Annäherung an Chinas Traum von sich selbst

Annäherung an Chinas Traum von sich selbst

[von Kai Ehlers] Bericht zu einer notwendigen Debatte[1]

China rückt uns mit jedem Tag näher. Wofür steht China? Über China lässt sich sehr viel Unterschiedliches zusammentragen. Als Kern schält sich aber sehr schnell die bange Frage heraus, was da auf uns zukommt. Mit ‚uns‘ ist dabei jede/r einzelne und die Menschheit insgesamt angesprochen.  Geht das amerikanische Zeitalter seinem Ende entgegen und wie ginge das vor sich? Mit allmählichem Wechsel oder mit nochmaligem Aufbäumen der bisherigen „einzigen Weltmacht“? Mit stiller Expansion Chinas oder ausuferndem Kontrollanspruch von chinesischer Seite? Und welche Rolle spielt Russland in diesem Geschehen? Und schließlich Europa? Wird der europäische Entwicklungsweg in Richtung auf die Selbstbestimmung des Einzelnen durch die heutigen Umgruppierungen in Frage gestellt?

Einfache Antworten auf diese Fragen könnten sich aufdrängen, wenn man den politischen Verlautbarungen glaubt: Hier Joe Biden, der als neuer Präsident die Rückkehr zu einem „Amerika der Stärke“ gegenüber China und Russland ankündigt. Dort Xi Jinping, der den „Traum vom Sozialismus chinesischer Prägung“ weltweit verwirklichen möchte. Demokratie hier? Diktatur dort? Konfrontation? Und Russland sowie Europa irgendwie dazwischen?

Die kommenden Monate und Jahre werden zeigen,  wohin die Neuausrichtung der Politik treibt. Aber die Fragen sind nicht nur an die Politik zu richten. Was mit China heraufkommt, ist nicht nur ein ökonomischer, nicht nur ein politischer Konkurrent in einer sich machtpolitisch neu gruppierenden Weltordnung. Es ist das Wetterleuchten einer noch nicht klar erkennbaren, aber neuen Kultur des Sozialen, die sich am Horizont ankündigt. Und dieses Wetterleuchten ist nicht auf China begrenzt. Als „great reset“ erfasst es den ganzen Globus.

Was sich da gegenwärtig als Kontrollstaat chinesischer Prägung zeigt, ist zweifellos erschreckend und für den europäischen Geist inakzeptabel. Aber es reicht nicht, mit dem Finger auf ein autoritäres China zu zeigen. Wir müssen verstehen: der Kontrollstaat chinesischer Prägung ist Ergebnis der Vermischung traditioneller chinesischer und europäischer, letzteres heißt, liberaler, marxistischer und auch autoritärer Kultur.

Und wie wir für die europäische Kultur zwischen aufklärerischen, liberalen und autoritären Elementen differenzieren müssen, die in das eingegangen sind, was wir heute „Demokratie“ nennen, so muss auch für die gegenwärtige Kultur Chinas differenziert werden, was in sie eingegangen ist, um angstfrei und mit Antworten für die Zukunft mit der Frage umgehen zu können, was mit dem wachsenden China auf uns zukommt.

Ein krasses aktuelles Zeugnis für die gemischte Kultur des heutigen China bieten die Ausführungen Xi Jinpings, nachzulesen in dem von der Partei herausgegebenen Buch „China regieren“, das seine Reden aus den Jahren 2012 bis 2014 enthält. Wir greifen aus der Fülle der Reden zu allen Aspekten des gesellschaftlichen Lebens eine heraus, die Xi Jinping anlässlich des „12. Kollektiven Lernens  des Politbüros  des XVIII. ZK der KP-Chinas“ am 30. Dezember 2013 unter der Überschrift „Erhöhung der kulturellen Softpower“ gehalten hat.

Wenige Zitate sollen reichen, um deutlich zu machen, in welchen Widersprüchen sich die chinesische Führung zwischen ‚Parteisprech’, Tradition und Realität bewegt.

Die Rede beginnt mit dem Satz:

„Die Verwirklichung der Ziele ‚Zweimal hundert Jahre‘  und des chinesischen Traums  von der großen nationalen Renaissance  hängt entscheidend  von der Erhöhung  der kulturellen Soft Power des Landes ab. Es gilt, die fortgeschrittene sozialistische Kultur voll zur Entfaltung zu bringen, die Reform  des Kultursystems  zu vertiefen, die Entwicklung  und Prosperität  der sozialistischen Kultur  zu fördern und die Vitalität des kulturellen Schaffens  der ganzen Nation zu stärken. (…)“

Es folgen dann Vorstellungen, wie das geschehen soll. Einiges sei hier zitiert:

„Es gilt, die traditionellen Tugenden, von unseren Vorfahren  kultiviert und entwickelt, weiter zu pflegen und zu entfalten und an der Moralanschauung  des Marxismus  und Sozialismus festzuhalten. Man muss die Spreu vom Weizen trennen, Falsches ausmerzen und Richtiges bewahren. Auf dieser Basis wollen wir darauf beharren, Altes für die Gegenwart nutzbar zu machen und das neue  aus dem Alten entstehen zu lassen. (…)

Es gilt, all dies verstärkt zusammenzufassen und zu interpretieren, Plattformen für die Berichterstattung fürs Ausland zu erweitern und die Grundlage dafür zu festigen, damit sich die Wertvorstellungen vom gegenwärtigen China  wie ein roter Faden durch den internationalen Austausch und die internationale Kommunikation hindurchzieht. (…)

In dem mehr als 5000-jährigen  Entwicklungsprozess unserer Zivilisation  hat die chinesische Nation eine umfassende tiefschürfende  und glänzende Kultur geschaffen. Es gilt die grundlegendsten kulturellen Gene der chinesischen Nation der gegenwärtigen Kultur  und der modernen Gesellschaft anzupassen und zu verbreiten  auf eine Art und Weise, welche die Menschen gut anspricht und zum Mitmachen einlädt. (…)

Hierzu sollten wir die Ressourcen unserer traditionellen Kultur  systematisch sichten, um die Kulturgegenstände  in der verbotenen Stadt, das Erbe unseres ausgedehnten Territoriums und die in alten Büchern enthaltenen Schriften wieder mit Leben zu erfüllen. (…)

Es ist wichtig, das Image unseres Landes zu modellieren. Gezeichnet werden soll vor allem ein Bild eines großen Kulturlandes mit langer Geschichte; eines einheitlichen Vielvölkerstaates, in dem verschiedene Kulturen harmonisch zusammenleben; einer großen Macht in Asien  mit gerechter Politik, relativ entwickelter Wirtschaft, gedeihender Kultur, stabiler Gesellschaft, einer in Eintracht lebenden Bevölkerung und schönen Landschaften; eines großen verantwortungsbewussten Landes, das auf friedliche Entwicklung setzt, die gemeinsame Entwicklung fördert, die internationale  Gerechtigkeit und Fairness wahrt und Beiträge zur Menschheit leistet; und nicht zuletzt das Bild  eines großen sozialistischen Landes voller Sympathie, Hoffnungen und Vitalität, das sich zunehmend nach außen  öffnet. (…)

Zudem gilt es, noch mehr positiv über die hervorragende Kultur und ruhmvolle Geschichte der chinesischen Bevölkerung und Nation zu berichten. Durch Schul- und Hochschulbildung, theoretische Forschung , historische Studien, Filme und Fernsehprogramme, sowie literarische Werke, soll die chinesische Bevölkerung im Geiste des Patriotismus, Kollektivismus und Sozialismus erzogen werden, damit sie sich eine richtige Anschauung von Geschichte, Nation, Staat und Kultur zu eigen macht und ihre geistige Haltung und ihr Selbstvertrauen stärkt.“ Ende des Textes

Klar, dass diese Sätze den heftigsten Widerspruch provozieren: Parteiphrasen! DDR! Ulbricht! Honecker! Stalin! Mao-Bibel! Wo bleibt hier das Vorgehen der Partei gegen die Uiguren, gegen Tibet, gegen Falun Gong, wo die Niederschlagung der Demokratiebewegung Honkongs, die digitale Überwachung durch den Kontrollstaat u.a.m.

Klar aber auch, dass der Rückgriff auf die traditionellen kulturellen Werte Chinas durch die heutige chinesische Führung Ausdruck einer widersprüchlichen, differenzierten Entwicklung im Lande ist, in der sich traditionelle, maoistischer und heutige individualisierende Elemente einer sich rasant entwickelnden kapitalisierenden Gesellschaft einschließlich ihrer digitalisierten Konzentration zu dem verbinden, was in der offiziellen Sprache „Sozialismus mit chinesischem Gesicht“ heißt. Niemand kann aber von dieser Verbindung bisher sagen, wohin sie sich entwickelt und welcher Geist aus ihr hervorgeht.

Klar ist nur, um dies noch als letzte Klarheit hinzuzufügen, dass die Entwicklung der chinesischen Gesellschaft, die sich nach ihrer Erniedrigung durch die europäischen Kolonisten im 18. und 19. Jahrhundert jetzt auf ihre historische Größe besinnt, eine Kraft darstellt, deren Impulse die Welt, nicht zuletzt auch das Verhältnis des einzelnen Menschen zur Gemeinschaft, entscheidend verändern werden. Und dies nicht nur in China.

Da macht es Sinn sich den Geist genauer anzuschauen, aus dem sich dieser Impuls speist.

Kai Ehlers, www.kai-ehlers.de

[1] Die Debatte fand im „Forum integrierte Gesellschaft“ statt. Das Forum ist ein offener Gesprächskreis mit dem Ziel, kritische Menschen aus unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen und mit unterschiedlichen Weltsichten in lebensdienlichen Austausch zueinander zu bringen. Die Treffen finden seit mehreren Jahren  in lockerer, freundschaftlicher Atmosphäre statt. Dies war das 84. Treffen. Einsicht in die bisherigen: www.kai-ehlers.de

 

 

 

 

COMMENTS

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    Hildegard 2 Wochen

    Mir scheint pausibel,was der russische Analyst Pjakin vertritt,nämlich,daß sich der sogenannte Globale Prediktor aus der britisch-amerikanischen Sphäre nach China verlagert. Das bedeutet,daß die wirtschaftliche und digitale Macht, die alle Kultur begräbt, in Zukunft aus dem Osten wirksam wird. Sollten sich mehr Menschen als bisher an die Essenz ihres Menschseins erinnern, könnte der Prozess abgeschwächt werden.
    Zum Globalen Prediktor: Pjakin versteht darunter eine Herrschaftsschicht, welche die Steuerungsprozesse über den ganzen Erdball hin in der Hand hat. Sie tritt nur über ihre ausführenden Organe in Erscheinung.Ich erlaube mir, eine rein geistige Macht dahinter zu denken, die Selbige, die in jedem Einzelnen von uns die Hinwendung zum Guten und Wahren verhindern will.

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      Horst Beger 2 Wochen

      Die Freiheit des „Menschseins“ besteht in der Möglichkeit, sich für die eine oder andere „geistige Macht“ entscheiden zu können und danach zu handeln – auch für die Chinesen. Wenngleich das diesen auf Grund ihrer jahrtausende alten Kultur vielleicht schwerer fällt, denn das ist eine individuelle Entscheidung.

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    Mir fällt da als Erstes ein, eine andere Sprache ist Ausdruck einer anderen Denkweise, die in ihrer langen kulturgeschichtlichen Entwicklung seine Ursache hat. Sie aus ist unserer Sicht, selbst bei genauer Kenntnis von Aussagen, nur eingeschränkt möglich, denen schon die genaue Ortskenntnis fehlt und enden dann in besten Fall als Klischee. Ich schätzen den Autor sehr und lese viel von ihm. Für mich stellt sich eine andere Frage, weil sie für mich damit eng verbunden ist, und er spricht es ja auch an, wie stellen wir uns unsere weitere Entwicklung vor? Darauf gibt es nur halbgare Antworten in der westlichen Welt, die auf die Herausforderungen für uns und die Gesamtbevölkerung keine Antwort geben. Eine Abkehr von allen bösen Energieträgern und nur eins Bespiel ins Feld zu führen, ohne eine wirkliche zukunftsweisende Richtung aufzuzeigen wird einen weiteren Vormarsch anderer „Alternativen“ egal welchen kulturellen Ursprung sie haben, nicht aufhalten können, auch wenn er in bestimmten Dingen nicht unseren Wertvorstellungen entspricht. Es ist schön zu beleuchten, was in China gedacht wird und was sich entwickelt. Es hat nur soweit etwas mit uns zu tun, das wir dem nichts entgegnen können und das schürt die Angst die wir medial erleben.
    China steht vor der gleichen Herausforderung. Welche Traditionen sind es wert erhalten zu werden und wer entscheidet darüber. Ist der Regierungsapparat ein Selbstverwaltungsorgan der hiesigen Bevölkerung oder ein Machtapparat zu Durchsetzen von privilegierten Interessen? Sicher wird ist jeder Staat immer beides, aber in welche Richtung wird sich die Waage in den nächsten Jahren neigen. Das ist sicherlich die wichtigere Frage.

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    Walter Finger 2 Wochen

    „Klar, dass diese Sätze den heftigsten Widerspruch provozieren: Parteiphrasen! DDR! Ulbricht! Honecker! Stalin! Mao-Bibel! Wo bleibt hier das Vorgehen der Partei gegen die Uiguren, gegen Tibet, gegen Falun Gong, wo die Niederschlagung der Demokratiebewegung Honkongs, die digitale Überwachung durch den Kontrollstaat u.a.m.“
    Was Sie hier äußern kann ich nur als Schwachsinn bezeichnen
    Da schießen sie wohl übers Ziel gewaltig hinaus was den sog. Widerspruch betrifft…
    Was sie hier von sich geben ist wohl unterste westdeutsche sog. Demokratie-Phrase. Wo die hinführt sehen wir am eigen Leib….
    Wohin es geht bei dem Milliarden Volk in der Steigerung des Wohlstandes und der Eliminierung der Volks-Armut ist wohl mehr als deutlich.
    Demokratiebewegung Honkong z.B… da kann ich nur den Kopf schütteln was sie hier anbringen…was ist das für eine Demokratiebewegung die mit Mord, Vergewaltigung, brutalen Überfällen und Anbetung der usppa und der ehemaligen Kolonialmacht vor sich geht…zu keinem Zeitpunkt der britischen Kolonialmacht gab es in Honkong Demokratie….zu den anderen Tatsachen könnte ich auch noch etwas sagen aber das wird zu umfangreich.
    Die Chinesen haben Ordnung in ihrem System und konkrete strategische Vorstellungen von der Zukunft. Und das ist gut so…Das nächste was sich ergeben wird ist ein neuer Freundschaftsvertrag mit der RF, da der alte abläuft. China hat der RF einen Militärpakt angeboten der auch umgesetzt wird.
    Dabei wird es aber nicht bleiben.
    Da wird mir warm ums Herz. Damit wird der Weltfrieden und die Sicherheit beim weiteren Aufbau des chinesischen Systems und die Unterstützung Russlands gegen die elendigen Sanktionen des Westen eine neue Qualität erreichen.
    Sie enttäuschen mich aber gewaltig.

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    Doris 2 Wochen

    Was mir Angst macht, dass sind die deutschen und amerikanischen Kriegstreiber. Im Bundestag wird offen zum Kampf gegen Russland aufgerufen.
    Geschichte scheint sich zu wiederholen.

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