Die Hoffnung stirbt immer zuletzt – Leiden rund um den Holocaust

Die Hoffnung stirbt immer zuletzt – Leiden rund um den Holocaust

Wenn Ereignisse wie diese eintreten, ist das Letzte, worüber man schreiben will, die Politik. Schließlich sind der Gedenktag für die Opfer der nationalsozialistischen Konzentrationslager und der 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz Anlass zur Trauer. Nun, in gewisser Weise ist es auch ein Grund zur Freude für diejenigen, die dank der Roten Armee überlebt haben. Nach Angaben der israelischen Zeitung „Cursor“ gibt es heute 192 000 Holocaust-Überlebende in diesem Land. Ihr Durchschnittsalter beträgt 83,7 Jahre. Sechzehn Prozent von ihnen sind älter als 90 Jahre, und 834 Israelis haben das Alter von einem Jahrhundert überschritten. Für sie und ihre Familien, ihre Kinder und Enkelkinder ist dies natürlich ein Festtag. Denn diese Menschen hätten ihre irdische Existenz bereits Mitte der 1980er Jahre beenden können. Dementsprechend gäbe es auch heute keine Kinder, Enkel und Urenkel. Es war kein Zufall, dass der israelische Außenminister Israël Katz, der Wladimir Putin auf dem Flughafen Ben Gurion zum ersten Mal traf, dem russischen Präsidenten erzählte, dass auch seine Mutter als Jugendliche nach Auschwitz geschickt und dann von Soldaten der Roten Armee gerettet wurde.

Es ist bekannt, dass Auschwitz während der Weichsel-Oder-Operation am 27. Januar 1945 von den sowjetischen Truppen der 60. Armee der 1. Ukrainischen Front unter dem Kommando von Generaloberst Pavel Kurochkin befreit wurde. Dieses Datum im Jahr 2005 wurde von der UN-Generalversammlung als Internationaler Tag des Holocaust-Gedenkens festgelegt. Und normalen Menschen wird es nicht einfallen, diese Tatsache zu widerlegen zu wollen. Aber es sind seltsame Zeiten gekommen. So merkwürdig, dass ein Freund von mir, ein Priester, kürzlich schrieb: „Werden wir wirklich die Tage erleben, an denen die Befreiung von Auschwitz als Besetzung von Auschwitz bezeichnet wird“? Ich für meinen Teil denke, das ist ziemlich real. Weil die Politik versucht, nicht nur die Geschichte, sondern auch den gesunden Menschenverstand zu besiegen. Obwohl ich von Politikern ohnehin keinen gesunden Menschenverstand im menschlichen Sinne mehr erwarte.

Der Gedenktag in Israel ist plötzlich zu einer Linie der Spaltung geworden: nicht nur politisch, sondern auch menschlich. Zum ersten Mal hörte die Welt Putins Stimme zittern und sah ihn fast weinen, als er den Israelis dafür dankte, dass sie in Jerusalem die Gedenkstätte „Kerze der Erinnerung“ für die Helden der Leningrader Blockade eröffnet haben. Und das ist verständlich. Schließlich wurden seine Eltern in der Blockade eingeschlossen und sein älterer Bruder starb im gleichen blockierten Leningrad. Wir hörten den deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier in hebräischer Sprache beten. Wir haben gesehen, wie die Führer vieler Nationen an diesem Feiertag der Trauer sehr freundlich miteinander kommunizierten. Aber wir haben auch noch etwas anderes gesehen. Der Vizepräsident der Vereinigten Staaten entschied sich in seiner Rede nicht zu sagen, wer Auschwitz befreit hat. Und auch das ist verständlich. Das ist Politik. Selbst in Schulen in den Vereinigten Staaten und einigen europäischen Ländern wird den Kindern erzählt, dass Auschwitz von den Alliierten – Amerika und England – befreit wurde. Aber das ist noch gar nichts. Die Führer von Polen und Litauen weigerten sich, nach Israel zu kommen. Der polnische Präsident Andrzej Duda gab vor, von den Organisatoren beleidigt zu sein, weil sie ihm nicht die Möglichkeit gaben, das Wort zu ergreifen, obwohl im Voraus bekannt war, dass nur Vertreter der Länder, die der Anti-Hitler-Koalition angehörten, sowie der deutsche Präsident und der israelische Premierminister sprechen würden. Daraufhin erklärte Duda, dass er nicht an der Veranstaltung teilnehmen könne, bei welcher der Hauptgast Putin war. Gleichzeitig wurden der israelische Außenminister Israil Katz und der Gründer des „World Holocaust Forums“ Wjatscheslaw Kantor verbal angegriffen. Für was? Dafür, dass Sie genau wissen, welche Länder am Völkermord am jüdischen Volk beteiligt waren. Und weil sie offen darüber sprechen. Darüber hinaus hat Kantor erklärt, dass sich das Niveau des Antisemitismus in Europa heute bereits dem Niveau von 1938 nähere. Aber in Polen ist es heute verboten zu sagen, dass die Polen selbst an den Tagen des Herbstes 1945, als die Nürnberger Prozesse stattfanden, jüdische Pogrome organisierten. Am Vorabend des Weltforums zum Gedenken an den Holocaust setzte Polen sogar eine Sonderkommission ein, die genau beobachten musste, was Putin über Polen sagen werde, um sofort zurückzuschlagen. Aber Putin erwähnte Polen in seiner Rede nicht ein einziges Mal. Der Überlebende des Minsker Ghettos, Felix Sorin (87), sagte in einem Interview: „Indem er nicht hierher kam, beleidigte er im Gegensatz zu anderen Staatsführern die Überlebenden… Ich persönlich habe das als eine ernste Beleidigung aufgefasst… Er hätte für die Zeit des Krieges und die vor dem Krieg für sein Volk Buße tun müssen, aber Polen hat es nie getan.“

Nach dem polnischen Präsidenten sagte auch der litauische Präsident Gitanas Nauseda seinen Besuch in Israel ab. Auch das ist verständlich. Wenn die Schuld Litauens am Holocaust nicht zugegeben wird, warum dann hingehen? Damals waren es die Litauer, die 95% der jüdischen Bevölkerung in Litauen vernichteten – 220 000. Die litauische Schriftstellerin Ruta Vanagaite sagte in ihren Büchern, dass viele Studenten durch die Teilnahme an den Erschießungen Geld verdienten. Und nicht nur Studenten. Einer der Soldaten des „Nationalen Arbeitssicherheitsbataillons“, der an der Vernichtung der Juden beteiligt war, erzählte Ruta, wie ganze Familien erschossen wurden. Aber gleichzeitig versuchte er, wie ein Humanist auszusehen. „Wir sind keine Bestien“, sagte er, „die ein Kind vor den Augen seines Vaters töten. Deshalb haben wir zuerst die Eltern getötet“. Im vergangenen Jahr brach ein echter Skandal um Ruta Vanagite aus. In ihrem Buch „Die Unsrigen“ schrieb sie, dass der litauische Nationalheld Adolfas Ramanauskas während des Krieges aktiv an der Vernichtung der Juden beteiligt war. Daraufhin nahm der Verlag Alma littera, das Buch Rūta von Vanagaite aus dem Verkauf und stellte die Zusammenarbeit mit ihr ein. Und Ruta selbst war Beschimpfungen durch die sogenannte Öffentlichkeit ausgesetzt.

Auch der Präsident der Ukraine, Volodymyr Selensky, befand sich in einer schrägen Situation. Er kam nach Israel, tauchte aber unter einem merkwürdigen Vorwand nicht auf dem Forum in der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem auf. Auch ihn kann man verstehen. Wenn Russen in der heutigen Ukraine über Nazis sprechen, kann das ignoriert werden, indem man erklärt, das sei russische Propaganda. Aber hier passt es für Selensky absolut nicht, dass die Central Intelligence Agency der USA kurz vor dem Forum geheime Archivdokumente mit der Unterschrift: „freigegeben nach dem Gesetz zur Offenlegung von NS-Kriegsverbrechern“ veröffentlicht hat. In diesem Dokument heißt es, dass der Führer der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN), Stepan Bandera, „ein Agent von Hitler“ war. Seine Organisation brachte innerhalb von nur fünf Wochen 15.000 Juden, fünftausend Ukrainer und mehrere tausend Polen um. Mit diesen Methoden versuchte die OUN ihren Staat aufzubauen. Und was sollte der arme Selensky als Präsident eines Landes auf dem Forum machen, in dem jetzt überall Denkmäler für Bandera aufgestellt sind, in dem Straßen und Alleen nach ihm benannt sind, in dem jedes Jahr am 1. Januar zu dessen Geburtstag Fackelumzüge im Zentrum von Kiew organisiert werden? Höchstwahrscheinlich ist Selensky deshalb nicht aufgetaucht.

Nach übereinstimmender Meinung der Teilnehmer des Forums wurde der Aufruf Putins, ein Treffen der führenden Vertreter der fünf Mitgliedsstaaten des UN-Sicherheitsrats abzuhalten, der Länder also, die zu den Gründern dieser Organisation gehören, als eine zentrale Vorschlag anerkannt. Nach dem Plan des russischen Präsidenten sollten die Führer endlich die wichtigsten Weltprobleme erörtern und zu einer Art Übereinkunft kommen, damit sich der Schrecken aus der Mitte des XX Jahrhunderts nicht wiederholt. Wenn dies gelingt, wird zumindest eine gewisse Hoffnung aufkommen. Stirbt die Hoffnung doch immer zuletzt.

Efim Bershin

Übersetzt von Kai Ehlers

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COMMENTS

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    Horst Beger 10 Monaten

    Auch der Gedenktag an den Holocaust in Israel ist, wie Efim Bershin aufzeigt, ein stückweit Politik. Und wenn der zitierte W. Kantor erklärt, „dass sich das Niveau des Antisemitismus in Europa heute bereits dem Niveau von 1938 nähere“, so ist auch das auch ein Stück Ablenkung von den eigentlichen Tätern, 1933 Hitler an die Macht gebracht haben. Das waren nicht die Nationalsozialisten, die vor der Inmachtsetzung nur einen Stimmanteil von 30% hatten. Sondern es war eine Intrige im Reichspräsidentenpalais um den Zentrumspolitiker und päpstlichen Kammerherrn von Papen, die Hitler zum Reichskanzler ernannten und von Papen zum Stellvertreter, „um ein Bollwerk gegen den Bolschewismus zu
    schaffen“ – wohl wissend, dass Hitler auch die Juden vernichten wollte. Und auch die römische Kirche hat mit Hitler kollaboriert, um ihre eigenen Interessen zu wahren, und zur Mitschuld am Holocaust bis heute geschwiegen.

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