„Eine große Katastrophe für uns alle“ (Gespräch mit Alexander Rahr 17.5.2023)

„Eine große Katastrophe für uns alle“ (Gespräch mit Alexander Rahr 17.5.2023)

Dieses Gespräch führte Tilo Gräser im Mai 2023 vor den Ereignissen mit der Privatarmee Wagner und vor der Diskussion um  Sergej Karaganovs Beitrag in globalaffairs.ru.

Herr Rahr, Sie sind einer der profundesten Russland-Experten in der Bundesrepublik. Wie haben Sie den russischen Einmarsch in die Ukraine am 24. Februar 2022 wahrgenommen? Und wie sehen Sie das heute, mehr als ein Jahr später? 

Ich war wie fast alle Menschen in Deutschland geschockt. Mein erster Gedanke war:  Russland wird die Ukraine militärisch nicht einnehmen können. Als langjähriger Leiter Zentrums für Russland, Ukraine und Eurasien der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) habe ich unzählige Male die Ukraine besucht und war auch dort in entsprechende Netzwerke eingebunden. Die Ukraine war in den 30 Jahren nach dem Zerfall der Sowjetunion zu einer Nation zusammengeschmolzen. Auch die Mehrheit der früher pro-russischen Ostukrainer, vor allem die jungen, wollte nicht mehr zurück nach Russland, geschweige denn in eine Sowjetunion. Vladimir Putins Blitzkrieg hatte also keine Chance. Meine zweite Reaktion war: Warum hat der Westen kurz vor der Tragödie nicht ein Moratorium auf die Nato-Mitgliedschaft für die Ukraine verhängt – und wenigstens auf diese Weise russische Sicherheitsinteressen toleriert? Aber vielleicht war es gerade westliche Absicht gewesen Russland ein für alle Mal aufzuzeigen, dass es seinen Großmachstatus mit dem Ende der UdSSR ganz eingebüßt hat.

Was hat sich von dem bestätigt, was Sie da anfangs dachten? 

Der Krieg ist jetzt, nach über einem Jahr, weder von der Ukraine noch von Russland zu gewinnen. Wir sehen seit Längerem ein Patt. Das klingt äußerst zynisch, angesichts der Verluste an Soldaten und Material. Putin und Selenskyi können aber jeder für sich ohne Gesichtsverlust den Krieg nicht beenden. Vielleicht können es die Generäle auf beiden Seiten. Oder die USA im Einvernehmen mit China. Im Westen existiert aber eine „Partei des fremden Blutes“. Sie fordert die Ukrainer zum Kämpfen auf, weil der Krieg aus westlicher Sicht ohne eine krachende russische Niederlage für den Westen eine Schwächung bedeuten würde. Hinsichtlich anderer Kriege, die aktuell der Welt passieren, fordert der Westen überall Friedensgespräche und Kompromisslösungen. Nur im Falle des Ukraine-Krieges kommen im Westen keine Forderungen nach Waffenstillstand. Russland, so heißt es, muss verlieren. Aber: Nato und Russland werden jedenfalls nicht gegeneinander kämpfen – niemand will einen Dritten Weltkrieg.

Zur Vorgeschichte der aktuellen Ereignisse gehören jene in der Zeit 2013/2014, bis zum Putsch gegen den gewählten Präsidenten Wiktor Janukowitsch, aktiv unterstützt vor allem von den USA. Die dann installierte Führung in Kiew hat im April 2014 einen Krieg gegen die eigene Bevölkerung in der Ostukraine begonnen, mit Panzern, Bomben und Artillerie. Wie sehen Sie das? Und warum hat Moskau allen Berichten zufolge 2014 die Unabhängigkeitsbestrebungen im Donbass gebremst, sich gegen die Referenden ausgesprochen und auf Verhandlungen mit Kiew gesetzt? 

Natürlich begann der Konflikt schon 2014, wenn nicht noch eher. Die Ukraine wurde zum geopolitischen Zankapfel zwischen West und Ost. Dass die Maidan-Revolution 2013/14 von außen mitgesteuert wurde, ist nicht von der Hand zu weisen. Dass der ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch gewaltsam gestürzt wurde, wird auch keiner leugnen. Daraufhin besetzte Russland mit den Soldaten seiner dort stationierten Schwarzmeerflotte die Krim und annektierte sie. Eine ähnliche militärische Aktion im Donbas scheiterte. Damals wagte Putin keinen offenen Krieg in der Ostukraine, obwohl in den Auseinandersetzungen im Donbas der ersten Monate über 10.000 Tote, größtenteils Zivilisten, zu beklagen waren. Die Ukraine setzte, mit stillschweigender Duldung des Westens, ihre Luftwaffe gegen Städte im Donbass ein. Schließlich kam es zum schrecklichen Zwischenfall des Abschusses der malaysischen Passagiermaschine über der Ostukraine, vermutlich durch die Separatisten. Schließlich willigte die Ukraine, nach deutscher und französischer Vermittlung, ein, dem abtrünnigen Donbas eine Autonomie zuzugestehen. Eigentlicher Grund für den Ausbruch des Konflikts war die Frage der künftigen Zugehörigkeit der Ukraine zur EU und zur Nato oder der Eurasischen Union. Meiner Meinung hat hätten der Westen und Russland damals einen festen Neutralitätsstatus für die Ukraine aushandeln müssen. Damit wäre auch die europäische Sicherheitsordnung gerettet gewesen. Tatsächlich verfolgten die Konfliktparteien, trotz Verhandlungen, stillschweigend ihre geopolitische Agenda. Der Westen rüstete die Ukraine auf, damit sich diese die von Russland eroberten Gebiete zurückholen konnte. Und Russland plante die Invasion, um den Maidan 2014 rückgängig zu machen und zwischen Russland, Ukraine und Belarus einen slawischen Bund zu schließen. Das wäre die Krönung der 20-jährigen Regierungszeit Putins gewesen.

Wie der Krieg ausgehen wird, ist derzeit offen. Für die Amerikaner käme eine Schwächung Russlands sehr gelegen – sie wären dann ihren schärfsten geopolitischen Rivalen los und könnten sich dem anderen Konkurrenten – China – zuwenden.

Manche Experten, auch Militärexperten wie zum Beispiel der Schweizer Offizier Jacques Baud, sagen, es ging eigentlich um das Sichern der Volksrepubliken, der angeschlossenen Gebiete. Und sie verweisen immer wieder auf das Argument der Sicherheitsinteressen Russlands, die Umzingelung, die Nato-Osterweiterung, die Ukraine als mögliches Aufmarschgebiet der Nato. Dass die russische Führung gezwungen sei, deshalb so vorzugehen. Wie bewerten Sie das? 

Der russische Nationale Sicherheitsrat hat kurz vor dem 24. Februar 2022 einer Besetzung der „Volksrepubliken“ zugestimmt, nicht aber der Invasion in der Gesamtukraine. Letztere war eine persönliche Entscheidung Putins gewesen. Ich wehre mich jedoch gegen die Behauptung, Putin hätte seit seiner Amtsübernahme 1999 die Eroberung der Ukraine oder die Wiederherstellung der Sowjetunion geplant. Was er wollte, war ein Großmachtstatus Russlands im Konzert der Mächte Europas. Für ihn bestand noch die Jalta-Sicherheitsordnung der Nachkriegszeit. Der Westen setzte dagegen auf Nato- und EU-Erweiterung und ließ einen Dialog mit Russland über gemeinsame Sicherheitsinteressen kaum zu. Problematisch war die Russland-Politik der Mittelosteuropäer, die 45 Jahre im Ostblock gelebt hatten. Sie forderten vom Westen Schutz gegen Russland. Eine Aussöhnung zwischen den Völkern in Osteuropa fand nach 1991 leider nicht statt, vielleicht hätte Deutschland gerade diesen Prozess fördern müssen. Trotzdem werden alle Zeitzeugen, die in den Jahren nach der Wende an der großen Verständigung zwischen Russen und Deutschen gearbeitet haben, bestätigen, dass das postsowjetische Russland froh gewesen war, in Europa angekommen zu sein. Europa ist unsere gemeinsame Heimat und unser gemeinsames Schicksal, hieß es von allen Seiten. Vorgespielt war das nicht.

Die Zeitenwende wird jetzt ein neues Narrativ hervorbringen, an das sich Historiker, Forschungszentren und Politik halten werden. Ob das Konzept eines Europas von Lissabon bis Wladiwostok irgendwann einmal wieder Verwendung findet, werden unsere Enkel erfahren.

Was geschieht da gerade aktuell in der Ukraine? Der Geschichtsphilosoph Hauke Ritz hat kürzlich in einem Vortrag von einem Showdown zweier Weltordnungskonzepte gesprochen. Wie sehen Sie das? 

Der Ukraine-Krieg ist äußerst vielschichtig. Im Weltkonflikt geht es mitnichten nur um die Ukraine. Dieser wird hoffentlich in den nächsten Monaten beendet sein. Doch welche Auswirkungen wird er auf die Weltpolitik haben? Die Amerikaner und die Chinesen sind die eigentlichen Sieger des Konflikts. Die Chinesen werden die Russen weiter in ihre Abhängigkeit treiben und die sibirischen Bodenschätze und Ressourcen für ihre Wirtschaft nutzen. Europa verliert den Zugang zu den russischen Rohstoffen, von denen es 500 Jahre massiv profitiert hat. Ob die russischen Rohstofflieferungen nach Europa durch Importe aus US-freundlichen Rohstoffländern ersetzt werden können, ist mehr als fraglich. Gleichzeitig wächst die europäische Totalabhängigkeit von den USA. Deren Einfluss in Europa wird stärker sein, als im Kalten Krieg. Die USA werden die neu gewonnene Macht über Europa strategisch nutzen – einerseits gegen die globalen Rivalen China und Russland. Andererseits für das eigene Wirtschaftswachstum gemäß dem Motto „America first“. Energiepolitisch wird die EU von den USA abhängiger sein, als früher von Russland. Und was erblicken wir auf der Gegenseite? Russland, China, Indien, Brasilien und Südafrika, aber auch Saudi-Arabien, Iran, Türkei, Nordkorea pochen auf die Begründung einer neuen multipolaren Weltordnung, welche die westliche Dominanz der letzten 300 Jahre ersetzen soll. Die Gefahr, dass der Streit um die kommende Weltordnung kriegerisch und nicht diplomatisch ausgetragen wird, ist real. Ein Bündnis zwischen Russland und China gegen den Westen ist nicht mehr unrealistisch. Ich stimme denen zu, die sagen, dass wir weiterhin wie Schlafwandler in einer Art Dritten Weltkrieg hineinmarschieren, ohne uns die Konsequenzen vor Augen zu führen. Neben dem transatlantischen und eurasischen Block wird wahrscheinlich im Global South eine Allianz „blockfreier Staaten“ entstehen, wie im Kalten Krieg. Die EU sehe ich heute nicht als künftiges Kraftzentrum in der Weltpolitik.

Zu der Vorgeschichte gehört die Abkehr des Westens von Russland. Manche sagen Russlands vom Westen. Wann hat dieser Weg auseinander begonnen?  

Es gab nie eine wahre Hochzeit! Das gegenseitige Misstrauen war stets spürbar. Die russische Gesellschaft, die sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion nach Westen hin orientierte, ist im Westen nie angekommen, auch nicht gewollt worden. Der Wunsch nach Größe spielte in der Mentalität der Russen eine wichtige Rolle. Und im Westen existierte, neben der Prämisse, Europa auf den Säulen der Nato und EU zu stützen, stets die zweite Priorität: ein neues russisches Imperium um jeden Preis zu verhindern. Da für Putin augenscheinlich die Demokratisierung weniger wichtig war, als der Großmachtstatus, musste es zwischen West und Ost zum Ehekrach kommen. Und trotzdem hätte ein Interessenausgleich, wirtschaftliche Verflechtung, eine Kooperation zwischen EU und Eurasischer Wirtschaftsunion (EAWU), und ein gemeinsamer sicherheitspolitischer Raum um die Jahrtausendwende beim vorhandenen politischen Willen bzw. Vertrauen auf beiden Seiten die letztendliche Scheidung verhindern können.

Gibt es eine benennbare Ursache, warum das von westlicher Seite abgelehnt worden ist? 

Ich sehe einen offenkundigen Grund darin, dass der überlegene Westen das gefühlt unterlegene Russland stets als eine kapitulierende Ex-Großmacht begriff. Russland wurde im Westen nur in der Rolle eines Juniorpartners akzeptiert. Niemand im Westen akzeptierte eine russische Hemisphäre. Für die stolzen russischen Eliten war das inakzeptabel. Sie sahen sich nicht als Verlierer im Kalten Krieg. Im Verkauf der Jahre entwickelte sich in Russland das verheerende Narrativ, der Westen habe die Sowjetunion zerstört. Damit war das alte Feindbild zurück. Der zweite Grund waren unterschiedliche Konzepte von einem Europa im Westen. Amerikaner und Mittelosteuropäer bevorzugten ein Europa von Vancouver bis Donezk, also ohne Russland. Deutschland und Frankreich liebäugelten mit dem Projekt Lissabon-Wladiwostok, also einem auf Russland erweiterten Europa. Mit jeder Entfremdung wuchs im Westen der Wunsch nach einem Russland-freien Europa.

Wenig anfangen konnte Russland mit dem Begriff Werte-Westen. Moskau pochte auf Interessenausgleich, nicht auf gemeinsame liberale Wertvorstellungen. Vergeblich fragten die Russen nach der europäischen Geopolitik. So entwickelte sich in der EU eine Werte-Ideologie, die sehr stringent durchgesetzt wurde. Sie wurde und wirkte moralisch sehr dominierend und bezog Länder wie Russland in einen gemeinsamen Werte-Raum nicht mit ein. Was im Gegenteil dazu führte, dass Russland mit diesem Werte-System fremdelte, aber dann anfing, dagegen anzukämpfen. In Russland wurde keine Demokratie geschaffen, sondern das politische System auf den Herrscher ausgerichtet. Dafür hatte Putin das Mandat der Bevölkerung. Russland stellte den Anspruch, ein anderes Europa zu sein: ein Europa nicht der westlichen Werte, sondern der traditionellen Werte, der zehn Gebote, die -wie die Russen sagten – wichtiger seien, als Gender-Sprache oder Minderheitenschutz. Letztere wurden in Europa damals vorangetrieben und als fortschrittlich gesehen.

Es gibt die Rede von Putin 2001 im Bundestag, wo er die Hand zur Zusammenarbeit ausstreckte. Auch Dmitrij Medwedew hatte 2008 die Hand ausgestreckt. Dann gab es eben 2007 die Rede Putins auf der Münchner Sicherheitskonferenz, wo er ganz klar sagte: Entweder machen wir miteinander weiter oder wir werden Euch zeigen, dass wir uns nicht vorschreiben lassen, was wir zu tun haben. Warum wurde das ignoriert?

Der Westen wollte die Wiederkehr des autoritären Putins 2012 nicht akzeptieren. Man war fest davon ausgegangen, dass Medwedew Präsident bleibt. Joe Biden kam als US-Vizepräsident 2011 nach Moskau und sagte Putin persönlich, dass der Westen ihn als Präsident nicht wieder haben wollte. Angela Merkel wünschte von der Tribüne des Petersburger Dialogs aus, dass Medwedew im Amt bliebe. Die Signale waren klar. Nachdem er 2012 wiedergewählt wurde, brach Putin bei seiner Rede in Tränen aus: Ich habe dem Westen gezeigt, dass er mir nichts antun kann! Vier Jahre zuvor war Medwedew als neuer Präsident Russlands in Deutschland. Er wollte mit dem Westen einen gemeinsamen Sicherheitsraum schaffen. Als Medwedew gegangen war, standen die honorigen Gäste lächelnd mit ihren Sektgläsern in der Halle des Hotels, wo Medwedew seinen Vortrag gehalten hat, und sagten: Russland ist unwichtig, hat nichts mehr zu sagen! Dieses Nicht-so-Wichtig-Sein war das Signal, das immer wieder in Richtung Russland geschickt worden ist. Und was natürlich den Kreml in Rage versetzt hat. In den 2010er Jahren haben sich dann die Konflikte hochgeschaukelt. Viele in Russland hatten nur einen Wunsch: Dem arroganten Westen eine Revanche zu verpassen, sich für die Schmach des Negierend russischer nationaler Sicherheitsinteressen zu rächen. Damit ist der irrationale Konflikt zwar psychologisch erklärt, aber nicht gelöst. Es sei denn, Russland verliert in der Ukraine – dann wird die schroffe Behandlung Russlands durch den Westen nachträglich legitimiert werden.

Es ist auch unglaublich angesichts von Erkenntnissen wie zum Beispiel der von Egon Bahr 2015, dass es in der Außenpolitik um Interessen, nicht um Werte geht (siehe https://taz.de/Debatte-Deutschlands-Aussenpolitik/!5013982/). Welche Rolle spielt das? Das, was Sie schildern, klingt so, als wenn nur Werte, Ideen und Psychologie eine Rolle spielten, aber Interessen, handfeste materielle Interessen, Rohstoffe und all die Dinge kaum. 

Unter der jetzt eingetroffenen „Zeitenwende“ müssen diese Fragen auf den Prüfstand gestellt werden, das ist klar. Eine kritische Aufarbeitung der Ostpolitik ist notwendig. Dabei sollten aber auch die vielen russischen Vorschläge zur Kooperation beleuchtet werden, es sei denn, Historiker geraten zu dem verheerenden Schluss, dass die russische Politik von Anfang an auf Heuchelei basierte. Heuchelei ist jedoch das, was Russland dem Westen vorwirft. Den ersten Völkerrechtsbruch beging nicht Russland, sondern die USA im Jugoslawienkrieg, im Irakkrieg und beim einseitigen Ausstieg aus dem ABM-Vertrag. Die US-amerikanische Politik der kleinen Nadelstiche tat weh – doch die Keule, die Russland daraufhin hervorholte, um die „regelbasierte Ordnung“ zu zertrümmern, hat erst die Weltpolitik in diese extreme Konfliktlage gebracht.

Sie haben 2000 ein Buch über Putin geschrieben, „Der Deutsche im Kreml“. In der erweiterten Neuausgabe war Putin nur noch der „Partner Deutschlands“. Wie wurde Putin vom „Deutschen im Kreml“ über den „kalten Freund“, ein anderes Buch von Ihnen, zum erklärten Gegner des Westens? Ist das nur die rein persönliche Komponente, seine rein persönliche Enttäuschung, die Sie schon beschrieben haben?

Historiker werden entscheiden, inwieweit die wissenschaftliche Akteur-Theorie zutrifft, die besagt, dass starke Einzelpersonen und nicht geschichtliche Umstände die Weltgeschichte schreiben. Putin schreibt jetzt die Geschichte des 21. Jahrhunderts fast im Alleingang. Die Entscheidung, in der Ukraine einzufallen, fußte auf einem Beleidigtsein gegenüber dem Westen. Er musste angesichts der als hochnäsig empfundenen Politik des Westens entweder resignieren – oder draufschlagen. Niemand weiß mit Gewissheit, ob Putin 2024 nochmals antreten wird. Joe Biden tut es mit 80 Jahren, warum soll Putin mit 70 Jahren das nicht auch wollen. Davon wird aber die Lösung des ukrainischen Konflikts abhängen, vor allem die Zukunft Russlands und nicht zuletzt Europas.

Welche Rolle spielt die russische Gesellschaft bei diesem Konflikt?

Ich bin oft schier entsetzt, was in Russland über Deutschland geschrieben wird. Die Wut auf die deutsche Unterstützung der Ukraine ist so groß, dass die gesamte Versöhnungspolitik der letzten Jahrhunderte infrage gestellt wird. Die Kriegsrhetorik macht mich fassungslos. Doch wollen wir zulassen, dass der zivilgesellschaftliche Dialog und die wissenschaftlichen Kontakte völlig einbrechen? Die politischen Kontakte werden sicherlich kaputt gehen, aber die Menschen müssen weiter miteinander reden, es zumindest versuchen. Anders als im Kalten Krieg, wo West und Ost völlig voneinander abgeschnitten waren und faktisch nur Geheimdienstler mit geladenen Pistolen miteinander verhandelten, gibt es heute technische Möglichkeiten via Zoom und Skype miteinander zu kommunizieren. Wenn das alles nicht mehr funktioniert, dann wird es zappenduster. Schon jetzt werden die geistigen Abstände zwischen den Gesellschaften immer grösser.

Steht die russische Gesellschaft hinter dem, was Putin entscheidet und durchsetzen lässt? Ist die so kriegslüstern, wie sie beschrieben wird? 

Ich war seit über einem Jahr nicht mehr in Russland. Ich rede aber mit kundigen Leuten, meine Frau mit ihren Verwandten in Russland. Die soziologischen Untersuchungen des Levada-Zentrums, aber auch vom Institut WZIOM, stellen fest, dass in Russland 15 bis 20 Prozent der Russen den Krieg ablehnen. Das ist eine große Anzahl von Menschen, die Russland verlassen könnten. Dann sind 20 Prozent der Russen für den Krieg. Das sind die Hurra-Patrioten, die nichts auf Russland kommen lassen wollen. Egal was Russland tut – sie stehen dahinter und möchten den Sieg. Diese Menschen werden „воинствующая Россия“, „kriegerisches Russland“, genannt. 20 Prozent: das sind nicht wenige, etwa 35 Millionen Menschen. Der Rest sind dann diejenigen 60 Prozent, die passiv sind. So eine Haltung existiert in jeder Bevölkerung, die sich plötzlich im Kriege wiederfindet. Der größte Teil der Bevölkerung will immer nur überleben.

Im Prinzip wird hierzulande derzeit versucht, die „Ostpolitik“von Willy Brandt, Egon Bahr und anderen quasi auf den Müllhaufen der Geschichte zu entsorgen. Eine der letzten und unermüdlichen Stimmen in Deutschland für Verständigung und Frieden war die kürzlich verstorbene Grünen-Mitgründerin Antje Vollmer. Sie standen ihr in den letzten Jahren politisch sehr nahe. 

Antje Vollmer hat bis zu ihrem Tode mit Herzblut für eine Verständigung zwischen Deutschen und Russen geworben. Sie war gegen den Bellizismus der deutschen Eliten, unterzeichnete zahlreiche Friedensappelle, redete mit der russischen Seite und setzte sich in diversen Gesprächsforen für eine konkrete Friedenslösung im Ukraine-Konflikt ein. Sie stand mitnichten für ein banales Appeasement. Sie glaubte fest an die Ernsthaftigkeit und Alternativlosigkeit der friedlichen Koexistenz, die die Welt in den 1980er Jahren vor einem Atomkrieg – damals schien es für immer –bewahren konnte.

In Ihrem Buch „2054 – Putin decodiert“ schreiben Sie unter anderem: „Es war nie einfach, Russlandfreund zu sein.“ In dem letzten Buch, „Die Anmaßung“ bezeichnen Sie sich selber als Verzweifelter und schreiben, dass Deutschland und Russland historisch verdammt dazu seien, sich zu vertragen. Wie kann das möglich sein, wenn es zu einem Ende des Krieges kommt? Welche Chancen könnte es geben, danach wieder ins Gespräch zu kommen, Verständigung wieder zu erreichen?

Ich bin weiterhin Anhänger der These, dass Deutschland zwar heute keine Mittelmacht mehr ist und natürlich fest in den transatlantischen Kontext eingebunden ist. Aber Deutschland hat als die größte und wirtschaftlich stärkste Nation, die entscheidend – positiv wie negativ – europäische Geschichte geschrieben hat, auch eine besondere Verantwortung gegenüber Russland. Ich finde es nicht hilfreich, wenn wir demnächst die Ukraine gegen Russland umtauschen. Die Russen einfach nach Asien zu katapultieren, aus Europa herauszuschmeißen, in der Hoffnung, dass Russland zerfällt – das wird nicht funktionieren. Und in der Ukraine das neue Russland zu sehen, als Modell eines demokratischen, liberalen, freien slawischen Staates, mit dem man dann die eigentlichen künftigen Ostverträge abschließt und die Ostpolitik gestaltet – das wird ebensowenig klappen. Die „Cancel Culture“ gegenüber allem Russischen wird den europäischen Kontinent nicht befrieden. Verzweifelt bin ich, weil ich kaum mehr Leute treffe, die mit mir einverstanden wären. Entweder muss ich mir eingestehen, dass ich in den vergangenen drei Jahrzehnten mit „Knalltüten“ aufgewachsen bin, darunter Genscher und Bahr, die sich von Russland an der Nase herumführen ließen – halt „nützliche Idioten“. Oder sollte man eher fragen, ob nicht die Gegenwartspolitiker falsch liegen? Wir haben 1000 Jahre mit einem russischen Nachbarn gelebt, die längste Zeit mit dem zaristischen Reich, das seit 1054 in einem Schisma mit dem westchristlichen Heiligen Römischen Reich lag. Dennoch hat Europa, trotz der Kriege, immer wieder zur Friedensordnung zurückgefunden. Putins Russland ist kein Feind des Westens, ein Verlust Europas wäre tödlich für Russland. Auf dieser Grundlage muss an den „Tag danach“ gedacht werden.

Dr. Alexander Rahr ist Osteuropahistoriker und Politikwissenschaftler. Er war 20 Jahre Leiter des Russland-Eurasien Zentrums in der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) und als Unternehmensberater tätig. Heute ist er Vorsitzender der „Eurasien Gesellschaft“ (https://www.eurasien-gesellschaft.org/).

COMMENTS

WORDPRESS: 2
  • comment-avatar
    A.Düngen 7 Monaten

    Im allem was geshrieben ist, finde ich gutund brauchbar,aber das wichtigste
    im allem ist der Frieden.Unkraine durch Selenskij darf nicht gewinnen.Selenskiy
    ist der größte Feind ., und zerstört sein eigenes Land mit seinen Menschen.

  • comment-avatar
    Horst Beger 10 Monaten

    In dem ausführlichen Gespräch mit Alexander Rahr hat dieser im letzten Absatz mit der Erwähnung des Schismas von 1054, in dem sich die Ostkirche endgültig von der Westkirche getrennt hat, einen Hinweis für den „Tag danach“ gegeben. Vorausgegangen war diesem Glaubensstreit das letzte gemeinsame Konzil in Konstantinopel von 869, das von der Ostkirche nicht mehr anerkannt wird. Darin hatte Patriarch Photios von Konstantinopel und die Ostkirche gegenüber Papst Nikolaus I. und der Westkirche auf dem aus dem antiken Griechenland stammenden trinitarischen Menschenbild eines Wesens aus Leib, Seele und Geist, der Trichotomie bestanden. Während Papst Nikolaus I. und die Westkirche dieses Menschenbild für Unsinn erklärten und postulierten, der Mensch bestehe nur aus Leib und Seele, der Dichotomie, und den Geist könne allenfalls die Kirche vermitteln. Dieser Glaubensstreit und seine Folgen haben sich unausgesprochen bis heute fortgesetzt, auch wenn in unserer weitgehend säkularisierten Welt andere Kräfte wirksam sind. Der amerikanische Politologe Samuel Huntington hat in seinem Buch „Kampf der Kulturen“ von 1996 darauf hingewiesen, dass das westliche(römische) Christentum das östliche(russische) Christentum seit über tausend Jahren bekämpft und, dass diese „Kulturgrenze“ auch die Ukraine in eine vom russischen Christentum geprägte Ostukraine und eine vom römischen Christententum beeinflusste Westukraine teilt, also ganz aktuell ist, ohne auf den substanziellen Unterschied einzugehen. An solche spirituellen Fragen wird vielleicht erst am „Tag danach“ wieder gedacht, wenn es einen solchen gibt.

  • DISQUS: 0