Landschaft nach der Schlacht – oder: Armeniens düstere ZukunftMassaker an den Armeniern 1894–1896

Landschaft nach der Schlacht – oder: Armeniens düstere Zukunft

[von Leo Ensel] Der aktuell wieder dramatisch entflammte Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern im Gazastreifen wirft einen langen Schatten auf den Rest der Welt. Im Windschatten der durch andere Krisen und Konflikte abgelenkten Weltöffentlichkeit hat Aserbaidschans Diktator Alijew schon mehrfach erfolgreich gegen die Armenier operiert. Er könnte es nach der Einverleibung Berg-Karabachs bald schon wieder versuchen. Dieses Mal gegen die Republik Armenien.

Der über dreißigjährige Krieg um Berg-Karabach (armenisch: Arzach) ist entschieden. Nach der Eroberung durch Aserbaidschan leben so gut wie keine Armenier mehr in dieser Region. Erstmals seit drei Jahrtausenden. – Aber Ilham Alijews Hunger scheint immer noch nicht gestillt.

Für die meisten Menschen in Europa sind Armenien und Berg-Karabach weiße Flecken auf der Landkarte. Daher hier ein Überblick über die Hintergründe des Konfliktes und ein Ausblick auf die noch lange nicht beendete Bedrohung der Armenier durch die verbündeten beiden Despoten im Osten und Westen des Landes.

Armenien …

Armenien im Südkaukasus. Zweitkleinstes Land aus der Zerfallsmasse der Sowjetunion. Mit einem der ältesten Völker der Welt, das bereits die Hochkultur Mesopotamiens mitprägte. Dass es auch das erste christliche Volk auf der Welt ist, im Jahre 303 christianisiert durch Grigor den Erleuchter, hat ihm außer einigen folgenlosen Sympathiebekundungen der westlichen Welt nie etwas geholfen.

Dieses Land – mittlerweile auf einen Bruchteil seiner größten Ausdehnung geschrumpft, das Volk auf verschiedene Länder der Region, nein: über die ganze Welt verstreut – geriet im Laufe von zweieinhalb Jahrtausenden immer wieder zwischen die Mühlsteine benachbarter Großmächte mit imperialen Ambitionen: Parther, Römer, Byzantiner, Perser, Osmanen und Russen – alle hielten sie sich schadhaft an dieser Region, an diesem Land, an diesem Volk. Geographie ist Schicksal.

Und immer wieder wurde dieses Volk Opfer blutigster Pogrome, Massaker bis hin zu einem Genozid, den sich später Hitler zum Vorbild für die Ermordung der europäischen Juden nahm. Im Osmanischen Reich wurden bereits zwischen 1894 und 1896 bis zu 300.000 Westarmenier ermordet, bevor 1915/16 das „Komitee für Einheit und Fortschritt“ (İttihat) der sogenannten Jungtürken im Schatten des I. Weltkriegs einen bis heute von der Türkei nicht anerkannten Völkermord an der armenischen Bevölkerung verübte, dem bis zu anderthalb Millionen Armenier zum Opfer fielen. Die Mehrheit von ihnen wurde auf hunderte Kilometer langen Todesmärschen buchstäblich in die mesopotamische Wüste getrieben, wo sie jämmerlich zugrunde gingen. Große Diasporagemeinden der Überlebenden gibt es seitdem in Russland, den USA und Südamerika, in Westeuropa vor allem in Frankreich. Von den rund zehn Millionen ethnischen Armeniern leben heute mehr als zwei Drittel im Ausland.

Der Genozid und dessen Leugnung bis auf den heutigen Tag durch die Nachfahren der Täter sind seitdem das Trauma aller Armenier, wo auch immer auf der Welt sie leben, und es gibt keine armenische Familie, die nicht Opfer zu beklagen hätte.

… und Berg-Karabach

Berg-Karabach (armenisch: Arzach), die Region südöstlich der heutigen Republik Armenien, ungefähr von der doppelten Größe des Saarlands, seit drei Jahrtausenden überwiegend von Armeniern bewohnt und mit seinen zahlreichen uralten Kirchen und Klöstern, die bis ins 4. Jahrhundert n.Chr. zurückreichen, kulturell geprägt, ist für die Armenier als eine ihrer Ursprungsregionen emotional hochbesetzt. Sie war Anfang des 19. Jahrhunderts unter die Herrschaft des russischen Zaren gefallen, der sie allerdings nicht dem seit 1828 unter seiner Macht befindlichen Ostarmenien, dem „Gouvernement Eriwan“ – geographisch in weiten Teilen identisch mit der heutigen Republik Armenien –, sondern, die kaukasischen Ethnien gegeneinander ausspielend, dem mehrheitlich von Aseris bewohnten Gouvernement Jelisawetpol (heute: Gandscha) anschloss.

Nach der Oktoberrevolution setzte der Vorsitzende des „Transkaukasischen Komitees“, Josif Stalin, die Politik des „Teile und herrsche!“ fort und schlug im Sommer 1921 das damals zu 95% von Armeniern bewohnte Gebiet gegen den erklärten Willen der lokalen Bevölkerung als „Autonomen Oblast“ der Sowjetrepublik Aserbaidschan zu. Baku vernachlässigte in den Folgejahrzehnten die Region ökonomisch, während es zugleich durch eine gezielte aserische Ansiedlungspolitik den Anteil der Armenier bis Ende der Achtziger Jahre auf 80% senkte.

Der über dreißigjährige Konflikt

Als am 20. Februar 1988 die „Autonome Region Berg-Karabach“ die Abspaltung von der Sowjetrepublik Aserbaidschan und die Vereinigung mit der Sowjetrepublik Armenien forderte, kam es in mehreren aserbaidschanischen Städten zu blutigen antiarmenischen Pogromen, bei denen hunderte Armenier massakriert wurden. Die Logik der wechselseitigen ‚ethnischen Säuberungen‘ kam in Gang: 300.000 Armenier flohen in der Folgezeit aus Aserbaidschan ins benachbarte Armenien und andere Sowjetrepubliken und 200.000 in Armenien lebende Aseris nach Aserbaidschan. Kampfhandlungen zwischen bewaffneten Einheiten Aserbaidschans und Armeniern konnten von der Moskauer Zentrale nur zeitweise eindämmt werden, und Anfang Dezember 1991 spaltete sich die Region Berg-Karabach in Übereinstimmung mit dem damals geltenden sowjetischen Recht von Aserbaidschan ab und erklärte sich zur autonomen Sowjetrepublik innerhalb der damals noch existierenden UdSSR. (Dass die Sowjetunion Ende 1991 anhand der Grenzen ihrer Unionsrepubliken zerfiel, die ihrerseits jedoch zum Teil willkürlich gezogen worden waren, ist ein Grund für die blutigen Auseinandersetzungen, nicht nur um Karabach/Arzach, für die gerne auch zynisch das Völkerrecht in Anspruch genommen wird.)

Den folgenden Krieg mit Zehntausenden Toten zwischen den nun unabhängig gewordenen Republiken Armenien und Aserbaidschan um Arzach gewann 1994 Armenien, das nach einem durch Russland vermittelten Waffenstillstand zudem sieben aserbaidschanische Anrainerregionen (nach offiziellen Angaben: aus militärischen Gründen) widerrechtlich okkupierte und die lokale Bevölkerung – um die 550.000 Menschen, die anschließend jahrzehntelang in Flüchtlingscamps vegetierten – nach Aserbaidschan vertrieb.

Nach über zweieinhalb Jahrzehnten ergebnisloser Verhandlungen im Rahmen der „Minsker Gruppe“ schaffte Alijew durch seine brutalen Überfälle im Herbst 2020 und nun drei Jahre später Fakten: Erstmals seit drei Jahrtausenden leben in Arzach so gut wie keine Armenier mehr. Und es ist zu befürchten, dass nun – wie bereits in Ostanatolien und Nachitschewan – der „kulturelle Genozid“ beginnt: Die systematische Zerstörung der zahlreichen armenischen Klöster, Kirchen, Kreuzsteine und Friedhöfe.

Angriff auf die Republik Armenien?

Aber das Ende der Armenier in Karabach könnte sich erst als Beginn einer noch viel größeren Katastrophe erweisen: Alijews engster Verbündeter, Recep Tayyip Erdoğan, betrachtet das turkstämmige Aserbaidschan als Brudervolk – „eine Nation, zwei Staaten“ – und Brücke zur Realisierung weit ausgreifender neoosmani­scher Träume: ein pantürkisches Reich „von der Adria bis zur chinesischen Mauer“! Träume, denen das christliche Armenien schon immer geographisch im Wege stand.

Als ersten Schritt verlangen beide Brüder im Geiste immer vehementer von Jerewan die Öffnung einer Landverbindung zwischen der westlich von Armenien befindlichen aserbaidschanischen Exklave Nachitschewan und Aserbaidschan. Eine Landverbindung über das Terrain der Republik Armenien, parallel zur armenisch-iranischen Grenze: der von Alijew so genannte „Sangesur-Korridor“. Damit wäre, da Nachitschewan im Nordwesten eine 17 Kilometer schmale Grenze zur Türkei aufweist, Erdoğans erstes Etappenziel, eine Landverbindung zum Kaspischen Meer, realisiert.

Im durch die Aufnahme von mehr als 100.000 Karabach-Flüchtlingen völlig in Beschlag genommenen Armenien überschlagen sich die gerade Gerüchte. Sie reichen von Regime Change-Absichten Putins gegen den ihm verhassten westlich orientierten Ministerpräsidenten Nikol Paschinjan bis zur Annektion des gesamten Landes durch Russland.

Eine Realisierung des geforderten Korridors quer durch die südarmenische Provinz Sjunik, könnte zudem den Iran auf den Plan rufen, der nicht nur um seine Handelsroute Richtung Kaukasus fürchtet, sondern auch wegen möglicher separatistischer Tendenzen unter der aserbaidschanischen Minderheit im Nordosten des Landes besorgt ist. „Die uralte Rivalität zwischen dem Iran und der Türkei“, so die Kaukasus-Expertin Amalia van Gent, „könnte einmal mehr einen Flächenband auslösen, der nicht nur den Südkaukasus, Iran und die Türkei betreffen würde, sondern auch Israel, das sich Aserbaidschans strategischer Alliierte nennt, und womöglich sogar Indien, das mit dem Iran paktiert.“

Der designierte Botschafter Armeniens bei der EU, Tigran Balayan, warnte am 6. Oktober vehement vor einer Invasion Aserbaidschans auf armenisches Terrain „innerhalb weniger Wochen“. Auf die Kapitulation Berg-Karabachs werde ein Angriff auf Armenien selbst folgen. Dieses Schreckensszenario ist durchaus nicht aus der Luft gegriffen. Ilham Alijew jedenfalls hat mehrfach unmissverständlich erklärt, dass er es nicht nur auf die von ihm „Westaserbaidschan“ genannten südarmenischen Provinzen Sjunik und Wajoz Dsor, sondern auch auf die Hauptstadt Jerewan abgesehen hat.

Man sollte ihn bitter ernst nehmen!

COMMENTS

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    Bernd Murawski 4 Monaten

    Die Sympathien des Autors für Armenien sind nicht zu übersehen. Sie erklären sich wohl aus dem Jahrhunderte währenden Leiden seiner Bewohner, begründet u.a. durch die Geografie, wie er konstatiert. Auch dürfte der kulturelle Hintergrund angesichts des christlichen Ursprungs wie auch die Nähe des Landes zum westlichen Wertesystem – zumindest im Vergleich mit Aserbaidschan – seinen Blick vernebelt haben. Nur so ist zu erklären, dass dem Autor der Tatbestand, dass über eine halbe Million Aseris geflohen waren und Jahrzehnte in Flüchtlingscamps lebten, nachdem Armenien weitere Regionen in Besitz nahm, gerade einen Nebensatz wert ist.

    Als Wladimir Putin nach seiner Beurteilung der Lage gefragt wurde, hat er auf zwei Aspekte verwiesen, die im Artikel völlig ausgeklammert bleiben. Zum einen, dass die armenische Regierung russische Schlichtungsbemühungen zurückwies, wobei sie explizit erklärt hätte, den Konflikt mit kriegerischen Mitteln entscheiden zu wollen. Zum anderen, weil sie in Prag vor etwa einem Jahr – offenbar auf Empfehlung von EU-Vertretern – ihre Position, für die Zukunft Bergkarabachs eine politische Lösung zu suchen, zugunsten der Anerkennung der Region als Teil Aserbaidschans aufgegeben hat. Dadurch wurde der aserischen Führung der Anlass gegeben, den Latschin-Korridor zu sperren, um die Milizen Bergkarabachs zur Aufgabe zu zwingen. Die humanitären Folgen fanden viel Publizität im Ausland, im Westen gespickt mit Vorwürfen an die russischen Friedenskräfte, ohne zu erwähnen, dass deren Handlungsspielraum vertraglich beschränkt war.

    Zumindest wäre ein Hinweis des Autors darauf angebracht, dass die starrköpfige Haltung der armenischen Führung, ihr fehlender Realismus angesichts des militärischen Kräfteverhältnisses und ihr Vertrauen in westliche Ratschläge für die aktuelle Katastrophe ausschlaggebend waren.

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