, der ständig die zentrale Pokrowskaja-Straße entlang lief und das Straßenbild verdarb. Da sammelten sie Geld und schickten diesen unglückseligen Trunkenbold, wie sie sagten, irgendwo die Straße entlang auf die Rolle. Eben nach Wien. Damit er denen dort die Sicht verdürbe.

Warum spreche ich so? Ich sage, weil die Menschen in Odessa nie fremde Autoritäten anerkannt haben. Ihre eigenen, ja. Und Cardinal de Richelieu gehörte zu ihnen, Langeron gehörte zu ihnen, Graf Woronzew und Puschkin und sogar Kotowsky und Mischa Vinnitsky, der den Spitznamen Japaner trug. Was soll man sagen, ein mittelmäßiger moldawischer Bandit war viel einflussreicher als es Lloyd George oder selbst Rothschild war, obwohl es hieß, dass letzterer auch zum Bau der örtlichen Chorsynagoge beigetragen habe. Aber vielleicht war es nur ein Gerücht und er hat nichts getan. Es ist ja bekannt, dass Millionäre nur so tun, als seien sie Millionäre für die Menschen, aber in Wirklichkeit sind sie nur für sich selbst Millionäre. Jedenfalls sind sie keine Autorität. Man muss sich erinnern: Odessa – das ist das das kleine Paris, oder Paris – das große Odessa.

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Ich schreibe nicht über die Geschichte von Odessa. Ich schreibe über meine Geschichte mit Odessa, die sich über kurze Pausen durch mein ganzes Leben zieht. Die Pausen haben lange Zeit nichts verändert, denn Odessa blieb Odessa. Selbst die sowjetischen Behörden konnten nichts dagegen unternehmen und benannten die ‚Straße des 25. Oktober‘ wieder in Deribasowskaja um. Was hatte die Sowjetmacht dort? Die Deutschen und Rumänen, welche die Stadt besetzt hatten, blieben ebenfalls ohne Eindruck. Denn selbst Odessas Diebe und Banditen tauchten sofort unter und ruinierten den Okkupanten das Leben auf Schritt und Tritt.  Warum? Weil die Okkupanten Fremde waren, und von ihnen etwas zu stehlen, war selbst für die Diebe  unpatriotisch. Es käme niemandem in den Sinn zu sagen, dass die Diebe vor Ort nicht patriotisch waren. Sie waren Patrioten von Odessa, ebenso wie die ersten Hafenarbeiter und Fuhrleute, obwohl viele von ihnen aus Gewohnheit immer noch Italienisch, Französisch, Griechisch und sogar jüdisches Galut sprachen.

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Also  mein Odessa blieb Odessa. Weil es sich an seine Wurzeln erinnerte. Es erinnerte sich daran, wer es geboren und wer es gebaut hat. Es träumte von der Wiedererlangung des Status als Freihafen, den Alexander I. ihm im Mai 1817 verliehen hatte. Es betrachtete sich immer noch als dritte Hauptstadt des Russischen Reiches und als Zentrum der südrussischen Kultur, die Talente hervorbrachte. Und wenn man einen einheimischen Sänger oder, Gott bewahre, einen professionellen Humoristen fragt, der immer noch auf den Resten des früheren Odessaer Humors tanzt, warum er so klug und sogar eine Anspruch auf Talent hat, wird er die Augen zum Himmel erheben und höhere Mächte andeuten. Die Andeutungen sollten übrigens aber gar nicht auf diese zielen, weil sie es in diesem Fall gar nicht sind. Es geht um Katharina die Große, deren Denkmal kaum an seinen rechtmäßigen Platz zurückgegeben werden konnte, der viele Jahre lang von Matrosen besetzt war, die mit verdorbenem Fleisch des Schlachtschiffs „Potemkin“ vergiftet worden waren. Am 22. März 1764 wurde durch das Dekret der oben genannten Jekaterina der „Plan der Ansiedlung in der Noworossijsker Provinz“ angenommen. Nach diesem Plan, dem höchsten, wurde festgelegt, dass Noworossijsk von allen siedlungswilligen Volkes besiedelt werden sollte. Und die ließen sich dort nieder: Moskau, Kaluga und Tschernigow Altgläubige siedelten sich dort an, Olonez, Tula, Kostroma, Wladimir und Jaroslawls Schatzkammerbauern, Kleinrussen aus den Provinzen Kiew, Poltawa und Podolsk und der Königin treue Kosaken. Darüber hinaus zu beachten: Serben, Ungarn, Bulgaren, Moldawier, Polen, Deutsche, Armenier, Schweden, Korsen, Franzosen, Italiener und mindestens drei Arten von Juden: polnische Juden, Juden-Talmudisten und Karaiten, die allerdings nur zur Hälfte jüdisch sind.

Hundert Jahre später wurden in diesem Kessel, in dem Sprachen und Kulturen gründlich vermischt wurden, die ersten Genies hervorgebracht. Man muss gar nicht den höheren Kräften zunicken. Und man muss nicht raten, woher die Einzigartigkeit Odessas kommt. Sie entstand durch eine Mischung von Völkern, eine sehr merkwürdige Mischung, die alle Sprachen und Religionen bewahrte, aber etwas Neues und Unerwartetes schuf – Odessa – auf der Grundlage der russischen Sprache und der russischen Kultur. Und was soll ich Euch über all die Genies von Odessa erzählen, von Wladimir Schabotinski und Stoljarski bis zu Ilf und Schwanezkij? Ihr kennt sie bereits. Übrigens muss ich sagen, dass Schwanetskij, dem ein ganzer Boulevard am Meeresufer geschenkt wurde, nur glaubt, er sei ein Schriftsteller. In  seiner Art des Schreibens, im Stil und Denken reproduziert Zhvanetsky das ehemalige Odessa, nicht das heutige. heute. So kann er eher als Historiker betrachtet werden. So dachte man früher, als Odessa noch ein richtiges Odessa war. Es war immer sehr geschäftlich. Aber Es brachte immer Dichter und Musiker hervor.

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Im April 2013 haben wir in der ehemaligen italienischen und heutigen Puschkin-Straße eine Gedenktafel für Semjon Israilewich Lipkin eingeweiht – für den großen Dichter und Übersetzer, einen Soldaten, der aus dem Kessel von Stalingrad nach Deutschland kam. Ich persönlich hielt es als alter Bekannter Lipkins für meine Pflicht, alles dafür zu tun, dass diese Tafel angebracht wird. Und sie erschien dank der aktiven Hilfe von Menschen aus Odessa, Schenya Demenok, Walery Chait und Ewgeny Golubowsky. Aber, großer Gott, ich weiß jetzt gar nicht, ob ich es möchte, dass Lipkin t in Odessa jetzt eine solche Erinnerungstafel hat. Ich weiß es einfach nicht. Ich verstehe nicht einmal, warum die Denkmäler für Katharina die Große, Graf Woronzow und Puschkin in Odessa noch nicht abgerissen worden sind. Und Lipkin ist dann noch da. Wozu braucht Odessa noch diese Erinnerung? Immerhin sind Lipkin, Pozhenyan, Yewgeny Petrow, Yuri Lewitansky, der in Kiew geboren wurde, und viele andere – jetzt ja fast  Besatzer, denn sie befreiten ja sie die Ukraine vom Nazismus mit den Waffen in der Hand.

Lipkin hat Odessa sehr vermisst. Erstens wollte er unbedingt mit jemandem auf Jiddisch, in seiner Muttersprache, sprechen, aber es war unmöglich, solche Gesprächspartner in Moskau zu finden. Und zweitens hat er Odessa einfach immer vermisst. Sogar im Krieg.

 

Asche

Ich war kalte Asche.

Ohne Gedanke, ohne Blick, ohne Rede,

Aber ich nahm den Weg des Irdischen

aus dem Leib meiner Mutter, dem warmen.

Ohne das Leben schon zu begreifen.

Und ohne Trauer über den frühen Tod

lief ich zwischen bayerischen Kräutern.

Und verlassenen Baracken

Langsam im Zwielicht des Flusses.

„Volkswagen und Mercedes.

Und ich flüsterte: “ Ich wurde verbrannt.

Wie komme ich nach Odessa?“

 

Natürlich konnte ihm damals nicht in den Sinn kommen, dass Odessa auch verbrannt werden könnte. Dass einige Odessaner andere Odessaner lebendig verbrennen würden. Das hätte er  nicht überlebt.

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Übrigens, Tante Mana hatte eine sympathische Tochter, Inna. Und man beschloss, wenn es so weit wäre, sie mit einem, wie man damals sagte, guten Mann zu verheiraten, na ja, mit einem, der nicht trinkt, nicht raucht, damit alles, wie man sagt – im Haus ist. Ich ging auch zu dieser Hochzeit, weil meine Eltern eingeladen waren und ich nirgendwo hingehen konnte. Ich war zwölf Jahre alt, aber ich kann nicht sagen, dass die Hochzeitszeremonie einen bleibenden Eindruck auf mich gemacht hat. Naja, die Braut und der Bräutigam. Naja, die Hochzeit findet unter einem Planenzelt direkt im Hof statt. Naja, Gäste. Sie sprachen über einige langweilige Dinge, die ich nicht verstand, manchmal sang der Chor auf Russisch und Jiddisch. Es gab sogar ukrainische und moldauische Lieder. Es gab natürlich kein Orchester. Zu dieser Zeit war das Orchester ein beispielloser Luxus, und es war eindeutig nicht erschwinglich für Tante Mana, ebenso wenig wie für den „guten Mann“, der die Rolle des Bräutigams spielte.

Es gab kein Orchester. Doch zwischen den Tischen wanderte ein einsamer Akkordeonspieler umher, der im Auftrag der Gäste gegen eine kleine Gebühr spielte und sang. Aber dann sah ich diesen anderen Mann. Er saß auf der anderen Straßenseite und behängt mit Orden. Er hatte keine Augen. Da waren überhaupt keine Augen. Anstelle der Augen gab es zwei dünne Schnitte. Doch wie durch ein Wunder vergossen diese Tränen. Da waren keine Augen, und es flossen Tränen. Von Zeit zu Zeit rief er den Akkordeonspieler mit der unsicheren Geste des Blinden zu sich, drückte ihm eine keline Münze in die Hand und bestellte immer dasselbe Lied. Der Mann mit dem Akkordeon spielte und sang „Oh, Zigarette, Zigarette, Zigarette“. Und der blinde Mann weinte. Als das Lied zu Ende war, gab er dem Akkordeonspieler erneut Kleingeld und weinte erneut. Und so viele Male. Er gab sein letztes Geld, dieser blinde Mann, um zu weinen. Und um sich zu erinnern.

Aber in den letzten drei Jahrzehnten wurde in Odessa viel Geld ausgegeben, nur um alles vergessen zu lassen – vergessen zu lassen, wer es gegründet und wer es gebaut hat, und ganz allgemein, woher es kam. Und jetzt sind es nicht blinde Kriegsveteranen, sondern von Nationalisten geblendete Kinder und Erwachsene, die ganz andere Lieder hören.

* * *

In Odessa wurden zweimal Menschen verbrannt. Zum ersten Mal – im September 1941 in Lagerhallen an der Lustdorfer Straße. Die Deutschen trieben die ersten zehntausend Juden dorthin. Sie verbrannten sie. Zum zweiten Mal – am 2. Mai 2014 im Haus der Gewerkschaften auf dem Kulikowo-Feld, unterschiedslos, ohne die Nationalitäten zu kennen. Und Jungen und Mädchen halfen den Sadisten, indem sie Molotow-Cocktails in Flaschen schütteten und sie auf die bereits brennenden Menschen warfen.

Am 2. Mai 2014 verbrannte man in Odessa die Erinnerung. Der Geist der multinationalen Stadt wurde verbrannt. Man verbrannte das, was einst Odessa hieß.

* * *

Mein Gott! Was für ein wunderbarer Strudel, den meine Tante Mana zubereitet hat!

 

Jefim Berschin

Übersetzung: Kai Ehlers

zum russischen Original >>>

 

 

COMMENTS

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    Ivo Werner 5 Monaten

    Vielen Dank für den schönen Text. Einst sang ich in einem Chor jiddische Lieder und wir hatten und damals mit Galizien und den Ostjuden beschäftigt. Die schöne Erinnerung an die meist traurigen Lieder vom Schtetl – das schwingt gerade in mir. Scheen.

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