Und raus bist Du….

Und raus bist Du….

[von Michael Schütz] Mit geradezu kindlich naiver Begeisterung versucht die Westliche Wertegemeinschaft seit etwa dreißig Jahren, Russland aus Europa herauszudrängen und/oder am besten gleich selbst das Kommando in Moskau zu übernehmen.

Ein solcher Eingriff in innerstaatliche Angelegenheiten dritter – Stichwort: Regimewechsel  – wird mit der sog. regelbasierten Ordnung gerechtfertigt. Leider weiß niemand, welche Regeln damit gerade gemeint sind, aber das macht nichts. Alleine mit diesem Schlag- und Stichwort wie mit einem Schwert herumzufuchteln, genügt schon, um klarzumachen, was Sache ist.

Auf die regelbasierte Ordnung beruft sich auch eine Studie der Stiftung Wissenschaft und Politik, ausgeführt von den Damen Major und Klein, die sich mit der Dauerhaften Sicherheit für die Ukraine beschäftigt. Darin heißt es zum Beispiel:

Es brauche eine Demilitarisierung Russlands, eine Reduzierung der Streitkräfte und der Rüstungsindustrie auf ein Maß, das Selbstverteidigung gestattet….

An dieser Stelle kann man sich zwar denken: Wenn der Westen dazu fähig sein sollte, Russlands Streitkräfte einseitig zu reduzieren, dann braucht Russland auch keine Selbstverteidigung mehr. Aber egal.

Weiters heißt es:

„Flankiert werden müsste dies durch eine Demilitarisierung der strategischen Kultur. Diese verändert sich indes nur über langfristige Sozialisationsprozesse oder externe Schocks.“

Um dies zu erreichen, brauche es eine eindeutige Niederlage Russlands gegen die Verteidiger der westlichen Werte, … einen „Regimewechsel und eine gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der hegemonialen Vergangenheit… Aber selbst dann könnte sich die Ukraine nur bei einer gleichzeitigen Denuklearisierung des russischen Militärpotentials sicher fühlen.“

Zugegebener Maßen ordnen die Autorinnen der Studie diesen Vorschlag nur als eine Option von mehreren ein und als eine nicht sehr wahrscheinliche obendrein, aber träumen wird man wohl noch dürfen…

Der sehr langen Rede kurzer Sinn dieses Strategiepapiers:

„Anstatt die Beitrittsfrage zu vertagen, sollten die Alliierten praktische Zwischenschritte vorschlagen, die der Ukraine unmittelbar nutzen und sie im Interesse der Nato (und der EU) verlässlich absichern.“

Auffallend an diesen und ähnlichen Strategieüberlegungen der Westlichen Wertegemeinschaft ist, dass sie die Gegenwart ein zu eins in die Zukunft fortschreiben. So als würde sich niemals etwas am augenblicklichen Zustand der Welt verändern.

Die Dinge, die allerdings in den letzten zwanzig Jahren und darüber hinaus in der Weltpolitik vorgefallen sind, treffen immer noch auf ein lernendes Gehirn und das macht es wahrscheinlich, dass sich in den nächsten Jahren ein tiefgreifender Umbau der weltpolitischen und europäischen Strukturen ereignen wird (Stichwort: Multipolarität).

Es wäre daher von Seiten der westlichen politischen und militärischen Systeme vorausschauender, in ihren Analysen bereits jetzt von einem solchen Umbau auszugehen, denn die Wandlungsprozesse nehmen doch auffallend an Fahrt auf. Ansonsten könnte es allzu leicht passieren, dass man von den Ereignissen überrollt wird.

Wie reagiert aber der Westen auf diesen Wandlungsprozess?

Der US-Präsident hat bei seinem Besuch am gerade stattgefundenen Vilnius-Gipfel ein paar erhellende Worte dazu verloren:

Und das meine ich aufrichtig: Die Welt verändert sich. Wir haben die Chance, die Dynamik zu verändern.
Deshalb habe ich mich als Präsident so sehr auf den Wiederaufbau und die Wiederbelebung der Bündnisse konzentriert, die der Eckpfeiler der amerikanischen Führung in der Welt sind
(Rede an der Universität Vilnius).

Deutlicher kann man kaum zum Ausdruck bringen, um was es geht.

Die Dynamik der Veränderung hat man sehr wohl erkannt, aber man möchte diese Dynamik wieder einfangen oder zumindest im eigenen Sinne verändern. Eine Niederlage Russlands auf dem Schlachtfeld würde beispielsweise diese Dynamik massiv abdämpfen.

Allerdings, selbst wenn der Westen jetzt noch einige diesbezügliche Erfolge einfahren könnte, nichts ist so stark, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist…

Daher möchte der Autor an dieser Stelle ein ganz neues, absolut revolutionäres Sicherheitskonzept für Europa vorstellen:

Wir werden einfach alle friedlicher!

Nein, Halt, Stop!!

Liebe Leserin, werter Leser, Sie haben es wahrscheinlich schon erkannt, es handelt sich hierbei um eine Verschwörungstheorie. Das wäre doch zu billig, wenn Sicherheit tatsächlich so einfach ist. Da verdient ja niemand etwas dabei. Daher muss sich der Autor leider wieder von dieser Aussage distanzieren.

Zurück zu den harten Fakten:

Der Wiener Publizist Hannes Hofbauer hat in Zusammenhang mit dem militärischen Konflikt in Zentraleuropa treffend gemeint, bei der Beurteilung der Lage komme es darauf an, wann man die Vorgeschichte beginnen lasse.

Beginnt sie am 24. Februar 2022 mit dem Einmarsch Russlands oder beginnt sie bereits am 16. Februar 2022, als die Kiewer Armee den Artilleriebeschuss des Donbass explosionsartig in die Höhe gefahren hat oder beginnt sie 2014 am Kiewer Maidan oder gar 1991 mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

Der Autor würde diese Fragestellung sehr radikal beantworten:

Am besten lässt man es bereits mit dem Tod Iwans des IV., des sog. Schrecklichen beginnen und der darauf folgenden Zeit der Wirren, die dann Polen/Litauen – Ordnungsmächte in Zentral- und Osteuropa – dazu animiert haben, selbst die Kontrolle in Moskau zu übernehmen.

Nachdem sich die Polen im Kreml eingerichtet hatten, wurden sie allerdings von einem Volksaufstand, angeleitet vom Bürger Minin und vom Fürsten Posharski, hinweggefegt. Die beiden Herrn fungieren seitdem als geistige Türsteher des Russland-Clubs. Ihr Denkmal steht am Roten Platz.

Sodann kommt es zu einem bemerkenswertem Vorgang:

Nach den schlimmen Erfahrungen in der Zeit der Wirren und mit der polnischen Besatzung einigt sich eine Versammlung von Volksvertretern und Fürsten auf den neuen Zaren Michail, jung unbeschrieben und scheinbar machtlos. Der etabliert sich jedoch nicht nur fest in seinem Sattel (mithilfe seines Vaters), sondern es gelingt ihm, innerhalb nur weniger Jahrzehnte, den Spieß im Verhältnis zu Polen und Litauen umzudrehen.

Nun ist es der Zar, der Polen und Litauen angreift, zunächst allerdings erfolglos.

Doch dann, einige Jahre später:

Der Zar (Aleksei) ist von einem in der Ostukraine lebenden Völkchen zu Hilfe gerufen worden: den Kosaken, die auf einer Flussinsel im Dnjepr ihr Hauptquartier angelegt haben, die Zaporožer Sič. Die Kosaken fühlen sich vom polnischen Herrschaftsanspruch herausgefordert und so kommt es zu einem verheerenden Aufstand gegen alles, was irgendwie mit Polen zu tun hat.

Nachdem der Zar den Kosaken dabei geholfen hat, ein autonomes politisches Gebilde zu gründen und damit das polnische Machtstreben begrenzt hat, gibt er den Kosaken eine Hilfszusage im Kampf gegen die Polen. Daraus entwickelt sich ein fundamentaler Krieg Moskaus und der Kosaken gegen Polen/Litauen auf wörtlich Biegen und Brechen.

Dieses wiederum animiert Schweden und seine Verbündete ebenfalls einzugreifen und in Polen Beute zu machen. Was außerhalb der militärischen Möglichkeiten Moskaus gelegen ist, wird von den Schweden systematisch zerstört und vernichtet (mit Ausnahme der Schwarzen Madonna).

Diese „Kriege der Sintflut“ enden, als alle Kriegsparteien erschöpft sind. Moskau ist geschwächt, aber da Polen noch weitaus mehr geschwächt ist, erhält Moskau seine von Polen besetzten West-Territorien wie Smolensk u. a. wieder zurück.

Auch wenn Polen danach scheinbar wieder in ein geordnetes Leben zurückfindet und zwanzig Jahre später bereits wieder stark genug erscheint, um die Türken vor den Toren Wiens in die Flucht zu schlagen, bildet diese apokalyptische Erfahrung der kriegerischen Sintflut den Anfang vom Untergang des polnischen Reiches.

Keine 130 Jahre später sind die weißen Federn des (polnischen) Adlers erlegt und Polen/Litauen ist von der Landkarte verschwunden – gütlich unter seinen Nachbarn aufgeteilt.

Diese Vorgänge bilden das große Trauma – das Ur-Trauma – Zentraleuropas, dessen Schockwellen gewissermaßen noch bis heute spürbar sind, aber vom europäischen Bewusstsein weitestgehend verdrängt worden sind.

Dieses Ur-Trauma, das bald nach Beendigung des westeuropäischen Traumas Dreißigjähriger Krieg ablief, begann mit einer Art ersten Holocaust, da die aufständischen Kosaken neben polnischen Adeligen und katholischen Priestern vor allem Juden angegriffen haben, die aus bestimmten Gründen als die Vertreter der polnischen Herrschaft wahrgenommen worden sind. Dem entsprechend haben diese Ereignisse auf den Fortgang der Geschichte des (ost)europäischen Judentums einen starken Einfluss genommen.

Das polnische Reich verlor in diesem Konflikt mehr als die Hälfte seiner Bevölkerung (durch Krieg, Seuchen, Hunger und Gebietsverluste), die Städte konnten sich von der umfassenden Zerstörung Jahrhunderte lang nicht mehr erholen, das Land blieb ein ärmliches Agrargebiet und …

… die Ostukraine wanderte langsam aber sicher unter die Obhut des Zaren in Moskau.

Seitdem ist die ukrainische Geschichte eng mit der russischen verknüpft oder sollte man sogar sagen, ist sie Teil der russischen Geschichte?

Teile dieses gerade beschriebenen Geschehens scheinen allerdings eine Vorlage für die gegenwärtigen Ereignisse herzugeben, als hätten die heutigen Akteure einfach bei der Historie abgeschrieben. Oder, um es mit aktuell korrekten Worten auszudrücken: Da steht der Plagiatsvorwurf im Raum. Natürlich geht es nur um die groben Züge, im Detail war damals manches anders, aber die Analogien zur Vergangenheit sind augenscheinlich.

Schauen wir daher noch einmal genauer hin:

Nach dem Zusammenbruch des alten Reiches (Sowjetunion) kommt es zu einer Zeit der Wirren – einer sehr umfassenden Destabilisierung der russländischen Gesellschaft der 90-er Jahre.

Westliche Mächte nehmen das zum Anlass, sich in Moskau als Berater zu etablieren, eine ihnen genehme Führungsschicht heranzuziehen und Wahlen zu beeinflussen.

Doch dann einigt sich der neu entstandene Adelsstand gerade noch rechtzeitig, bevor das Land zerbricht, auf einen neuen Zaren, (relativ) jung, unbeschrieben und scheinbar machtlos. Der etabliert sich jedoch in seinem Sattel, wirft die westlichen Berater hinaus, unterwirft die neuen Bojaren und innerhalb weniger Jahrzehnte dreht er den Spieß um und setzt seinerseits dem westlichen Machtanspruch Grenzen.

Da wird der Zar von einem kleinen Volk in der Ostukraine gegen den Westen zu Hilfe gerufen. Die westliche Macht feuertnämlich gerade aus (fast) allen Rohren auf dieses Völkchen. Der Kremlherr anerkennt daher den neu gegründeten Staat des kleinen Volkes und schickt seine Armee gegen den Westen in die Schlacht….

Der Unterschied zu früher ist unter anderem der: Es geht jetzt nicht mehr um die Zaporožer Sič, sondern um das Zaporožer AKW.

Wir dürfen uns nun in unseren Gedanken ausmalen, wie sich diese Analogien zum historischen Konflikt weiterentwickeln könnten. Der Phantasie sind hier kein Grenzen gesetzt.

Das Dilemma, das der Westen in dieser Situation hat, ist oben schon angedeutet worden: Je stärker die Wertegemeinschaftvon einer unveränderlichen Weltordnung ausgeht, als umso wahrscheinlicher erscheint es, dass sich die Analogien auch tatsächlich manifestieren.

Wir versuchen hier allerdings, das Beschriebene in ein größeres Bild einzubringen.

Wie erwähnt, handelt es sich bei den Vorgängen um die Mitte des 17. Jahrhunderts um traumatische Erfahrungen, die aber im westlichen öffentlichen europäischen Bewusstsein verdrängt sind.

Die Schockwellen, die das Ereignis anno dazumal ausgelöst haben, sind tiefgehend und von gesamteuropäischer Bedeutung, sie werden aber in der politischen Praxis des Westens möglicherweise falsch gedeutet. Das westliche Systemscheint sich dabei zu verschätzen, wenn es darum geht, den aktuellen Konflikt in einen größeren historischen Bogen einzufügen.

Dass Polen/Litauen das Bedürfnis verspürt, die Vorgänge des 17. Jahrhunderts in Bezug auf Russland rückgängig zu machen, ist in gewisser Hinsicht nachvollziehbar, genauso wie, dass Moskau alles daran setzen wird, die Ergebnisse von damals nochmals zu bekräftigen.

Nach dem, zugegebener Maßen, naiven Verständnis des Autors hätte die westeuropäische Politik die Aufgabe gehabt, daran mitzuwirken, diese und andere  Traumata in Zentraleuropa abzubauen. Aber man hat genau das Gegenteil gemacht, man hat sie angeheizt und instrumentalisiert, um sie gegen Russland in Stellung zu bringen.

Solcherart explodierende Traumata können einen Kontinent zerstören und so wie es im Moment gerade aussieht, werden sie das auch tun. Raus ist dann allerdings nicht so sehr Russland, sondern das Gebiet, das bisher unter dem Kürzel EUformierte und gerade dabei ist, sich von den Chancen einer neu entstehenden Weltordnung abzuschneiden.

Ist damit schon aller Tage Abend oder wird sich der Weltuntergang noch ein wenig Zeit lassen…?

Es liegt in unserer Hand!

Die neue Schicht schwerer Traumata, die der Westen in den Jahren seit 2014 durch seinen Zugriff auf den zentraleuropäischen Raum geschaffen hat, spiegelt letztendlich den inneren Zustand dieser Wertegemeinschaft wider.

Hören wir daher endlich mit dieser albernen Putin-Fixierung auf!

Sie ist bloß die Kehrseite der eigenen, westlichen Verdrängung.

Blicken wir in unsere eigenen Abgründe und räumen dort auf!

Nur dann werden Zentraleuropa und vor allem die dort noch verbliebenen Bewohner eine Chance bekommen, sich zu erholen und entwickeln zu können.

Wenn wir uns allerdings diesem Vorgang verweigern, wird (nicht nur) das Zentrum Europas kaum mehr aus dem Schlamassel herauszukommen.

Es ist nur eine Frage der Zeit:

Auch wenn wir noch in einer heiklen Phase der Auseinandersetzung stehen, die westliche Werte- und Verteidigungsgemeinschaft wird sich, wenn nicht jetzt dann später, aus dem Schlachtfeld zurückziehen und sich in eine Auffrischungsstellung begeben. Wenn die Zeit gekommen ist, wird sie aus dieser heraus, den Konflikt mit Russland auf eine neue Eskalationsstufe heben. Mit Sicherheit!

Dann hilft vielleicht nur noch der blanke Sarkasmus:

Keine Panik! Unser Medien-Mainstream erklärt uns gerade, dass wir von einer Phase der Klimaerwärmung in die Phase der Klimaerhitzung übergehen. Da käme doch ein nuklearer Winter gerade recht, oder?

 

COMMENTS

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    Horst Beger 11 Monaten

    Mit dem zitierten Kinderreim „Und raus bist Du…“ gibt Michael Schütz eine interessante Anregung zu dem Ukraine-Konflikt und den Lösungsvorschlägen durch die regierungsnahe „Stiftung Wissenschaft und Politik“, die nahtlos aus dem NS-Nachrichtendienst „Fremde Heere Ost“ hervorgegangen ist. Der Kinderreim geht bekanntlich weiter: „Raus bist Du noch lange nicht, sag mir erst wie alt Du bist.“ Und der Autor stellt fest, dass es für eine Antwort entscheidend ist, wann man die Vorgeschichte des Konfliktes beginnen lässt: 24. Februar 2022, 16. Februar 2014, 1991 oder gar 1611 und 1605 nach dem „Zeitalter der Wirren“, wie der amerikanische Politologe Samuel Huntington das in seinem umstrittenem Buch „Kampf der Kulturen“ von 1996 detailliert aufgezeigt hat. Darin weist er darauf hin, dass das westliche(römische) Christentum das östliche(russische) Christentum seit dessen Bestehen bekämpft und, dass diese „Kulturgrenze“ auch die Ukraine in eine vom russischen Christentum geprägte Ostukraine und eine vom römischen Christentum beeinflusste Westukraine teilt, also ganz aktuell ist. Insbesondere das katholische Polen hat sich von Rom bis heute immer wieder gegen Moskau instrumentalisieren lassen.

    Und was die sogenannte Westliche Wertegemeinschaft und deren regelbasierte Ordnung betrifft, so versucht diese nicht erst seit etwa 30 Jahren Russland aus Europa herauszudrängen. Denn Ziel der NATO und deren Vasallen war und ist es seit deren Gründung: „Die Amerikaner in Europa zu halten, die Russen draußen zu halten und die Deutschen klein zu halten“, wie der erste NATO-Generalsekretär das formuliert hat. Und Deutschland hat sich diesen Zielen von Anfang masochistisch untergeordnet, auch wenn letzteres erst seit dem Ukraine-Konflikt deutlich geworden ist.

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