MARKTZENSUR – Literarische Zeitschriften werden in Russland geschlossen

MARKTZENSUR – Literarische Zeitschriften werden in Russland geschlossen

In Russland gibt es eine neue Epidemie: Es erkranken und sterben die so genannten „dicken“ Literaturzeitschriften. Erst kürzlich stellten „Oktober“, „Gefter“, „Buchbesprechung“, „Arion“ ihr Erscheinen ein. Eine unumgängliche Schließung gab der Chefredakteur der berühmten St. Petersburger Zeitschrift „Stern“ bekannt. Am Rande der Einstellung steht „Neue Welt“. Natürlich hat das Hinscheiden der Literaturzeitschriften nicht erst heute begonnen. Der Niedergang setzte nach dem Perestroika-Boom ein, während dessen einige der Zeitschriften, die die Möglichkeit hatten, alles zu veröffentlichen, was in der Sowjetzeit verboten war, in Millionenauflage herauskamen. Der Rückgang dauerte zwei Jahrzehnte. Heute ist klar, dass das Verblassen und Schließen von Literaturzeitschriften eine Tendenz ist. Die Tendenz ist durch eine Reihe von subjektiven und objektiven Faktoren bedingt.

Allem voran müssen wir über die Zeit sprechen, in der wir leben, und über die überwältigende konsumistische Ideologie des Landes. Darin ist alles einfach. Die Wahrnehmung ernsthafter Literatur aber ist eine ernsthafte Mühe. Ernsthafte Literatur kann nicht „konsumiert“ werden. Sie kann nicht auf der gleichen Theke wie Parfums, Dessous oder festliche Souvenirs verkauft werden. Aber bei uns, angefangen in der Schule, wurde seit Jahren der Verbraucher angesprochen. Große Literaturzeitschriften passten einfach nicht auf den Markt. Man  hat es nicht einmal versucht. Zudem war es notwendig, um sich der speziellen Literatur des Marktes anzupassen, künstlerische Literatur überhaupt zu verbannen. Wenn einige literarische Zeitschriften noch am Leben sind, obwohl sie ein erbärmliches Dasein führen, so liegt das nur an den gut klingenden Namen, den ihre Vorgänger in anderen Zeiten erworben haben.

Ich glaube aber nicht, dass Literaturzeitschriften unnötig sind. Sie sind schon deswegen notwendig, weil im Zeitalter der Internet-Freizügigkeit, in der alles Mögliche veröffentlicht werden kann, Zeitschriften erlauben eine qualitative Auswahl zu treffen. Eine solche Auswahl ist natürlich ebenfalls geschmacklich oder gar aus politischen Gründen extrem subjektiv (was natürlich Unsinn ist), vermittelt aber trotz allem eine Vorstellung von seriöser Literatur. Ich bin mir im Klaren darüber, dass erstens eine solche Auswahl für Millionen von Schriftstellern sehr ärgerlich ist,  dass zweitens Zeitschriften von der neuen computergestützten Generationen nicht mehr benötigt werden und dass solche Journale drittens vom Staat überhaupt nicht gebraucht werden. Alles hat sich verändert. Wenn vor zwanzig und mehr Jahren an unserem Lyrikabend im Polytechnikum, viele Regierungsmitglieder und Abgeordnete anwesend waren und die Twerskaja Straße von Werbespruchbändern dazu überspannt wurde, so lacht man dir bei dem  Wort „Poesie“ heute ins Gesicht. Warum ist das so? Weil es früher prestigeträchtig war, Dichter zu hören und sie sogar zu kennen. Heute werden Dichter aus dem sozialen Alltag ausgeklammert. Der Beamte ist der Erste, der die Trends spürt. Wenn wir ganz objektiv sein wollen, müssen wir zugeben, dass niemand Literaturzeitschriften braucht. Weder der Staat, noch unsere eigenen Kunstmäzene, noch die Herausgeber selbst (wenn man sie im eigentlichen Sinn des Wortes versteht). Es ist lästig. Und es bringt kein Geld.

Aber es gibt noch ein paar Faktoren, deren Wirkung niemand aufgehalten hat und auch nicht aufhalten kann. Der Kampf um Macht in der Literatur (obwohl es mir lächerlich erscheint) und um die Kontrolle über Preisvergabe. Dafür reicht es, ein Magazin mit einer Auflage von hundert Exemplaren zu produzieren – für Präsentationen und Auszeichnungen. Aber die Magazine gehen zugrunde, weil sie sich seit alter Sowjetzeit an große Redaktionsräume, einen riesigen  Mitarbeiterstab, Planerstab und andere Attribute der vergangenen Zeit gewöhnt haben, ohne die die neuen Netzwerkmagazine perfekt auskommen.

Es fällt mir schwer zu sagen, ob die Leser der Massenpresse das Verschwinden beispielsweise der „Journal Hall“ bemerkt haben, in der alle Materialien von Papierzeitschriften elektronisch veröffentlicht wurden. Niemand hat zu diesem Thema Umfragen durchgeführt. Aber ich nehme an, dass das Verschwinden der literarischen Papierzeitschriften selbst von den Schreibenden nur einen kleinen Teil beunruhigt hat. In die Provinz sind Journale schon lange nicht mehr gekommen. Selbst in Moskau ist es schwierig, Moskauer Zeitschriften zu kaufen, geschweige denn in St. Petersburg. Daher reagiert das Publikum praktisch in keiner Weise. Zur Unterstützung der „Journal Hall“ sind fast ausschließlich Schriftsteller und Dichter aufgestanden. Das ist nicht verwunderlich, schließlich schreiben und lesen sie schon seit langem sich selbst.

Natürlich ist es unmöglich, alte „dicke“ Zeitschriften zu formatieren, ohne die neuen Technologien zu berücksichtigen. Und einige neue Zeitschriften gewinnen auch heute noch an Popularität, weil ihre Papierausgaben die besten von dem bringen, was auf ihren Websites gedruckt wird. Arbeiten auf einer gut organisierten Website lesen Zehntausende, während Papierausgaben, im besten Fall – Hunderte von Menschen erreichen. Schließlich ist das Hauptproblem heute nicht mehr, wie man ein Magazin herausgibt, sondern wie man es die Leser erreicht. Ich zum Beispiel mache es einfach: Ich gehe auf die Bühne und lese. Nachdem ich im vergangenen Jahr etwa zwei Dutzend Städte mit Auftritten besucht hatte, war ich überzeugt, dass Poesie noch immer gefragt ist, die Leute kommen und hören sich die abendlichen Lesungen an. Aber sie wissen fast nichts über Zeitschriften. Deshalb reagieren sie in keiner Weise auf deren Schließung.  Sie sind sogar überrascht, wenn sie hören, dass das eine oder andere Magazin noch herauskommt. Aber die Literatur selbst lebt natürlich und wird leben. Mit oder ohne dicke Magazine. Das ist die Hauptsache.

Und noch ein Letztes. Einige allzu politisierte liberale Propagandisten versuchen, die Schließung von Zeitschriften durch die Verschärfung und politische Zensur des Regimes zu erklären. Aber wir haben keine Zensur für literarische Werke. Es gibt eine andere Zensur: die Zensur des Marktes. Und die hat sich als noch beängstigender erwiesen als die politische Zensur.

Yefim Bershin

Übersetzt von Kai Ehlers

Original in russischer Sprache >>>

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