Nobelpreis Lücke

Nobelpreis Lücke

Die Nachricht, dass der diesjährige Nobelpreis für Literatur nicht vergeben wird, ist schon lange keine Nachricht mehr. Anscheinend kam die schwedische Akademie zu dem Schluss, dass die Literatur im vergangenen Jahr keine Genies hervorgebracht hat. Vielleicht ist es so.  Nicht jedes Jahr erscheinen brillante Werke. Das ist im Übrigen seit langem bekannt. Wenn jedes Jahr Genies auftauchten, hätten in den letzten Jahren keine Preise vergeben werden müssen, etwa an die Publizistin Swetlana Alexejewitsch oder den Sänger Bob Dylan – das Jugendidol von etwa achtzigjährigen Mitgliedern der Akademie, die Dylan vor 50 Jahren verehrten und sich heute daran erinnern. Nostalgie für die Jugend kennen natürlich alle. Aber bei allem Respekt vor Alexejewitsch oder Dylan, sie sind keine Schriftsteller. Vor allem vor dem Hintergrund derer, die in den vergangenen Jahren mit dem Preis ausgezeichnet wurden – vor dem Hintergrund von Kipling, Rolland, Thomas Mann, Goldsworthy, Faulkner, Solschenizyn, Bunin, Pasternak, Brodsky, Hemingway und vielen anderen. Freilich, wie ein russisches Sprichwort sagt: „Hast du keine Fische – tut es auch der Krebs.“

Aber vielleicht ist die Sache ganz anders. Es könnte sich um einen elementaren Skandal handeln, an dem das Nobel-Akademiemitglied Katharina Forstensen und ihr Ehemann, der Fotograf Jean-Claude Arnaud, beteiligt waren. Arnaud wurde vorgeworfen, die Namen zukünftiger Preisträger lange vor der offiziellen Bekanntgabe genannt zu haben. Woher konnte er sie kennen? Nur von seiner Frau – einem Mitglied der Akademie. Arnaud wurde zudem der sexuellen Belästigung beschuldigt. Tatsache ist, wen genau Jean-Claude sexuell belästigt hat – ist unbekannt. Ob zukünftige Gewinner oder gewöhnliche Passanten auf der Straße. Es bleibt ein Rätsel. Nach diesem Nobel-Skandal trat übrigens auch die Sekretärin der Akademie Sarah Danius zurück.

Kurz gesagt, es gibt fast keine Romantiker und Idealisten mehr, weder im Leben noch in der Literatur. Von 1901 bis jetzt  gab es sie, jetzt nicht mehr. Was macht man da? Alfred Nobel vererbte den Preis schließlich an Idealisten, die fähig sind Meister des Denkens zu werden. So zum Beispiel Leo Tolstoi, der aber ohne Nobelpreis blieb. Ebenso Anton Tschechow, Ossip Mandelstam, Wladimir Majakowski, Marina Zwetaewa, Anna Achmatowa und viele andere russische und ausländische Schriftsteller und Dichter. Seit 1901 hat sich jedoch nicht nur die Welt verändert, sondern auch die Literatur. Deshalb haben wir heute das, was wir haben.

Aber auch das ist nicht das Traurigste. Am Ende sind in einer Demokratie alle gleich, und nicht alle können Erster sein. Alle sind Erste. Wie kann man in einer solchen Situation einen Preis vergeben? Dies ist das Erste. Zweitens wird der Nobelpreis nicht nur Schriftstellern verliehen, sondern beispielsweise auch Politikern. Ein Friedenspreis. Den erhielt zum Beispiel Yasser Arafat. Auch Barack Obama. Im Jahr 2009.  Und eben hatte er den Friedensnobelpreis erhalten, da bombardierte er sofort Libyen. Den Preis gab er nicht zurück. Kürzlich forderte der republikanische Senator Lindsay Graham von Fox News den Friedensnobelpreis für den US-Präsidenten Donald Trump. Wofür? Wahrscheinlich für gute Absichten und die Schaffung von Weltfrieden.

Insgesamt, etwas stimmt mit dem Nobelpreis nicht. Nicht zufällig erklärte der Vorstandsvorsitzende der Nobelstiftung, Karl-Henrik Heldin, dass „alle Mitglieder der Akademie verstehen, dass sowohl die umfangreichen Reformen als auch die zukünftige Organisationsstruktur von größerer Offenheit gegenüber der Außenwelt gekennzeichnet sein sollten.“ Ja, mehr Offenheit ist wünschenswert. Damit die Leute verstehen, an wen und wofür diese Auszeichnung vergeben wird. Um sie nicht zu diskreditieren. Ansonsten ist es besser, den Preis ganz zu schließen, um die öffentliche Meinung nicht zu stören.

Efim BERSHIN

Übersetzung: Kai Ehlers

zum russischem Original hier >>>

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