Russische Ukraine-PolitikSchneider, Dr. Lic. Eberhard © Schneider

Russische Ukraine-Politik

In Moskau wird offensichtlich intern die eigene Ukraine-Politik diskutiert. Auf der einen Seite steht die bisherige Position, die Dmitrij Trenin, Oberst a.D. der sowjetischen Streitkräfte und Direktor der Denkfabrik Carnegie Moskau mit guten Kreml-Verbindungen, folgendermaßen zusammenfasste[1]:

  1. Die Ukraine ist Teil des historischen Kerns des russischen Staates und ihre Hauptstadt Kiew die „Mutter der russischen Städte“.
  2. Russen und Ukrainer sind ein Volk, das aufgrund der antirussischen Politik der Kiewer Behörden gespalten wurde.
  3. Die Ukraine nimmt eine äußerst wichtige strategische Position zwischen Russland und den NATO-Ländern ein.
  4. Die Ukraine hat ein starkes demografisches, wirtschaftliches und kulturelles Potential, das in Kombination mit dem russischen dazu beitragen kann, dass Russland zu einem Weltmachtzentrum werden kann.

Trenin schließt diese Aufzählung ab: „Inzwischen sind alle diese Argumente unhaltbar.“ Er begründet das folgendermaßen:

  1. Die Russische Föderation sei ein vollwertiges Russland, das keine weitere territoriale Expansion benötige, insbesondere durch die Ukraine. Russland sei lange vor der Unterstellung der Ukraine durch den Kosaken Bogdan Chmelnyzkyj unter die Hoheit des russischen Zaren Alexej Michajlowitsch 1654 zu einer Macht geworden. Diese „Wiedervereinigung“ habe wenig Einfluss auf die internationale Position des Russischen Reiches gehabt. Russlands „einzigartige stabile geopolitische Position“ sei das Ergebnis der Entwicklung Sibiriens und des Zugangs zum Pazifischen Ozean. Nowgorod gelte zu Recht als Wiege der russischen Staatlichkeit und als Ort, von dem die erste herrschende Dynastie stamme.
  2. Die Bevölkerung der Ukraine sei kulturell und religiös heterogen. Die Menschen in Teilen der Ukraine wie in Galizien mit Wolhynien und im Donbass mit Noworossija bekennen sich zu unterschiedlichen, manchmal zu direkt entgegengesetzten Werten. Wenn die ukrainische Bevölkerung in die erweiterte russische Nation aufgenommen würde, würde diese Expansion die Einheit der Russen eher untergraben als stärken.
  3. Die Bedeutung der strategischen Position der Ukraine für die Sicherheitsinteressen Russlands sei übertrieben. Das „Mantra der Gefahr eines NATO-Beitritts“ der Ukraine sei in letzter Zeit weniger wahrscheinlich geworden. An seine Stelle sei das „Gespenst der Umwandlung Kiews in einen US-Verbündeten außerhalb der NATO“ getreten. Washington bewaffne Kiew zwar weiterhin, aber die „Aussicht auf einen militärischen Zusammenstoß mit Russland über die Ukraine, wo die US-Interessen begrenzt“ seien, zwinge die US-Politiker, vorsichtig vorzugehen.
  4. Die russische Verteidigungsindustrie habe ihre Militärimporte aus der Ukraine ersetzt. Für Russland wäre es sinnvoller und vielversprechender, seine wirtschaftlichen Beziehungen in südöstlicher statt in südwestlicher Richtung zu entwickeln.

Aus diesen Überlegungen entwickelte Trenin eine Korrektur des russischen Ansatzes in den Beziehungen zur Ukraine. Die Bedeutung der Ukraine für Russland bestehe nicht so sehr im öffentlichen Bewusstsein, sondern werde von der Elite „immer noch stark überschätzt“. Es sei an der Zeit, diese Diskrepanz zu erkennen, um eine „längst überfällige Neubewertung dieses Werts vorzunehmen“. Die „verächtliche und spöttische Haltung gegenüber dem modernen ukrainischen Staat, die sich unter dem Einfluss der russischen Staatspropaganda entwickelt“ habe, sei mit „unangenehmen Überraschungen behaftet“. Russland müsse „auf jeden Fall“ einen groß angelegten Krieg mit der Ukraine vermeiden. „Ein solcher Konflikt wäre eine Katastrophe und eine Tragödie für Millionen von Menschen. Nichts kann ihn rechtfertigen.“ Bezüglich des Donbass sei die Aufrechterhaltung eines nachhaltigen Stillstands an der Kontaktlinie „das maximal Mögliche“.

Es sei ein tiefes Missverständnis, wenn in Moskau einige glauben, dass der Rückgang des westlichen Interesses an der Ukraine Chancen für Russland eröffne. Die Hauptsache für Russland sei, dass Russland die Ukraine nicht braucht, um Russlands „wichtigste nationale Interessen in den Bereichen Staatsidentität, nationaler Zusammenhalt, Sicherheit, wirtschaftliche Entwicklung zu verwirklichen“.

In Ermangelung eines offiziellen Dialogs sei es sinnvoll, Kontakte zu pflegen und mit einigen „moderaten Gruppen und Persönlichkeiten in der Ukraine zu kommunizieren“. Trenin hält es „langfristig“ für möglich, einen „Prozess der Normalisierung der russisch-ukrainischen Beziehungen einzuleiten“.

Er fasste zusammen: „Russland und die Ukraine werden nie wieder ein Land sein, das ist kein Grund zum Bedauern. Sie müssen jedoch lernen, nebeneinander zu leben.“

[1]              https://carnegie.ru/commentary/85272

COMMENTS

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    Hans Klatt 3 Tagen

    Russische / Ukraine Politik
    Wenn ich den Beitrag von Herrn Jens Stoltenberg lese, kann ich nur die Hände über den Kopf zusammen schlagen. Die Politik, die der Nato- Generalsekretär treibt ist für Gesamteuropa sehr gefährlich, denn er ruft indirekt die Nato Staaten auf, generell gegen Russland zu sein.Das solche Leute diese Funktion ausüben, ist bedauerlich, denn dieser Mann aus aus der Geschichte nichts, aber auch gar nichts gelernt.Wir sind ein EUROPA und müssen uns gegenseitig unterstützen und respektieren, egal welcher Nationalität!!!
    Die Nachrichten in den Deutschen Medien finde ich bedauerlich, denn hier wird der “ Hass“ gegen Russland geschürt!!!Wenn ein souveräner Staat wie es Russland ist auf seinem Territorium ein Manöver abhält, dann ist dies legitim und nicht besorgniserregend, sowie der Ukranische Präsident es beschreibt. Ich persönlich kann die Nato nur davor wahnen, diesen Staat in der Nato oder auch EU mit aufzunehmen, denn dieser Staat forciert den Streit zwischen Nato und Russische Föderation. Die UK wird nie zu Ruhe kommen, denn die Korruption in diesem Land ist ungeheuerlich, denn an die Bevölkerung denken die “ Herren da oben“ überhaupt nicht. Auch die Nato sollte das Kettenrasseln unterlassen und den Dialog mit der Russischen Föderation zu suchen und die gilt auch für die Baltischen Staaten, die sich auch auf den fahrenden Zug der UK gesetzt haben. Bin selbst 25 Jahre in der RF gewesen und habe das Land und die Menschen kennengelernt. Man kann nicht pauschal ein Urteil abgeben, wenn man dieses Land und die Leute nicht kennt.Persönlich kann ich die Russische Föderation verstehen und ich persönlich würde auch so handeln, denn die Zukunft liegt im Osten von Europa und nicht in Amerika!!!!!
    Lassen Sie mich noch eines sagen.Wie die neue Aussenministerin Frau A.B.( Grüne) sich auf der politischen Bühne betätigen wird ist mir schleierhaft, denn “ Null Erfahrung“ sondern nur bla, bla!!!!!

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    Horst Beger 2 Monaten

    Dmitrij Trenin, der zitierte Oberst a.D. der sowjetischen Streitkräfte und Direktor der transatlantischen Denkfabrik Carnegie Moskau ist offenbar nicht in der Lage oder willens, anders als in geostrategischen Kategorien zu denken. Anders sind seine pauschalen Aussagen zu der angeblichen bisherigen russischen Ukraine-Politik (die er als „unhaltbar“ bezeichnet) nicht zu erklären.

    Das beginnt mit der Behauptung, die Kiewer Rus von 988 sei nicht Bestandteil des historischen Beginns des russischen Staates, auch wenn das vordergründig keine geostrategische Bedeutung haben mag. Denn mit der Übernahme des orthodoxen Christentums aus Byzanz hat der rurikidische Großfürst Wlawdimir nach der Eroberung von Kiew die Grundlage für das russisch-orthodoxe Christentum geschaffen. Dieses wurde von Rom bis heute bekämpft, insbesondere Polen wurde von Rom immer wieder gegen Russland instrumentalisiert. Der amerikanische Politologe Samuel Huntington hat diesen über tausendjährigen Kampf des westlichen(römischen) Christentums gegen das östliche(russische) Christentum in seinem Buch „Kampf der Kulturen“ von 1996 wieder aufgezeigt, ohne auf den substanziellen Unterschied näher einzugehen. Dabei hat er auch darauf hingewiesen, dass diese Kulturgrenze die Ukraine in eine vom russischen Christentum geprägte Ost-Ukraine und eine von westliche Christentum beeinflusste West-Ukraine teilt. Dies ist im Hintergrund auch ein Grund für den Ukraine-Konflikt. Dmitrij Trenin fasst dies mit der Aussage zusammen: „Russland und die Ukraine werden nie wieder ein Land sein“. Das könnte man ergänzen mit der Aussage: die mit Russland wieder vereinigte Krim, auf die Trenin nicht eingeht, wird nie mehr Bestandteil der Ukraine sein, es sei denn um den Preis eine Dritten Weltkrieges.

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    Wolfgang Dorst 2 Monaten

    Eine Ergänzung zum obigen Beitrag: Der Originaltext von Dimitri Trenin beschreibt auch, dass die heute weit verbreite Erzählung – Russland sei aus der Ukraine entstanden – falsch ist, denn vor dem Kiewer Rus wurde der Nowgoroder Rus im heutigen Weliki Nowgorod gegründet. Er schreibt: „Zu den tausend Jahren russischer Staatlichkeit gehört natürlich auch die Zeit der Kiewer Rus, aber die Wiege dieser Staatlichkeit – und der Ort, aus dem die erste herrschende Dynastie hervorgegangen ist – gilt zu Recht als Nowgorod.“. Das ist heute leider durchaus wichtig, denn es wird dort über Religion, Sprache, Schrift, Kochrezepte … gestritten.

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