„Keine echten Unterstützer“: russischer Orientexperte über die Beziehungen zwischen Russland und dem Nahen OstenRuslan Suleymanov

„Keine echten Unterstützer“: russischer Orientexperte über die Beziehungen zwischen Russland und dem Nahen Osten

Im Westen wird Putin als Paria dargestellt, während der Kreml alles tut, um zu demonstrieren, dass es keine internationale Isolierung Moskaus gibt, vor allem, weil Russland gute Beziehungen sowohl zu Israel als auch zu vielen arabischen Ländern unterhält. Was hat der neue blutige Konflikt zwischen Israel und Palästina daran geändert? Wird Russland seine Position sogar stärken können? Der russische Orient-Experte Ruslan Suleymanov stellt allerdings fest, dass es keine Länder gibt, die man als uneingeschränkte Verbündeten Russlands bieten. Weder im Nahen Osten, noch in anderen Teilen der Welt.

Herr Suleymanov, wie würden Sie die Haltung Russlands gegenüber der neuen Eskalation des israelisch-palästinensischen Konflikts beschreiben? Es ist klar, dass für Tel-Aviv unter diesen Umständen der Krieg in der Ukraine keine Priorität darstellt, aber hofft Russland immer noch, Israel als Verbündeten zu gewinnen? Putin und die israelische Führung haben seit Jahren ausgezeichneteBeziehungen.

Ruslan Suleymanov: Es sei daran erinnert, dass Moskau enge Kontakte zu allen palästinensischen Gruppierungen, einschließlich der radikalen Hamas, unterhält. Dies war Israel schon immer ein Dorn im Auge. Und nachdem Berichte aufgetaucht waren, dass Israel Luftabwehrsysteme des Typs Iron Dome an die Ukraine liefern würde, hat Moskau die Kontakte zur Hamas deutlich intensiviert. In den letzten anderthalb Jahren haben führende Vertreter der Bewegung die russische Hauptstadt oft besucht und dort unmissverständlich ihre Unterstützung für die russische Invasion in der Ukraine bekundet.

Ich bin weit davon entfernt zu glauben, dass Russland, ebenso wie der Iran, großen Einfluss auf die Hamas hat. Aber der Beginn einer massiven Attacke auf Israel am Tag von Putins Geburtstag erscheint mir nicht zufällig.

In den letzten Jahren hat der Kreml nie zwischen Israel und den palästinensischen Radikalen vermittelt. Diese Rolle wurde stets von Ägypten übernommen. Jetzt, vor dem Hintergrund der Abkühlung der Beziehungen zwischen Moskau und Tel Aviv – man erinnere sich nur an Lawrows unbeholfene Äußerungen über Hitlers jüdische Wurzeln, die zu einem diplomatischen Skandal führten – hat sich Russland noch weiter von der Nahost-Friedenslösung entfernt.

Und Putins jüngste antisemitische Ausbrüche über Selenski und die jüdische Herkunft einiger russischer Geschäftsleute haben die russische öffentliche Meinung und die staatliche Propaganda fast zu Gunsten einer Unterstützung Palästinas und einer Verurteilung Israels kippen lassen.

Hat Russland also keine Sympathisanten im Nahen Osten?

Ruslan Suleymanov: Ich würde sagen, dass niemand Putin richtig unterstützt, außer vielleicht anderen Paria-Staaten wie Syrien oder Nordkorea. Und doch ist die Realität wesentlich komplexer. Nehmen wir zum Beispiel den Iran, der Drohnen nach Russland liefert. Dort wirft man Russland vor, die Partei für die Vereinigten Arabischen Emirate in einem territorialen Konflikt zwischen Teheran und Abu Dhabi ergriffen zu haben. Das hat zu Spannungen, ja zu einem regelrechten Skandal geführt, die immer noch anhalten. Auf der anderen Seite muss man sagen, dass es auch keine klare Unterstützung für die Ukraine gibt, da viele Länder im Nahen Osten wirtschaftlich von Russland abhängig sind. Ägypten, zum Beispiel, bezog vor dem Ausbruch des Krieges 80 Prozent seines Weizens und Sonnenblumenöls aus Russland und der Ukraine. Das macht es für Ägypten schwierig, eine eindeutige Position einzunehmen. Daher tendieren viele Länder zu einem ausgewogenen Ansatz und rufen sozusagen „pauschal“ dazu auf, „das Gute zu unterstützen und das Böse zu verurteilen“.

Warum konnten die BRICS-Staaten auf ihrem letzten Gipfel keine klare Position gegenüber Russland entwickeln?

Ruslan Suleymanov: Die BRICS-Staaten sind äußerst vielfältig und haben ihre eigenen internen Widersprüche. Nehmen Sie zum Beispiel China und Indien, zwischen denen immer wieder Grenzkonflikte ausbrechen. Es ist eine regelrechte Herausforderung, eine einheitliche Position zwischen Südafrika, Brasilien und China zu erarbeiten. BRICS ist eher ein „Interessenclub“, der versucht, wirtschaftliche Probleme zu lösen, aber keine Koalition zur uneingeschränkten Unterstützung Russlands. Selbst von China, das Russland am nächsten steht, hören wir keine Erklärungen im Sinne der Kreml-Rhetorik. Im Gegensatz zur EU gibt es in der BRICS-Gemeinschaft keine festgelegten Mechanismen für die Abstimmung einer gemeinsamen Außenpolitik. Jedes BRICS-Land gestaltet seine Beziehungen zum Westen oder zu Russland auf seine eigene Weise.

Wie sieht es in der arabischen Welt aus? Gibt es hier eine gemeinsame Haltung zum Krieg in der Ukraine?

Ruslan Suleymanov: Formal gesehen besteht die arabische Welt aus 22 Ländern, die die Arabische Liga bilden. Die Liga ist aber bloß eine formale Struktur, die wenig Einfluss auf internationale Angelegenheiten hat und hauptsächlich allgemeine Erklärungen abgibt. Gleich zu Beginn des Krieges verabschiedete die Liga ein Statement, in dem sie auf die „besondere Situation“ in der Ukraine hinwies und zur friedlichen Lösung aufrief. Auch hier kann es keine einheitliche Position geben, denn es gibt eine Vielzahl von Widersprüchen und Differenzen zwischen arabischen Staaten. Zum Beispiel haben Algerien und Marokko ihre diplomatischen Beziehungen abgebrochen. Syrien hat aufgrund seiner Abhängigkeit von Russland die sogenannten Volksrepubliken DNR und LNR anerkannt, während Kuwait zu den Initiatoren der UN-Resolution gehörte, die die russische Invasion in die Ukraine verurteilte.

Gleichzeitig versuchen die Länder des Persischen Golfs zu lavieren …

Ruslan Suleymanov: … und sogar eine Vermittlerrolle zu übernehmen. Das stimmt. Beamte aus Katar und Saudi-Arabien reisen regelmäßig nach Moskau und Kiew, und Saudi-Arabien war letztes Jahr Vermittler bei einem Gefangenenaustausch.

Kürzlich fanden Sicherheitskonsultationen zwischen Russland und Oman statt, an denen der russische Sicherheitsratssekretär Nikolai Patruschew teilnahm. Ist das ein Pluspunkt für Russland?

Ruslan Suleymanov: Bisher haben diese Gespräche keine konkreten Ergebnisse gebracht. Im Gegenteil, die arabischen Länder nutzen die Schwäche des Kremls aus und verhalten sich gegenüber Russland immer selbstbewusster. Im Mai fand ein Gipfeltreffen der Arabischen Liga statt, bei dem überraschend Wladimir Selenski auftrat. Nach den Ereignissen in Syrien gewann Russland wieder am politischen Gewicht und wurde zu einem starken Akteur in dieser Region. Aber nach dem Einmarsch in die Ukraine hat Russland seine Schwäche gezeigt. Jetzt unterstützt Saudi-Arabien offen die Ukraine, indem es Geld zur Verfügung stellt, und der Kreml reagiert nicht darauf. Und Saudi-Arabien unterstützt die Ukraine offen, indem es finanzielle Mittel bereitstellt, auch ohne jegliche Reaktion seitens Kremls.

Wie bewerten Sie das die Rolle der Türkei?  Erdogan scheint, wie es die Russen nennen „zwischen den Regentropfen“ zu laufen.

Ruslan Suleymanov: Wenn man die wirtschaftlichen Kennzahlen betrachtet, sieht man, dass Erdogan meisterhaft in der Lage ist, wie es die Russen so treffend ausdrücken, „zwischen den Regentropfen zu tanzen“: Ankara lotet die roten Linien des Kremls aus. Im vergangenen Jahr ist der Handelsumsatz zwischen Ankara und Moskau um bemerkenswerte 80 Prozent gestiegen. Andererseits weiß Erdogan ganz genau, dass der Kreml nicht in der Lage ist, angemessen auf die offenkundig pro-ukrainischen Gesten der Türkei, wie zum Beispiel die Freilassung der von Russland gehassten Asow-Kommandeure, zu reagieren. Im Juli erklärte Erdogan zudem, die Ukraine sei einer Nato-Mitgliedschaft würdig. Dies geschah unmittelbar nach dem Aufstand von Prigoschin. Aber der türkische Präsident steht auch in Putins Schuld. Vor der Wahl unterstützte Russland Erdogan ganz offen, indem es der Türkei 20 Milliarden Dollar für den Bau eines Kernkraftwerks zur Verfügung stellte. Damit hat Kreml im Grunde die Wahl Erdogans gesponsert. Wie man in der Türkei selbst sagt, legt der Kreml alle Eier in einen Korb. Erdogan erlaubt sich zwar „unfreundliche Schritte“, überschreitet jedoch nie die Grenzen. Er möchte sich dem Westen als der einzige Politiker präsentieren, der sowohl mit Putin als auch mit Selenski kommunizieren und die Rolle eines potenziellen Vermittlers übernehmen kann.

Sie sagten, dass abgesehen von Nordkorea und Syrien, Russland kaum Unterstützung erfährt. Könnte man auch Afghanistan als Beispiel anführen? Immerhin besuchte eine Delegation der Taliban unter der Leitung von Außenminister Amir Khan Mottaki Ende September Moskau. Deutet dies auf eine mögliche politische Allianz hin?

Ruslan Suleymanov: Es ist nicht das erste Mal, dass die Taliban zum so genannten Moskauer Format nach Russland kommen, das Konsultationen über Afghanistan mit Sondervertretern von sechs Ländern der Region ermöglicht. Für die Taliban ist es von großer Bedeutung zu demonstrieren, dass sie irgendwo eingeladen werden, und die lokalen Medien stellen dies als etwas Wichtiges dar. Auch für das politische Ansehen des Kremls ist es wichtig, zu zeigen, dass Moskau nicht international isoliert ist. Vielleicht ist das der einzige Zweck dieser Formate. Doch Russland kann Afghanistan wenig Substantielles anbieten, da es dort über keine nennenswerte wirtschaftliche Präsenz verfügt. Im Gegensatz zu China, wohl gemerkt. Der russische Exportanteil in Afghanistan beträgt lediglich vier Prozent. Das ist mit chinesischen oder pakistanischen Exporten nicht zu vergleichen. Anderseits betrachtet Russland Afghanistan als eine alternative wirtschaftliche Transitroute, obwohl dort immer noch eine terroristische Bedrohung besteht. Es ist wichtig zu beachten, dass Russland die Taliban weiterhin als terroristische Organisation einstuft. Übrigens hat die afghanische Regierung keine einzige offizielle Erklärung abgegeben, dass sie Russland im Krieg gegen die Ukraine unterstützt.

Um Anhänger in Afrika zu gewinnen, setzt Putin auf eine anti-koloniale Rhetorik. Hat seine Taktik Erfolg? 

Ruslan Suleymanov: Bedenken Sie nur eins: Nicht alle afrikanischen Staats- und Regierungschefs sind der Einladung zum Afrika-Gipfel gefolgt, den der Kreml im Juli dieses Jahres pompös in St. Petersburg veranstaltet hat. China hat seine Präsenz auf dem afrikanischen Kontinent längst erheblich verstärkt. Und was kann Russland in wirtschaftlicher Hinsicht den Afrikanern bieten? Die Ausnahmen sind Länder, in denen es eine Reihe von Militärputschen gegeben hat. So setzt man in der Zentralafrikanischen Republik oder in Burkino Faso große Hoffnungen in die russischen Söldnerarmeen, wie die Wagner-Gruppe, unabhängig davon, ob diese Einheiten dem russischen Verteidigungsministerium unterstellt sind oder nicht. Auch im Osten Libyens, wo der Milizenführer Haftar die Macht für sich beansprucht, sind russische Söldner-Trupps präsent. In Anbetracht all dieser Faktoren ist es schwer vorherzusagen, wie nachhaltig Putins Taktik in Afrika bzw. wie groß der langfristige Einfluss Russlands auf diesem Kontinent sein wird. Auf jeden Fall hat Russland nicht die Absicht, den Kampf um Einfluss in Afrika aufzugeben.

Das Interview führte Daria Boll-Palievskaya

Ruslan Suleymanov ist ein russischer Journalist, Orientalist und ehemaliger Korrespondent der russischen Nachrichtenagentur TASS in Kairo. Nach dem Beginn des Krieges hat er gekündigt, Russland verlassen und lebt derzeit in Aserbaidschan.

COMMENTS

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    Horst Beger 6 Monaten

    Es ist richtig, „Russland hat keine echten Unterstützer“. Das hat der Journalist und Experte für den Nahen Osten und Islam Peter Scholl-Latour schon in seinem Buch „Russland im Zangengriff zwischen NATO, China und Islam“ von 2006 beschrieben. Im „Territorialkonflikt“ um die Ukraine und die Krim verstand er die Außenpolitik der russischen Föderation als defensive Strategie. Und er betrachtete nicht Russland als expansionistisch, sondern den Westen und die USA. Nicht eingegangen ist Scholl-Latour auf den über ein Jahrtausend alten Kulturkampf des westlichen(römischen) Christentums gegen das östliche(russische) Christentum, wie der amerikanische Politologe Samuel Huntington das in seinem Buch „Kampf der Kulturen“ von 1996 aufgezeigt hat, ohne auf den substanziellen Unterschied einzugehen. Darin weist er darauf hin, dass diese Kulturgrenze auch die Ukraine in eine vom russischen Christentum geprägte Ostukraine und eine vom römischen Christentum beeinflusste Westukraine teilt, also ganz aktuell ist. Russland hat diesen Stellvertreterkrieg als Verteidigung der „Russischen Welt“ gegen den „Antichristen des Westens“ bezeichnet. Dies ist für den antichristlichen und materialistischen Westen natürlich unverständlich und wird entsprechend zurückgewiesen.

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      Horst Beger 6 Monaten

      PS
      Russland hatte nach dem Zerfall der Sowjetunion auf ein „Europa von Lissabon bis Wladiwostok“ gehofft (Michail Gorbatschow). Dies wurde von Ausnahmen abgesehen von Deutschland und der NATO zurückgewiesen und die NATO immer weiter nach Osten ausgedehnt, was letztlich zu dem Stellvertreterkrieg in der Ukraine geführt hat. Dabei hätte Deutschland eine gewisse Brückenfunktion zwischen Europa und Russland einnehmen können, und die Ukrainefrage hätte sich möglicherweise so nicht gestellt. Dass dies nicht gewollt und möglich war, ist für beide Seiten eine gewisse Tragik.

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